02.05.2026 von SWYRL/Jürgen Winzer
Legendäre Lachnummer. Es ist nicht fair, aber wahr: Die kurze, kreative und chaotische Karriere von Tic Tac Toe, Deutschlands erster Girlband, lässt sich so zusammenfassen.
"Wenn wir Freunde wären, dann würdest du so'n Scheiß überhaupt nicht machen!" Alle, die Mitte der 1990er-Jahre mit Musik zu tun hatten oder regelmäßig Musik hörten, kennen diesen Satz. Liane Claudia Wiegelmann (51), genannt Lee, sprach ihn, wehklagend, mit sich überschlagender Stimme, am 21. November 1997 auf der Bühne des Lustspielhauses in München. Es war der Tag an dem Tic Tac Toe zwei Dinge erreichten: Sie wurden endgültig Musik-Ikonen. Und gleichzeitig zur Lachnummer der Nation.
Take That sind noch aktiv. Caught In The Act auch, die Backstreet Boys sogar in Originalbesetzung. Die Spice Girls müssen immer wieder Comeback-Träume ihrer Fans zerstören. 90er-Jahre-Partys mit Eurodance-Acts wie Mr. President, Snap oder Vengaboys füllen größte Hallen. Nur von Tic Tac Toe redet kaum jemand mehr. Und das 30 Jahre, nachdem (am 15. April 1996) ihr Debüt-Album "Tic Tac Toe" auf den Markt kam und zu einer Chart-Sensation wurde.
Aber dass es ruhig um eine der einflussreichsten und erfolgreichsten Bands der 90er wurde, ist drei Leuten ziemlich recht. Den Mitgliedern von damals. Lee, Jazzy und Ricky haben sich aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Sie hatten genug davon, ausgelacht zu werden. Deshalb reden andere über Tic Tac Toe. Zum Beispiel Meret Reh in ihrem neuen vierteiligen Podcast "Reclaim: Tic Tac Toe" vom Bayerischen Rundfunk.
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BR-Podcast zum Tic-Tac-Toe-Jubiläum
Eins vorweg: Auch Meret Reh, einer Journalistin, die in dem Jahr geboren wurde, als das erste TTT-Album erschien, gelang es nicht, die drei Mitglieder aus ihrem Ruhestand zu holen. "Sie wollten kein Interview geben", sagt Reh ihren Hörern, weil: "Sie haben sich aus der Öffentlichkeit zurückgezogen." Immerhin: Jazzy und Ricky wüssten um den Podcast und "sie sind fine damit".
Warum der Podcast? Sie wolle es "nicht so stehen lassen", dass Tic Tac Toe auf eine Karikatur, eine tragische Witztruppe reduziert würden. Denn: "Tic Tac Toe haben so viel mehr gerissen", sagt Reh. "Und das haben wir alle anscheinend vergessen." Ihr ganz persönliches Motiv: Sie mochte Tic Tac Toe. "Sie haben mich als Mädchen mutiger gemacht." Wie eine Generation von Fans, zu der auch die damals 14-jährige Nadja Benaissa gehörte. Sie wurde vier Jahre später zum noch größeren deutschen Girlband-Ding, als ein Fünftel von No Angels. Aber: Sie war Tic-Tac-Toe-Fan. "Sie haben mich in ihrem Bann gezogen."
Und nicht nur die kleine Nadja. Denn Lee, Jazzy (eigentlich Marlene Victoria Tackenberg, 50) und Ricky (Ricarda Priscilla Nonyem Wältken, 46) waren anders. Im von Boybands und Eurodance glatt gebügelten Pop der 90er-Jahre war ihr frecher deutscher Hip Hop eine Revolution. Deutschrap war zaghaft am Boomen, die Fantas ("Die da") wiesen den glatt asphaltierten, Rödelheim Hartreim Projekt eher den steinigen Weg. Aber Mädels im Rap? Gab es nicht. Auch Sabrina Setlur war Anfang 1995 noch ganz am Anfang.
Tic Tac Toe: Die authentische Story entpuppte sich als Lüge
Jazzy, Lee und Ricky fegten ab Herbst 1995 wie ein Wirbelsturm durch die Charts und die Musik- und Medienlandschaft. Sie waren frech, rotzig, sie scherten sich um nichts, drückten krasse Sprüche. Kein Interview ohne Fäkalausdruck. Ein solcher war nur folgerichtig auch Songtitelteil des Durchbruchhits: "Ich find dich scheiße" erreichte im November 1995 Platz drei.
Die Fans, vor allem die Mädchen, denen Tic Tac Toe zuriefen "Versteckt euch nicht!", "Lasst euch nicht von Jungs unterkriegen oder Eltern oder Lehrern oder überhaupt jemandem!", verehrten die drei Girls. Weil sie so authentisch wirkten. Da aber lag das Problem. Denn das Trio war nicht authentisch, sondern fake. Die Werdegangstory entpuppte sich als dreiste Lüge. Die Band hatte sich nicht romantisch "zufällig bei einem Hip-Hop-Jam getroffen", sondern war von Managerin Claudia Wohlfromm gecastet und zusammengestellt worden, und Torsten Börger produzierte ihnen die Musik auf den Leib. Lee und Jazzy waren auch älter als anfangs behauptet und Lee schon verheiratet. Mit dem Erfolg kamen die Enthüllungsjournalisten. Und die brachten ungeliebte Wahrheiten zum Vorschein.
Innerhalb von nicht einmal zwei Jahren landeten Tic Tac Toe zwei Nummer-eins-Singles und zwei Top-drei-Alben, sie füllten die Konzerthallen und räumten Preise ab. Und gleichzeitig eskalierte das Privatleben (vor allem bei Lee) und die Beziehungen der drei untereinander. Es gab Streitereien, Häme, Trennungsgerüchte.
Wegbereiter für Shirin David & Co.
All das kulminierte in der legendären Pressekonferenz. Eigentlich einberufen, um die unerschütterliche Einheit zu beweisen, gingen Richy auf der einen und Jazzy und Lee auf der anderen Seite am Ende aufeinander los wie Furien und schließlich komplett zerstritten von der Bühne. Sogar die "Tagesthemen" berichteten über den Eklat.
Danach war's vorbei, der Ruf, wie das dritte Album hieß, war "ruiniert". Versöhnung und Comeback liefen mau. 2009 war endgültig Schluss. Ricky studierte Grundschullehramt, brach aber ab. Lee arbeitete im Kölner Zoo und tauchte um 2015 so komplett unter, dass besorgte Fans sogar Suchaktionen starteten. Jazzy trat in Musicals auf und machte Abstecher in die Reality-Welt (Dschungelcamp, Promi-Boxen) und lebt mittlerweile mit Mann Fabien Courage und Tochter Lila in Südfrankreich.
Tic Tac Toe, ob gecastet oder nicht, waren ihrer Zeit in Sachen Songs, Styling, Image und vor allem Message meilenweit voraus. Frauenpower, Jahre bevor es den Begriff gab. Alle Welt huldigt in Sachen musikalischer Women Empowerment den Spice Girls, aber Tic Tac Toe waren zuerst da! Shirin David, Loredana, Katja Krasavice? Tic Tac Toe und ihr Rotzgören-Rap ebneten ihnen den Weg. Eine Pressekonferenz schnitt ihn ab.


