29.08.2025 von SWYRL/Eric Leimann
Am 5. September wird Dieter Hallervorden 90 Jahre alt. Wenige Tage zuvor zeichnet der Dokumentarfilm "Hallervorden - Didi gegen den Rest der Welt" ein schillerndes Porträt des Schauspielers und Komikers. Sieben Jahrzehnte deutscher Unterhaltung prägte er mit - und blieb stets unbequem.
Den Didi aus der Fernsehsendung "Nonstop Nonsens" (1975 bis 1980) oder aus Kinoblockbustern mit "Didi" im Namen (1984 bis 1988) - ihn kannte damals wirklich jeder. Dieter Hallervorden, 1935 in Dessau geboren, war einer der bekanntesten Deutschen jener Zeit. Und er ist es, was erstaunlich ist, bis heute geblieben. Der Dokumentarfilm "Hallervorden - Didi gegen den Rest der Welt" blickt intim, bewundernd und auch ein bisschen kritisch auf ein langes Leben zurück.
Am 5. September wird Dieter Hallervorden 90 Jahre alt. Der Film erzählt die Geschichte eines Mannes, der - hochintelligent und künstlerisch ambitioniert - lange Zeit auf das Blödelimage festgelegt war. Auf Grimassen, Slapstick und Glubschaugen-Humor. Und der sichtbar und hörbar darunter litt. So sehr, dass Hallervorden noch im hohen Alter ein Theater gründete, in dem er in Shakespeare-Inszenierungen auf der Bühne stehen konnte. Natürlich wird auch das Alters-Comeback des Schauspielers mit den Filmen "Sein letztes Rennen" von 2013 (läuft im Anschluss um 21.45 Uhr) und Til Schweigers Demenzdrama "Honig im Kopf" (2014) erzählt. Auch diese biografische Wendung ist filmreifer Stoff.
Der Dokumentarfilm von Simon Tanschek und Lukas Hoffmann schafft neben einer Stationen-Parade von Hallervordens Künstlerleben auch intime Momente. Die schönsten von ihnen finden auf Hallervordens märchenhafter bretonischer Privatinsel statt, die er 1988 mit dem Geld aus seinen erfolgreichen Kinokomödien kaufte. Meistens dabei: Hallervordens jüngster Sohn Johannes, den der Schauspieler mit über 60 Jahren bekam. Die beiden Männer haben eine besondere Beziehung: sehr liebevoll, intensiv, aber auch streitbar. So streitbar, dass Hallervordens 26-jähriger Sprössling sogar vor der Kamera sagen darf, dass und warum er die Äußerungen seines Vaters zum Gaza-Krieg und anderen politisch kontroversen Themen nicht gut fand.
Auch andere Hallervorden nahestehende Personen charakterisieren den vielleicht fittesten 90-Jährigen Deutschlands: Nathalie Hallervorden, die gemeinsame Tochter mit Rotraud Schindler, oder seine heutige Ehefrau Christiane. Daneben Weggefährten vom langjährigen Filmproduzenten bis hin zum Maskenbildner, der bei Hallervorden während dessen komischer Jahre immer eine Menge zu tun hatte.
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Eine Facette im Leben des Sturkopfes Dieter Hallervorden
"Hallervorden - Didi gegen den Rest der Welt" ist ein Film über jemanden, der nicht stillstehen kann. Der sich mit um die 80 für die Charakterrolle in "Sein letztes Rennen" noch mal einem eisenharten Fitnesstraining unterwarf und bis heute laufen geht. Es ist das Porträt eines Mannes, der mehr als eine skurrile Anekdote auf seiner schillernden Lebenslinie hinterließ. Jede für sich genommen würde wohl für ein Filmdrehbuch reichen. So plante Hallervorden als junger rebellischer DDR-Bürger ein Attentat auf SED-Politiker Walter Ulbricht. Später saß er wegen einer Falschaussage zwei Wochen in einem Berliner Knast - unter Mordverdacht wegen des Todes einer Prostituierten 1966. Damals war Hallervorden als Kabarettist der Wühlmäuse schon ein kleiner Prominenter in seiner Wahlheimat Berlin.
Dass Hallervorden ein ernsthafter Schauspieler und dazu großartig zu improvisieren versteht, bewies er bereits 1970. Da spielte er den Killer im unfassbar innovativen Fernsehspiel "Das Millionenspiel" von Tom Toelle. In der Mockumentary geht es um eine von Dieter Thomas Heck moderierte Fernsehshow, in der ein Kandidat eine Woche lang vor Auftragskillern flüchten muss. Die Bevölkerung ist dabei dazu aufgerufen, ihm entweder zu helfen oder ihn auffliegen zu lassen. Eine böse TV-Satire, die das 30 oder 40 Jahre später startende Reality-TV vorwegnahm. Ein Film, in dem Hallervorden spröde, ernst und bedrohlich düster einen Mann ohne Gewissen spielt. Dass der 90-Jährige immer noch im Akkord auftritt und sich zu allen möglichen politischen Themen - gerne undiplomatisch - äußert, auch das ist eine Facette im Leben des Sturkopfes Dieter Hallervorden.
Scharfe Ecken und Kanten eines 90-Jährigen
Für das Unterhaltungsformat "75 Jahre ARD - Die große Jubiläumsshow" im Frühjahr 2025 ernteten sowohl Dieter Hallervorden als auch die ARD herbe Kritik. Anlass war ein Revival von Hallervordens berühmtem "Palim Palim"-Sketch aus der "Nonstop Nonsens". Ein Sketch-Update, in dem er rassistische Wörter verwendete. Dazu äußerte sich Hallervorden im Nachgang per Statement wie folgt: "Woke Menschen von heute versuchen ängstlich, nicht aus der Reihe zu tanzen, befolgen akribisch alle Social-Media-Gebote, um keine Likes aufs Spiel zu setzen, und verstehen keine Satire mehr, weil Satire aus Angst vor Missverständnissen nicht mehr vorkommt".
Dass Sohn Johannes Hallervorden in der Doku den Gebrauch aus dem Sprachgebrauch ausgemisteter Worte im Sketch seines Vaters kritisiert, weil es eben verletzende Worte seien, auch so beweist der Film, dass er Hallervorden als streitbare und umstrittene Figur ernst nimmt. "Hallervorden - Didi gegen den Rest der Welt" ist eine große 90-minütige Hommage. Unter die Lobredner und Fans mischen sich sogar Helge Schneider und Katharina Thalbach. Es ist kein Film, der die scharfen Ecken und Kanten des 90-Jährigen glätten will.