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Bastion der Solidarität

"Das Haus am Meer"
Eine hübsche Villa in einer malerischen Felsenbucht, alte Wunden und Trauer um verlorene politische Illusionen: "Das Haus am Meer" ist ein absorbierendes Kammerspiel um tief zerstrittene Menschen zwischen schwieriger Vergangenheit und höchst unsicherer Zukunft.

Ist es Frühjahr oder Herbst in "Das Haus am Meer"? Das Drama, das in einem Dorf an der französischen Felsenküste unweit von Marseille angesiedelt ist, gewinnt seinen spannungsvollen Reiz auch seiner aus jahreszeitlicher Ambivalenz. Die Möven kreischen gut gelaunt, aber die Sonne bricht nur sporadisch durch den grauen Himmel. Nicht viel anders ist den Menschen zumute. Die alternde Schauspielerin Angèle (Ariane Ascaride) hat es hierher verschlagen, weil ihr Vater einen Schlaganfall erlitten hatte. Im Kamelhaarmantel, über den Fischgeruch die Nase rümpfend, stapft sie am Hafenbecken an einem jungen Fischer vorbei, der sie verehrt.

So unsensibel gehen auch die vorzeitigen Erben des Hauses am Meer, zu denen Angèle gehört, miteinander um. Das Publikum ist geneigt, es ihnen gleichzutun und dem Film ebenfalls die kalte Schulter zu zeigen. Zunächst jedenfalls. Regisseur Robert Guédiguian, in Deutschland kaum bekannt, gelingt dann aber schnell das Kunststück, tiefes Interesse für die verbitterten und in sich eingekapselten Menschen vor seiner Kamera zu erwecken. Fast werden sie Teil des eigenen Lebens.

Ewiger Geschwisterzwist

Die Geschwister, die "Das Haus am Meer" versammelt, sind kaum weniger stumm als ihr kranker Vater. Und wenn sie doch etwas sagen, steckt viel Bosheit darin. Angèle hegt Trauer und tiefen Groll. Ihre kleine Tochter ist einst ertrunken, weil ihr Vater nicht richtig auf sie achtgegeben hatte. Ihr Bruder Joseph (Jean-Pierre Darroussin) ist zum Zyniker geworden, seit er nicht mehr seinen Posten als hoher Gewerkschaftsfunktionär innehat. Zudem befürchtet er, dass seine junge Geliebte Bérangère (Anais Demoustier) ihn bald verlässt. Der andere Bruder Armand (Gérard Meylan) fühlt sich von seinen Geschwistern mit dem Restaurant alleingelassen, das der Vater gegründet hatte.

Dabei gibt es eigentlich genug Gründe zusammenzuhalten. Der Turbokapitalismus greift nach dem Dorf: Mieten steigen rasant, Spekulanten haben ein gieriges Auge auf die herrliche Meereslage nicht zuletzt der Villa geworfen. Soldaten fahren Patrouille und fragen die Bewohner nach Flüchtlingen aus, die an der Küste gelandet sind. Eine Begegnung mit Flüchtlingskindern in den Bergen wird zur Nagelprobe, ob der Geist kollektiver Solidarität noch lebendig ist, als dessen Bastion Villa und Restaurant einst geschaffen worden waren.

Verborgenes sichtbar machen

Er habe sich bei seinem Kammerspiel bewusst des Verfremdungseffekts von Bertolt Brecht bedient, so Regisseur Guédiguian gegenüber der französischen Filmzeitschrift "Positif". Verborgenes werde dadurch sichtbar. Zweifelsohne ist der Kunstgriff gewöhnungsbedürftig. Wenn die Leute wie entrückt, wie von einem anderen Ort aus sprechen und agieren, wirkt das nun einmal merkwürdig. Aber es zeigt, wie gefangen sie sind, in ihren politischen Tiraden wie Joseph oder in ihrer Melancholie wie Angèle. Sie werden dadurch zugänglich, öffnen sich für den Betrachter. Zugleich drückt sich die Last der Vergangenheit aus. Es ist nur konsequent, dass Guédiguian die Jüngeren wie Bérangère spontaner und unbedarfter agieren lässt.

Die langsame, geduldige und Geduld abfordernde Kunst des Kinos führt sie zusammen: Vergangenheit und Zukunft, Alt und Jung, neue und alte Werte, den Film und die Zuschauer. Das ist eine ganz eigene Art, Solidarität zu feiern.