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Der Müllberg im Dschungel

Anna Aaron
Plötzlich avantgardistisch: Die Schweizer Sängerin Anna Aaron kombiniert ihre Folk-Wurzeln mit Synth-Pop und unternimmt auf ihrem neuen Album eine Erinnerungsreise in die Philippinen.

Anna Aaron hat zuletzt vier Jahre lang keine neue Musik veröffentlicht. Das lag unter anderem an kreativen Differenzen mit ihrem Ex-Label Two Gentlemen und damit vielleicht an der Weiterentwicklung ihres Sounds. Das Two-Gentlemen-Roster ist sehr jazzlastig, und in solche Schubladen passt Anna Aaron nicht mehr. Nachdem der klassische Folk ihres Fru?hwerks oft getragen und du?ster daherkam, klingt ihr Spiel mit elektronischer Pop-Musik auf dem neuen Album "Pallas Dreams" ungewohnt unbeschwert. Dadurch entsteht oft auch eine Schere zwischen Aarons Sound und ihren Inhalten.

Auf "Moskito" treffen leichtfu?ßige Piano-Akkorde auf einen Text, der aus dem Smokey Mountain erzählt, einem großen Slum bei einer Mu?lldeponie unweit der philippinischen Hauptstadt Manila. In den fru?hen 90-ern wurde dieser Mu?llberg im Dschungel zu einem Symbol fu?r die Armut in dem Westpazifik-Staat. Etwa zu dieser Zeit muss auch Anna Aaron vor Ort gewesen sein, die Teile ihrer Kindheit in Manila verbrachte. Fu?r sie wird der Mu?llberg im Dschungel auf "Pallas Dreams" zu einem Symbol fu?r Verdrängtes in ihrem Innenleben. Das können Erinnerungen an einen Ort sein, der 10.000 Kilometer weit entfernt liegt, an alte Lieben, alte Freundschaften oder alte Selbstbilder. In Aarons bilderreichen Texten scheinen all diese Motive ständig zu verschwimmen. Im Hintergrund dröhnen währenddessen die Bässe und flirren die Hi-Hats, bis man bei "Last Time We Met" oder "Why Not" endgu?ltig glaubt, eine House-Produzentin zu hören.

In Anna Aarons Jugend in den 90-ern war elektronische Musik bereits Techno und damit fu?r Fans von handgemachten Band-Sounds der Feind. Dass es auch analoges und von Hand zu bedienendes Equipment gibt, das Synth-Pop-Acts der 80-er wunderbar mit einem Band-Sound kombinierten, entdeckte sie erst ein paar Jahre später. Zum Glu?ck. Auf diese Weise ist aus der stereotypischen Folk-Musikerin am Piano mit "Pallas Dreams" eine spannende Performance-Ku?nstlerin geworden, die sich im Video zu "Moskito" in irgendeinem Galerieraum durch eine Plastikplane wu?hlt. Die neue Anna Aaron könnte ebensogut eine Pop-Sängerin wie eine avantgardistische Electronica-Ku?nstlerin sein und scheint zwischen den Stu?hlen sehr bequem zu sitzen.