04.03.2026 von SWYRL/Jens Szameit
Ein Jahr nach dem Eklat um Maximilian Schafroth gab Stephan Zinner ein mit Spannung erwartetes Debüt als Fastenredner "Auf dem Nockherberg". Zinner sparte nicht an Schärfe - und kassierte hinterher ein Söder-Lob mit Gift-Anteilen.
Punkt 19.22 Uhr war es, als auf dem Münchner Nockherberg die Ära des neuen Fastenredners begann. Nur für wie lange? Man muss es wohl als Zeichen von Realismus, vielleicht auch der Kollegialität verstehen, dass Stephan Zinner den unfreiwillig ausgeschiedenen Vorgänger indirekt zu grüßen verstand. Ein "Schleudersitz" sei dieses Amt. Da lachte im Publikum sitzend Maximilian Schafroth, dem nach allzu scharfen Attacken gegen CSU-Chef Markus Söder kein weiterer Auftritt an der Starkbier-Kanzel vergönnt war.
Ob er wohl auch etwas Versöhnendes und Verbindendes in seine Rede einbaue, überlegten in der BR-Übertragung vom Starkbieranstich einige. Aber bitteschön auch nicht ohne die beim traditionellen Politiker-Derblecken obligatorischen Spitzen! Kein Wunder, dass hinterher viele eine gewisse Anfangs-Nervosität beim immerhin Singspiel-erfahrenen Redner erkannt haben wollten.
Dass Stephan Zinner zur Vorbereitung nicht nur Kreide gefressen hatte, wurde schnell klar. Und dass Markus Söder ein Jahr nach dem Schafroth-Eklat nicht unter Artenschutz stehen würde, auch. Er müsse den Freistaat nicht loben, sagte Zinner, das mache ja schon der Ministerpräsident beruflich, und zwar "minütlich". Söders Bart erinnere ihn an Dr. Fu Manchu, den aus dem Kino bekannten chinesischen Superschurken, der die Weltherrschaft anstrebt. "Das trifft nicht hundertprozentig zu", beschwichtigte der Redner in Richtung des CSU-Chefs. "Sie sind ja kein Chinese."
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Friedrich Merz "sollte vielleicht auf Pfeil und Bogen umschulen"
Ein schöner Gag, doch Zinner konnte auch ernst. Die allseits grassierende Intoleranz gegenüber abweichenden Meinungen sei das "Zeichen einer überhitzten, aus dem Ruder gelaufenen Diskussionskultur". Emotionen schlügen heute Argumente, Empörung ersetze die Analyse. Das Ergebnis manifestiere sich in der Person Donald Trumps. "Ist das der amerikanische Weg, den sie einschlagen wollen, Herr Ministerpräsident?" Da schüttelte Söder in Reihe eins gequält den Kopf.
Zu gern hätte man auch das Gesicht des Bundeskanzlers gesehen, doch der hat derzeit wichtigere Termine. Zinner schimpfte Friedrich Merz in Abwesenheit einen "nordrhein-westfälischen Hungerhaken", der versuche den "Aufbruchs-Kanzler" zu geben. "Wenn das die letzte Patrone der Demokratie ist, sollte er vielleicht auf Pfeil und Bogen umschulen. Dann hätte er noch ein bisschen was im Köcher." Später gab es eine strenge Warnung an die Adresse des Regierungschefs. Wer von Bandmauern spreche und gleichzeitig zündele, "sollte wissen, dass nur ein Funke genügt, dass der Stammtisch brennt".
Mit Lars Klingbeil ("Charisma wie ein Einbaukühlschrank") und Alexander Dobrindt bekamen weitere Bundespolitiker ihr Fett weg. Der Innenminister wolle mit seiner Migrationswende wohl "den jammernden, Schrebergarten verteidigenden AfD-Wähler" auf seine Seite ziehen, mutmaßte Zinner.
Landwirtschaftsminister Alois Rainer empfahl er, nicht "heimlich Glyphosat zu schnüffeln". Der CSU-Politiker und Metzgermeister hatte unter anderem in seinem Ministerium das Wort "Glyphosat" durch "Pflanzenschutzmittel" ersetzen lassen. Dann solle man auch "den dadurch verursachten Krebs durch 'Zellwachstumsinnovation' ersetzen", schlug der Fastenredner vor.
Habeck-Pointe kommt an: "Da seit's froh, dass er weg ist!"
Schließlich kam er auf die Wärmepumpe zu sprechen - "das Teufelszeug vom Habeck". Auch nach dem Abschied des ehemaligen Vizekanzlers aus der Politik wirkt der Name elektrisierend - zumindest im Freistaat. Dem Mann an der Kanzel entging es nicht. "Da seit's froh, dass er weg ist!" Aber ob es nicht doch sein könne, "dass nicht alles schlecht war, was er angestoßen hat"? Zinner: "Wenn der Habeck gesagt hätte, die Luft in Bayern ist gut, hätte die Hälfte der Bevölkerung erst mal das Fenster zugesperrt und wär lieber erstickt, als dem grünen Gscheithaferl rechtzugeben." Ein erstaunlich großer Lacher im Saal.
Über Habecks Nachfolgerin im Wirtschaftsministerium, Katherina Reiche ("Redet noch immer wie montags im Eon-Büro"), geriet Zinner dann so in Rage, dass er ein Stoßgebet zur Decke schickte: "Gott im Himmel, hilf!" Da verdunkelte sich der Saal und eine stark an Angela Merkel erinnernde Frauenstimme meldete sich zu Wort. Doch selbst diese sakrale Provokation war nicht mehr Eklat-fähig.
"Ich hab mich etwas gewundert, dass es sehr nervös war, das hat man richtig gemerkt", revanchierte sich Markus Söder im Anschluss an die Fastenpredigt am Mikro von BR-Reporterin Sandra Rieß. Dann aber schaltete er auf jovial: Stephan Zinner schätze er sehr, allein schon deshalb, weil er ihn "20 Jahre hervorragend" im Singspiel verkörpert habe. "Insgesamt sehr schön". war das Fazit des frisch derbleckten Landesvaters, "guter Start, war viel Gutes dabei".
Klingt ganz so, als dürfe der Fastenprediger von 2026 nächstes Jahr wiederkommen.



