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Politik als Beruf

"Wagenknecht"
"Wagenknecht" - so nüchtern wie der Titel ist auch die Kinodokumentation über die Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht. Spannend ist der Film dennoch.

Sahra Wagenknecht gilt als professionelle, aber auch etwas kühle Politikerin. Der schlicht "Wagenknecht" betitelte Dokumentarfilm von Sandra Kaudelka macht erst gar nicht den Versuch, an diesem Image zu kratzen. Nur ganz selten sieht man hier die Linke unter den Linken privat, einmal beim Kaffeekochen, einmal beim Zopfflechten - das war's dann aber auch schon. Ihr Ehemann Oscar Lafontaine darf gar nur ein paar wenige Sätze sagen, privat ist auch davon nichts. Auch Weggefährten kommen kaum zu Wort.

In "Wagenknecht" geht es um etwas anderes, um einen Einblick in den Berliner Politbetrieb. Rund zwei Jahre lang, beginnend mit dem Bundestagswahlkampf 2017, hat Kaudelka ihr Studienobjekt Wagenknecht beobachtet. Man sieht die heute 50-jährige Politikerin auf großen Plätzen sprechen, wo sie vom Volk bisweilen wie eine Heilige gefeiert wird. "Die freu'n sich ja immer, die Leute", rutscht es ihr einmal raus, sichtlich stolz. Wagenknecht ist eine Gehetzte, die von einem Termin zum nächsten eilt. Und auch noch freundlich bleiben muss, wenn sie beim Interview gefragt wird, wie sie Kartoffelsuppe zubereite - Pürieren oder Stampfen?

Ganz oben

Die Kamera ist immer ganz nah an Sahra Wagenknecht, begleitet ihren Büroalltag und die langen Autofahrten durch die Republik. Es geht um Intrigen und vielleicht auch um Mobbing, bis Wagenknecht schließlich nicht mehr antritt für den Fraktionsvorsitz der Linken im Bundestag, und um die ersten Schritte der neuen Sammlungsbewegung "aufstehen". Für die Politik als solche, für Inhalte, interessiert sich der Film dabei kaum. Spannender ist ja auch das, was man in der "Tagesschau" nicht sieht, was vor sich geht, wenn all die anderen Kameras längst ausgeschaltet sind. Dieses Balancieren zwischen Selbstdarstellung und wirklicher Überzeugung, der Druck, immer präsent zu sein, zu allem eine Meinung haben zu müssen. "Ich finde mich eigentlich ganz nett", sagt Wagenknecht bei einem der vielen Interviews, zu denen sie der Film begleitet. All das macht die Dokumentation zu einem sehr universellen Porträt, über politische Grenzen hinweg.

Zu Beginn des 100-minütigen Films sieht man Sahra Wagenknecht auf dem Fahrrad. Da hat sie gerade den Mont Ventoux bezwungen, 1.900 Meter. Ganz oben also, doch die Wolken hängen tief, man erkennt das Tal, aber nicht viel mehr. So ähnlich muss es sich auch in Berlin manchmal anfühlen.