25.01.2026 von SWYRL/Julian Weinberger
Sicherheitsprobleme, falsche Versprechungen - und ein CEO, "der sich als eine Art Messias sieht": Eine Sky-Doku gibt schonungslose Einblicke hinter die Kulissen von Tesla und rechnet knallhart mit Elon Musk ab.
2025 kam es auf dem E-Auto-Markt zu einer Wachablösung: Erstmals seit Jahren verkaufte nicht Tesla die meisten E-Autos weltweit, sondern verlor die Marktherrschaft an den chinesischen Konkurrenten BYD. Für Tesla-Boss Elon Musk dürfte das jedoch nur noch mehr Ansporn sein, sein Produkt zu verbessern. "Er hat diese dämonischen Momente, da ist er völlig außer sich und stürzt sich wie besessen auf ein Problem, bis es gelöst ist", verrät seine einstige Mitarbeiterin Rachel Konrad in der Sky-Doku "Elon Musk Uncovered: Das Tesla-Experiment".
Der eineinhalbstündige Dokumentarfilm von Andreas Pichler gibt einen bisher beispiellosen Einblick hinter die Kulissen des Autobauers, deckt besorgniserregende Praktiken bei Tesla auf - und legt nahe, dass Musk seine Autofirma womöglich nur als Mittel zum Zweck für eine viel größere Mission sieht.
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Ex-Tesla-Ingenieur über Elon Musk: "Viele Mitarbeiter ignorieren seine Ansichten meistens"
"Es ist ziemlich intensiv und stressig, mit ihm zusammen zu sein", empfand Esben Pedersen, einst in der Sales&Marketing-Abteilung von Tesla tätig, die Zusammenarbeit mit Elon Musk. Arbeitete der Firmenboss zu Beginn noch beinahe manisch am Erfolg des Autobauers (Ex-Marketing-Leiter Craig Davis: "Wir haben uns oft gefragt, ob er wirklich ein Mensch ist"), ließ seine Präsenz im Laufe der Jahre merklich nach.
Ohne detaillierte Ahnung vom Workflow einiger Mitarbeiter zu haben, habe er dennoch stets viele Ansagen gemacht, erinnert sich der einstige Tesla-Ingenieur Raven Jiang: "Viele Mitarbeiter ignorieren seine Ansichten meistens, weil sie sonst ihre Arbeit nicht richtig machen könnten." Von seinen Mitarbeitern erwartet Musk bedingungslosen Einsatz bis an die Belastungsgrenze - und darüber hinaus. "Wenn ich mal um 9 Uhr abends gegangen bin, haben sie mich angeschaut", schildert Cristina Balan, ebenfalls einst Ingenieurin bei Tesla. "Ich bin schließlich vor Erschöpfung umgekippt."
Schlimmer noch sei aber die Erkenntnis gewesen, "dass Tesla Sicherheitsprobleme vertuscht", denkt Balan zurück. An den Fahrzeugen seien "Hunderte Mängel" gewesen, berichtet sie. Obwohl man gewusst habe, dass sich etwa die Teppiche unter den Bremspedalen aufrollten, habe die Firmenspitze "fast eineinhalb Jahre nichts dagegen unternommen", führt die einstige Mitarbeiterin exemplarisch auf. "Es hat schwer auf mir gelastet, jeden Tag zur Arbeit zu gehen und das Gefühl zu haben, dass ich wahrscheinlich für den Tod von Menschen verantwortlich sein würde", bestätigt Jiang.
"Es gab Situationen, in denen ich dachte, das Auto will mich umbringen"
Speziell der in Tesla-Fahrzeugen seit 2016 implementierte Autopilot wird im Sky-Film als potenziell tödliche Fehlerquelle identifiziert. "Als ich losgefahren bin, merkte ich innerhalb von fünf Minuten, dass die Technologie nicht einmal halb so viel konnte, wie Elon getwittert hatte", beschreibt John Bernal die ersten Fahreindrücke in seinem Tesla. "Es gab Situationen, in denen ich dachte, das Auto will mich umbringen."
Während Bernal überlebte, ging es für einige andere Tesla-Fahrer oder andere Verkehrsteilnehmende weniger gut aus. Der Mann von Anja Oldenburg, ein glühender Tesla-Fan, starb bei einem Unfall. Sein Auto kam auf gerader Straße von der Spur ab, prallte gegen einen Baum - und ging in Flammen auf. Dass Tesla danach behauptete, der Bordcomputer habe nichts aufgezeichnet, macht Oldenburg bis heute stutzig, aber für den kräftezehrenden Kampf gegen den mächtigen Konzern vor Gericht habe sie bislang "keine Kraft" gehabt.
Beim tödlichen Unfall der Freundin des US-Amerikaners Dillon Angulo raste ein Tesla durch eine Straßenbegrenzung und überrollte die junge Frau. "Das System hat nichts unternommen, außer kurz vor dem Unfall abzubrechen", kritisiert Todd Poses, der Anwalt des Unfallopfers, im Sky-Film den Tesla-Autopiloten. Erst Datenspezialisten bewiesen das Autopilot-Versagen, zuvor behauptete Tesla wie bei Anja Oldenburgs verstorbenen Ehemann, es seien keine Daten zum Unfall vorhanden.
Untersuchungen von Biden-Regierung gegen Tesla schürten "tiefen Hass" bei Musk
Elon Musk nehme in Kauf, dass die "Bevölkerung als aktiver Sicherheitstester" für seine Autos fungiere, wirft Missy Cummings dem CEO vor: "Er gibt wilde Versprechungen ab, um seine Investoren zu beruhigen und den Aktienkurs zu steigern."
Negativschlagzeilen wie der große Datenskandal 2023 sind da kontraproduktiv. Investigativjournalist Sönke Iwersen ("Handelsblatt") deckte die Versäumnisse damals mit der Hilfe von Whistleblower Lukasz Krupski auf. "Er hat vorgeführt, wie er in diesem IT-System von Tesla eingeben konnte, was er wollte", erinnert sich Iwersen an den Zugriff auf Dokumente der Rechtsabteilung, Konstruktionspläne und Berichte über Vorfälle mit dem Autopiloten - von Selbstbeschleunigungen bis zu plötzlichen Bremsvorgängen.
Infolge der brisanten Enthüllungen wurden auch US-Regulierer auf Musks Firma aufmerksam. Dass die Regierung unter Joe Biden Untersuchungen gegen Tesla einleitete, habe Musk "gekränkt" und "tiefen Hass" geschürt, weiß Journalist Mark Joseph Stern zu berichten. Einen Verbündeten fand Musk dagegen in Donald Trump, dem er mit einer 250-Millionen-Dollar-Spende im Wahlkampf behilflich war.
Unter Trumps Ägide bekam Musk nicht nur einen Regierungsposten, der US-Präsident ließ auch einige Generalinspekteure feuern, die zuvor gegen Tesla ermittelt hatten. Daher kommt Robotikprofessorin Missy Cummings zur kühnen Behauptung: "Ich bin absolut überzeugt, dass er Donald Trump gekauft hat, um die Ermittlungen gegen ihn zu stoppen."
Philosoph über Elon Musk: "Er sieht sich als eine Art Messias"
Der aufrüttelnde Sky-Dokumentarfilm verdeutlicht in jedem Fall, wie rigide Elon Musk gegen Kritiker vorgeht. Als Ingenieurin Cristina Balan intern auf die Sicherheitsprobleme hinwies, habe man sie "in einen Baucontainer gebracht". Dort sei sie zur Unterzeichnung ihrer Kündigung gezwungen worden - mit dem Hinweis auf die anwesenden Sicherheitsleute: "Die schleifen dich notfalls in Handschellen über den kompletten Parkplatz." Ein anwesender Anwalt habe gar gedroht, ihrem Sohn etwas anzutun: "Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich wirklich Angst."
Obendrein besitzt Elon Musk seit der Übernahme von Twitter ein mächtiges Instrument. "Elon kann einen wütenden Mob auf dich hetzen", umschreibt Anwalt William Moran das Potenzial von X. Ähnlich sieht es Ex-Tesla-Mitarbeiter Esben Pedersen: "Wenn Musk heute etwas Niederträchtiges sagt, kann er einem ganzen Land schaden."
Am Ziel seiner Träume scheint Elon Musk aber noch lange nicht angekommen zu sein. Der einstige Tesla-Marketingleiter Craig David vermutet im Film, Musk wolle vor allem eines: mit SpaceX den Mars bewohnbar machen. Dafür nutze ihm auch die mit Tesla entwickelte Technik, ebenso die mit dem Autobauer erwirtschafteten Gewinne. Laut Philosoph Émile P. Torres sehe "sich Musk zweifellos als eine Art Messias", der die Welt vom Leid erlösen könne. Stoppen wolle er sich bei dieser Mission von nichts lassen, denn: "Wenn der Zweck die Mittel heiligt und das Ziel eine Utopie ist, was wäre dann tabu, um die Utopie zu erreichen? Nichts."
Elon Musk selbst kommt im Film nicht zu Wort. Eine entsprechende Anfrage der Filmemacher ließ er unbeantwortet. Gleiches gilt für Tesla und Donald Trump.



