11.06.2026 von SWYRL/Jürgen Winzer
"Die Jungs machen einen sehr guten Eindruck", sagte Julian Nagelsmann in der letzten Schalte. Das kann man auch vom Start des ZDF in die WM-Berichterstattung sagen. "Der Countdown" aus der Berliner Homebase im Zollernhof geriet kurzweilig, spannend und bot alte und neue Erkenntnisse.
Wenn die neue deutsche Nationalmannschaft so gut eingespielt ist, wie das ZDF-Expertenduo Per Mertesacker und Christoph Kramer, dann muss man sich eigentlich keine Sorgen machen, dass Mertesackers innigster Wunsch wahr wird: "Wir wollen hier lange berichten über die deutsche Mannschaft."
Die beiden Weltmeister von 2014 passten sich die verbalen Bälle schon wieder recht flüssig zu. Etwa bei der Diskussion über Team-Building-Maßnahmen. Da hatte Kramer keine guten Erinnerungen an die 2014er-WM. Bei einem Bootsausflug war ihm damals schlecht geworden. Oder wie Mertesacker meinte: "Ja, da haste dich übergeben an der Reling, ist ja okay." Katrin Müller-Hohenstein wirkte da mit ihrer floskelhaften (aber dennoch zutreffenden) Beigabe noch etwas hölzern: "Wenn der Ball schon mal rollt, ist gut."
Das ZDF scheint bereit. Die fast zweistündige Countdown-Show, von KMH und Jochen Breyer souverän moderiert, war nicht unbedingt erwartungsgemäß keine Sekunde langweilig. Neben "Merte" und "Chris" wurden auch die weiteren Experten, Fußballtrainerin Fritzy Kromp, Freiburgs Trainer-Legende Christian Streich und Ex-Schiedsrichter Thorsten Kinhöfer kurz gezeigt. Vor allem aber gab es Berichte und Gespräche zu allen relevanten Themen. Und zwar - und auch das überraschte - auch zur angespannten geopolitischen Lage. Kurz: Die ganze Chose machte ziemlich viel Lust auf die WM. Und das ist ein Gefühl, mit dem sich viele, sowohl in Deutschland wie auch in den Ausrichterländern noch schwertun.
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KMH freut sich: "Dann geht Per Mertesacker ab wie eine Rakete"
"Wenn das erste Spiel läuft" rechnete Mertesacker damit, dass ihn das richtige WM-Fieber packe. Müller-Hohenstein freute sich: "In zwei Stunden, 16 Minuten und 42 Sekunden geht Per Mertesacker ab wie eine Rakete." Es war im Studio schon alles recht kurzweilig. Lediglich das Saalpublikum wirkte beim kurzen WM-Quiz so regungslos wie eine Freistoßmauer. Prognose: Das Quiz könnte demnächst entfallen.
Die Auftaktshow war wie ein gutes Fußballspiel. Es gab Tempo, Spannung, kontrollierte Offensive, Spielwitz. Für all das sorgten viele Beiträge aus dem Mannschaftsquartier, Rückblenden auf Triumphe (das Sommermärchen 2006 und den WM-Sieg 2014) und Tragödien (alle WM-Turniere seither). Live-Schalten zu den ZDF-Reporter nach Mexiko, Toronto und Los Angeles sorgten für Authentizität, die Studiogäste Ronald Reng (Sportjournalist) und Laura von Daniels (Politikwissenschaftlerin) für Tiefgang.
Letztere sorgte gemeinsam mit dem live zugeschalteten ZDF-Korrespondenten Elmar Theveßen und der aus Teheran live berichtenden Korrespondentin Phoebe Raa auch dafür, dass das vorfreudige Grinsen auf die Kick-Party mit Sorgenfalten bestückt wurde. Alle drei untermauerten den Eindruck, dass die WM auch zum geopolitischen Pulverfass werden könnte. Und auch die Befürchtung, dass Donald Trump die WM nicht nur zur Selbstbeweihräucherung nutzen könnte, sondern sie auch durch "rhetorische Grenzüberschreitungen" (von Daniels) eskalieren lassen könnte. "Das Turnier ist sehr belastet", sagte auch Theveßen. Das empfindet man auch im Iran so. Phoebe Raa konnte von grassierendem WM-Fieber nicht berichten - angesichts von einer kürzlichen Hinrichtungswelle durch das Regime sei das auch nicht verwunderlich.
"Infantino macht sich bereitwillig zum Clown für Trump"
Über der WM der Superlative, zwischen "Mythos und Money", wie es in einem Beitrag markant hieß, schweben Trump und FIFA-Präsident Gianni Infantino. Allerdings eher als Damoklesschwert denn als Zeremonienmeister. Der unberechenbare Trump ist die Unbekannte. Kann klappen, kann auch schiefgehen. Infantino scheint da der Berechenbarere: "Er hat sich Trump untergeordnet und macht sich bereitwillig zu seinem Clown", analysierte Johannes Aumüller von der "Süddeutschen Zeitung".
Es wäre so schön, wenn das Turnier so frisch und spannend und reibungslos laufen würde wie der WM-Auftakt des ZDF. Allein, irgendwo fehlt der Glaube.


