Like us

Leben heißt Veränderung

"Die Berufung - Ihr Kampf für Gerechtigkeit"
Der Kampf von Ruth Bader Ginsburg um mehr Gleichberechtigung ist als Kernthema dieses Films so aktuell wie selten zuvor. Weil er vom gesellschaftlichen Umbruch zeugt, der gerade wieder stattfindet.

In den USA ist Ruth Bader Ginsburg so etwas wie eine lebende Legende. Die 85-Jährige ist seit 1993 Richterin am US-Supreme Court - berufen wurde sie einst vom demokratischen Präsidenten Bill Clinton. Bader Ginsburg gilt als liberales Gewissen der USA, in Zeiten, da das oberste Gericht des Landes von konservativen Richtern dominiert wird. Vor wenigen Monaten erst widmete sich die Dokumentation "RBG" der resoluten Frau, die als Kämpferin für die Rechte der Frau in die US-Geschichte eingegangen ist. Jetzt setzt ihr Mimi Leders Geschichtsdrama "Die Berufung" ein Denkmal.

Ruth Bader Ginsburg, im Film gespielt von Felicity Jones, war eine der ersten Jurastudentinnen an der renovierten Elite-Universität Harvard. Die USA waren damals, in den 1950er-Jahren, noch ein anderes Land. Frauen durften viele Berufe nicht ausüben und blieben vor allem daheim, um sich um die Kinder zu kümmern. Obwohl sie als Jahrgangsbeste abschloss, fand Bader Ginsburg in keiner Kanzlei eine Anstellung und musste sich mit einer Professur zufriedengeben, während ihr Mann Marty (Armie Hammer) als Steueranwalt Karriere machte.

Ein extrem aktueller Film

Durch ihn wird sie auf Charles Moritz (Chris Mulkey) aufmerksam, der sein Leben der Pflege seiner kranken Mutter gewidmet hat, den dafür üblichen Steuererlass aber nicht erhält, weil er ein Mann ist. Ruth wittert die Chance auf einen Präzedenzfall, mit dem die Diskriminierung von Frauen angegangen werden kann - indem man vor Gericht durchsetzen kann, dass Charles Moritz wegen seines Geschlechts diskriminiert wird.

"Die Berufung" ist geradlinig erzählt, aber auch klar in zwei Segmente unterteilt: einerseits der kürzere Handlungsbogen in den 1950er-Jahren, andererseits der wegweisende und bahnbrechende Rechtsstreit in den 70-ern. Faszinierend ist dabei zu sehen, wie sich das Land in nur zwei Jahrzehnten entwickelte. So sehr sogar, dass die Gesetze dem nicht mehr Rechnung trugen - die Gesellschaft war einfach schneller.

Trotz seines historischen Hintergrunds ist "Die Berufung" ein erstaunlich moderner und extrem aktueller Film. Denn er befasst sich damit, wie liberale Werte immer stärker Fuß fassen und wie gegen die Diskriminierung von Minderheiten vorgegangen wird. Er zeigt dabei auch, dass es einst nicht anders als heute war, dass dem Liberalismus immer auch ein starker Gegenwind entgegenbläst.

Predigt zu den Bekehrten

Stillstand bedeutet den Tod - auch und gerade für Gesellschaften. Das zeigt "Die Berufung" eindringlich. Leider aber wird wohl auch dieser Film vor allem zu den Bekehrten predigen, aber kaum jene erreichen, die von den seinen Denkanstößen profitieren könnten.

Technisch ist der Film von Mimi Leder ("Deep Impact", "Projekt: Peacemaker") routiniert umgesetzt. Die Ausstattung, die Kostüme, die Frisuren, die Kameraführung, all das ist ausgezeichnet. Einzig das Make-up hätte etwas prägnanter sein können, da man die 20 Jahre Alterung weder Felicity Jones noch Armie Hammer ansieht. Das wirkt besonders in den ersten Minuten nach dem Zeitsprung in die 1970er-Jahre irritierend, man gewöhnt sich jedoch daran, weil die von gerechtem Furor getragene Geschichte zu gut ist, als dass man sich an solchen Kleinigkeiten stören würde. Zumal Jones in ihrer Rolle brilliert.

"Die Berufung" ist ein wichtiger Film, der es wert ist, von einem großen Publikum gesehen zu werden. Mit Mimi Leder führte dabei genau die richtige Regie: Die 67-Jährige war 1973 die erste Frau, die ihren Abschluss am AFI Conservatory machte - der vielleicht wichtigsten Filmhochschule der Welt.