Like us

Was für ein Schauspiel!

"Die zwei Päpste"
Anthony Hopkins und Jonathan Pryce sind "Die zwei Päpste": Die Netflix-Produktion über das Verhältnis von Papst Benedikt zu seinem Nachfolger Franziskus ist grandioses Schauspieler-Kino, wie man es nur noch selten zu sehen bekommt.

Man kennt es mittlerweile: Streamingdienst-Produktionen müssen für kurze Zeit im Kino gelaufen sein, um für renommierte Filmpreise infrage zu kommen. "Die zwei Päpste" von Oscar-Preisträger Fernando Meirelles ("City Of God") dürfte verdientermaßen in diese Kategorie fallen.

Der kluge, aber auch heitere Film über eher fiktive, aber nicht ganz auszuschließende Intensiv-Begegnungen zwischen dem deutschen Papst Benedikt (Anthony Hopkins) und seinem argentinischen Nachfolger Franziskus (Jonathan Pryce) ist mit das Beste, was man an großer Schauspielkunst in dieser Saison gesehen hat. Dank des inspirierten Drehbuchs des dreifach Oscar-nominierten Engländers Anthony McCarten ("Bohemian Rhapsody") bietet das Dialogstück aus dem Vatikan auch kurzweiliges Vergnügen.

Im Sommer 2012 bittet Kardinal Bergoglio Papst Benedikt um die Erlaubnis, zurücktreten zu dürfen. Der fortschrittlich denkende, vor allem in der Arbeit mit Unterpriviliegierten aktive Südamerikaner ist frustriert über die konservative Politik des Vatikans, die seiner Meinung nach die Zukunft der katholischen Kirche verspielt. Als Bergoglio in Rom eintrifft, wird er zur Papstresidenz in Castel Gandolfo gebracht, wo ihn Benedikt zum Gespräch empfängt. Schnell wird klar: Diese beiden Männer sind ebenso klug wie gegensätzlich. Und sie verfolgen - gezügelt von diplomatischer Sprache, scharfem Intellekt und dem tiefen Glauben an Gott und Kirche - unterschiedliche Ziele.

Benedikt will das Rücktrittsgesuch Bergoglios nicht annehmen. Stattdessen hat der greise und von Skandalen wie der Missbrauchsdebatte geplagte Benedikt eine andere Agenda, die sich aber erst im Laufe der stimmungsvollen Vier-Augen-Treffen herausschält.

Auch wenn "Die zwei Päpste" im Kern ein von flirrenden Dialogen und ebensolchem Schauspiel getragenes Kammerspiel ist, spröde ist der Film deshalb noch lange nicht. Meirelles' Stamm-Kameramann César Charlone ("City of God", "Der ewige Gärtner") taucht die päpstlichen Kammern, Gärten und Prachträume in ein warmes, farbensattes Licht. Der Soundmix kommt mit unterhaltsamen Songs daher. Auch ein paar amüsante, kurz auftauchende Nebenfiguren gibt es. Selbst Menschen, die Vatikan-Politik nicht die Bohne interessiert, dürften mit diesem Film vergnügliche zwei Stunden verbringen.

Intellektuelles und optisches Vergnügen

In einer Zeit, da Macht und Einfluss der katholischen Kirche immer mehr zu schwinden drohen, scheint das Publikumsinteresse an Papststoffen antizyklisch zu wachsen. Nach der fiktiven HBO-Serie "The Young Pope" (2016) und Wim Wenders' Doku-Porträt "Franziskus - Ein Mann seines Wortes" (2018) lief erst vor Kurzem Christoph Röhls sehr kritischer Dokumentarfilm "Verteidiger des Glaubens" über Papst Benedikt im Kino. Der mittlerweile 92-jährige Emeritus dürfte sich über das für ihn sehr viel positivere Fiction-Stück mit Anthony Hopkins freuen, sofern er sich - Zweifel sind angebracht - den Film im Kino oder gar mit einem post-päpstlichen Netflix-Abo anschaut.

Tatsächlich ist die Grundidee von "Die zwei Päpste" recht gewagt und wahrscheinlich sogar historisch komplett falsch. Dass Benedikt, der im Februar 2013 von seinem Amt zurücktrat, wirklich konkrete Pläne für seinen potenziellen Nachfolger hatte, scheint schwer vorstellbar. Dass es die im Film behaupteten Treffen - weit vor der Amtsübergabe - gab, ist laut Expertenmeinung ebenfalls eher unwahrscheinlich, jedoch nicht ausgeschlossen. "Inspiriert von wahren Begebenheiten", heißt es dazu im Film.

In seinen Details, den beiden nachgestellten Papst-Wahlen, in Reden und Zitaten, vor allem aber in der Darstellung des in Rückblenden erzählten Vorlebens Jorge Bergoglios, ist der Film allerdings sehr exakt. Bergoglios schwieriges, ambivalentes Handeln zur Zeit der argentinischen Militärdiktatur (1976-1983) wurde noch nie so exakt in einem Film thematisiert.

Vor allem ist "Die zwei Päpste" jedoch ein intellektuelles und optisches Vergnügen. Dazu der wohl beste Film des Brasilianers Fernando Meirelles seit "City of God" (2002). Weil die große Leinwand ebensolche Bilder und das faszinierende Schauspiel von Hopkins und Pryce noch mal unters Vergrößerungsglas legt, lohnt sich der Kinobesuch in diesem Fall besonders. Jedes Wort, aber auch jede Geste und Mimik ist ein Fest für den Betrachter. Bei Netflix ist "Die zwei Päpste" ab 20. Dezember zu sehen.