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Lieben für Fortgeschrittene

The Regrettes
Vier Teenager aus Kalifornien zitieren den Surf Rock der 60-er und den Punk der 90-er, um über Liebe zu singen. Was zunächst wenig innovativ klingt, führt bei The Regrettes zu sehr eigenständiger und selbstermächtigender Musik.

"Are you in love?", fragt Lydia Night mit dramatischem Unterton. Eine ganz schön herausfordernde Frage, immerhin läuft "How Do You Love?" doch erst seit fünf Sekunden. Nights Band The Regrettes beschäftigt sich auf Album Nummer zwei mit allen Facetten des Verliebtseins. Das junge Quartett aus Los Angeles spielt eingängigen und radiotauglich produzierten Punk Rock, der aber anders als die Musik von Blink-182 oder The Offspring nicht nach dem Soundtrack einer Teenie-Komödie klingt. Dafür sorgen mehrstimmiger Gesang, der Einflüsse aus Surf Rock und Doo Wop der 60-er bezieht, und eine Prise Riot Grrrl-Attitüde.

Das Bemerkenswerteste an The Regrettes ist die Fähigkeit, Altbekanntes neu zu vermitteln. So verhält es sich auch mit dem inhaltlichen Konzept des Albums: Songs über das Verliebtsein sind an sich keine bahnbrechende Idee. Das gesprochene Intro macht aber deutlich, welche Botschaft The Regrettes haben: Verliebtsein ist manchmal unangenehm, manchmal sogar angsteinflössend und manchmal richtig beschissen. Viele Erfahrungen mit dem Verliebtsein teilt man aber mit ganz vielen Menschen. Mit Lydia Night zum Beispiel, die sicher ist, dass wir darüber hinwegkommen - schließlich haben es ja andere auch schon geschafft.

Selbstliebe statt Partnersuche

Nights Texte sind punkig-direkt und trotzdem smart. Auf "California Friends" schenkt sie dem Lover keine selbstbespielte Kassette, wie in der Welt ihrer Eltern noch üblich, sondern eine Playlist. "I used to think that Romeo was full of shit", singt sie auf "Pumpkin" und bringt damit in völlig kitschfreier Manier eine Referenz auf die vielleicht kanonischste Liebesgeschichte der Welt unter. An diesem Punkt beginnt die Stimmung zu kippen. "How Do You Love?" folgt der Dramaturgie einer Beziehung, und wenn die "La-la-la"-Chöre und die mitklatschbaren Rock'n'Roll-Rhythmen sporadischer werden, wird klar, dass da was im Argen liegt.

Im Gegensatz zum klassischen Disney- oder RomCom-Narrativ muss bei The Regrettes aber niemand mit Blumenstrauß auf der Lauer liegen oder unter dem Balkon singen. "I'm a grown ass woman", singt Night stattdessen auf "Go Love You" und emanzipiert sich damit: Statt krampfhaft einen Partner zu suchen, kann man es auch einfach mal mit Selbstliebe versuchen. Die "La-la-la"-Chöre und die mitklatschbaren Rock'n'Roll-Rhythmen kehren zurück, wenn auf dem letzten Track noch einmal die Titelfrage gestellt wird, während Lydia Night über glücklich wirkende Pärchen lästert und ganz offensichtlich nichts vermisst. The Regrettes beschäftigen sich auf "How Do You Love?" nicht aus Pathos-Gründen mit der Liebe, sondern weil das popmusikalische Konzept von der Liebe sich seit den 60-ern und 90-ern noch nicht ausreichend erneuert hat.