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Eine Gefangene ihrer Zeit

"Emma"
"Emma" ist die vielleicht beste Verfilmung des gleichnamigen Romans von Jane Austen. Der Film porträtiert eine Gesellschaft, die sich um Kopf und Kragen redet.

Schon wieder eine Jane-Austen-Verfilmung? Nach TV-Serien im Dutzend, der Filmbiografie "Geliebte Jane" und einem seit Mitte der 90er-Jahre ununterbrochenen Schwall an Leinwandadaptionen dürften selbst die größten Fans der Romane sich fragen, warum bitte es noch eine "Emma"-Adaption braucht. Die Antwort ist einfach. Die amerikanische Fotografin und Erstlingsregisseurin Autumn de Wilde, bekanntgeworden mit Musikvideos, hat es geschafft, dem Gehalt des Romans so nahezukommen wie bisher niemand vor ihr. Die aktuelle "Emma"-Verfilmung ist die beste des Romans und wahrscheinlich die lebendigste, klügste und am besten fotografierte Filmversion eines Austen-Werks überhaupt. Punkt.

Zwar wird auch bei de Wilde ununterbrochen geredet, meist über Dritte, aber die kräftigen Bilder lassen die stets im hohen Ton des frühen 19. Jahrhunderts gehaltenen Dialoge zusehends wie unerhebliches Gemurmel wirken. Und sie bringen deren eigentliche Tragweite zu Tage: Hier schwätzt eine Gesellschaft um ihr Leben. Gefangen in überladenen Zimmern, unwillig oder unfähig, einer sinnvollen Tätigkeit nachzugehen, reden sich die Reichen zwei Stunden lang um Kopf und Kragen, ganz einfach, weil sie sonst nichts zu tun haben. Und bei Jane Austen sind dies besonders die Frauen, speziell die reichen.

Die englische Schriftstellerin war selbst in eine Pfarrersfamilie geboren worden, kein Quell großen Vermögens, aber weil jeder in der dörflichen Gegend ihren Vater kannte, kam sie auch in Kreise, die gesellschaftlich in hohem Ansehen standen. Außerdem besaß ihr Vater eine große Bibliothek, und die junge Jane bediente sich daraus ausgiebig. Wie die Figuren in ihren Romanen spaziert auch sie selbst ausgiebig durch die liebliche Landschaft ihres Geburtsorts Steventon südlich von London. Lesen und Spazierengehen - das sind schließlich auch im Werk von Jane Austen ständig wiederkehrende Themen.

Wer war Emma? Nun, gewiss keine Emma Bovary. Austens Romanheldin - das Buch erschien 1815 - lehnt sich keineswegs gegen die herrschenden Verhältnisse auf. Dies wird Frauen erst 40 Jahre später bei Flaubert zugestanden. Die englische Emma (im Film glaubwürdig verkörpert von Anya Taylor-Joy, bekannt aus "The Witch" und "Glass") tut ihr Bestes, um ihre erschütternde Tatenlosigkeit zu kaschieren und den Tag irgendwie rumzukriegen: Sie kümmert sich um das Liebesleben anderer Frauen. Ehekupplerin nannte man das damals.

Erdrückende Verhältnisse

Zuerst ist ihre Haushälterin dran, dann unter größten Schwierigkeiten auch ihre beste Freundin Harriet (Mia Goth), bis sie selbst irgendwann ebenfalls in amouröse Verwicklungen gerät. Doch, wie gesagt, dieser gesellschaftliche Firlefanz spielt sich nur an der Oberfläche ab. Was Regisseurin Autumn de Wilde eigentlich zeigt, ist die Abhängigkeit aller Figuren von ihrer Geburt, ihre widerspruchslose Akzeptanz der ihnen dadurch auferlegten Rollen, aber auch die schiere Unmöglichkeit, daraus auszubrechen.

Ständig sind Möbel im Bild zu sehen, erdrücken die Menschen, die sich in diesen völlig überfüllten Räumen aufhalten müssen - Nippes auf Abstellflächen, schwere Ölschinken an den Wänden, dunkle Paravents, die ständig hin und her geschoben werden. "Emma" zeigt die erstickende Innenarchitektur ganz unaufdringlich als Parallele zu den atemabschnürenden Gesellschaftsverhältnissen. Der Vater (großartig: Bill Nighy) sitzt ununterbrochen im Salon und liest, wobei es ihm ständig um die Knie zieht und er nach einem Wandschirm verlangt, der ihn vor dem "krankmachenden Luftzug" schützen soll.

Ja, "Emma" ist auch witzig, mit dem Patriarchen im Zentrum dieser Gesellschaftskomödie mit bitteren Zügen. Die noble Herrschaft kann sich nicht einmal allein anziehen, geschweige denn selbst für irgendetwas im Haushalt sorgen (an Dinge außerhalb des heimischen Anwesens ist sowieso nicht zu denken), jeder Handgriff wird ihnen von Dienern abgenommen. Wie ein Korsett legen sich die Konventionen um die sogenannte bessere Gesellschaft: keine Berührung, kein falscher Schritt, jedes Trippeln ist wohlbedacht, und auch die Tänze sind schematisch und steif, kommen fast ohne Körperkontakt aus. Trotzdem flippt niemand aus, alle bleiben in der Spur, reden und bewegen sich schicklich, und das rund um die Uhr. Nur den Blicken wird noch ein wenig Freiheit zugestanden, in ihnen spiegelt sich unterdrücktes Begehren - bis die Ehe alle Fesseln löst.

Selten hat ein Film so deutlich gezeigt, dass einzig die Heirat damals nicht nur wirtschaftliche Sicherheit und sozialen Aufstieg ermöglichte, sondern auch sexuelle Freiheit. Der gesamte Film steuert auf dieses letzte Bild von Emma zu, das ihr endlich gelöste Züge zugesteht.