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Inferno Digitalis

Laut, schrill, hektisch: In "Assassination Nation" läuft ein Datenleak aus dem Ruder, sodass sich eine ganze Stadt bemüßigt fühlt, zur Hexenjagd auf vier Mädchen zu blasen. Doch die haben Knarren.

Dass "Assassination Nation" in Salem spielt, ist natürlich kein Zufall. Salem, da war doch was! Richtig: die Hexenprozesse. 20 Frauen wurden verbrannt, zehnmal so viele beschuldigt. Es gab Folter, Falschaussagen, Verdächtigungen. Und natürlich aufgebrachte Bürger, die sich um den Anstand sorgten. Mehr als 400 Jahre ist das her. Heute macht man natürlich keine Jagd mehr auf Hexen. Zumindest nicht analog. Das geht viel effizienter, aber nicht minder brutal mit digitalen Mitteln. Wo das alles hinführt, davon erzählt Regisseur Sam Levinson in einer tiefschwarzen und blutroten Satire, die schwer zu ertragen ist. Nicht nur wegen der explizit trashigen Oberfläche, sondern vielmehr wegen der treffsicheren Beschreibung einer Gegenwart, die sozial banal, die gewalttätig, die verächtlich ist.

Die modernen Hexen heißen Lily (Odessa Young), Bex (Hari Nef), Sarah (Suki Waterhouse) und Em (Abra). Die Mädchen sind in der High School, ziehen sich aufreizend an und reden, schreiben, instagrammen, twittern, facebooken, vor allem über Sex. Ob man denn endlich geleckt wurde, wer wen flachlegen will - solche Sachen. Dabei ist natürlich nicht alles der zur Schau gestellten Freizügigkeit echt. Aber ohne kalkulierte Tabubrüche bekommt man in Social-Media-Kanälen heutzutage nun mal keine Aufmerksamkeit.

So viel zur Medienkritik in "Assassination Nation", durch die man erst mal durch muss. Laut, schrill, hektisch - Levinson hält sich nicht zurück, sondern der Generation Clipkultur den Spiegel vor. Aber eben nicht nur bildästhetisch. Unter der grellen Oberfläche tun sich schnell ziemlich tiefe Abgründe auf.

Ein anonymer Hacker entlarvt zunächst den homophoben Bürgermeister als Transvestiten und macht den Smartphone-Inhalt des High-School-Rektors öffentlich. Das ist zwar nur ein Vorspiel dessen, was kommt, aber es zeigt sich schon hier die ganze Bigotterie der Gesellschaft. Die ist zu mehr fähig als zu wütenden Elternversammlungen.

Als Hauptgang leakt der Hacker dann alle Daten aller Einwohner von Salem. Ein gefundenes Fressen für die Aufrechten der Stadt, die sich mit Masken in einem anonymen Mob verstecken, um Jagd auf all jene zu machen, deren Geheimnisse nun öffentlich sind. Eine der Zielscheiben ist Lily, die Sexting-Messages mit einem Familienvater ausgetauscht hat.

Ein unerhörter Skandal, findet die Bevölkerung von Salem und zieht los, die "Hexe" zu bestrafen. An Diskurs ist niemand interessiert, hier wird nichts mehr akzeptiert oder diskutiert - hier wird geballert. Doch Lily, aus deren Perspektive der Film erzählt wird, und ihre Freundinnen wehren sich. Mit allen Waffen, die sie zu fassen bekommen.

"Assassination Nation" ist kein Film der subtilen Bilder. Im Gegenteil. Es bleibt weitestgehend explizit in diesem wilden Rundumschlag von Film. Nicht jeder Schuss mag ein Treffer sein. Aber wer in polemischen Zeiten lebt, darf sich über polemische Filme weder wundern noch beschweren. Erst recht nicht, wenn sie sich mit drängenden Themen - von oberster Stelle sanktionierte Frauenverachtung, Xenophobie, Doppelmoral - der gesellschaftlichen Wirklichkeit mit solcher Wucht auseinandersetzen.