Einer der einflussreichsten Journalisten Deutschlands

ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey: "Die Vertrauenskrise gibt es nicht"

05.08.2022 von SWYRL/Frank Rauscher

"Im Herzen bleibe ich Journalist - der schon ein paar neue Themen im Kopf hat": Der langjährige ZDF-Chefredakteur Dr. Peter Frey wurde am 4. August 65 Jahre alt. Er sieht dem (Un-)Ruhestand einigermaßen gelassen entgegen: "Die Aussicht auf mehr Freiheit und weniger Taktung im Alltag beflügelt mich."

Worüber man denn mit ihm überhaupt reden wolle, fragt Dr. Peter Frey gleich zu Beginn des Video-Calls allen Ernstes, und er zuckt dabei noch nicht einmal mit den Mundwinkeln. Keine Frage, der als taffer Interviewer bekannte Fernsehmann, der am 4. August sein 65. Lebensjahr vollendete und auf eine große Journalistenkarriere zurückblickt, hat Humor - wenn auch einen trockenen. Natürlich gibt es Themen ohne Ende, über die es sich mit einem der einflussreichsten deutschen Medienmacher auszutauschen lohnt. Wie wäre es mit einem analytischen Blick auf seinen Werdegang? Was ist mit den sich aufdrängenden Fragen zum Standing des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in schwierigen Zeiten? Frey, der 1983 zum ZDF kam und seit 2010 Chefredakteur des heute reichweitenstärksten deutschen TV-Programms ist, wird sein Amt zum 1. Oktober an seine derzeitige Stellvertreterin Bettina Schausten (57) übergeben, und er hat Gott sei Dank vor dem offiziellen Eintritt in den Ruhestand dann doch eine Menge zu sagen - zur Lage der Nation im Allgemeinen und zur Situation des ZDF im Besonderen.

teleschau: Herr Frey, wenn man wie Sie aus Bingen am Rhein stammt und vom Journalismus träumt, ist der Weg nach Mainz nicht weit: War die Karriere beim ZDF das, was Sie schon als junger Mann unbedingt wollten?

Dr. Peter Frey: (lacht) Ganz und gar nicht! Aber tatsächlich war für mich schon mit 14 oder 15 Jahren klar, dass ich Journalist werden wollte - und am liebsten im Ausland. Die Welt sehen und aus fernen Ländern berichten, das war der Traum. Mit 26 Jahren fing ich dann beim ZDF an, für mich ein bisschen zu nahe an meiner Geburtsstadt. Aber dann hat sich der Traum verwirklicht: Ich war als Reporter in Mittelamerika, in Osteuropa, im Nahen Osten, in Russland und natürlich in den USA.

teleschau: Vor 30 Jahren startete das "ZDF-Morgenmagazin" in Berlin unter Ihrer Leitung. Sie hatten dafür den Korrespondenten-Traumjob in Washington aufgegeben. Wir sind gespannt, ob Sie nun zögern, wenn wir fragen, ob das damals die richtige Entscheidung war!

Frey: Da zögere ich keinen Augenblick. Für mich fühlt sich das auch aus heutiger Sicht richtig an. Ich habe den Schritt keinen Moment bereut.

teleschau: Was hat Sie damals gereizt?

Frey: Die große Chance, Anfang der 90-er in Berlin zu arbeiten und dieses einzigartige, aufregende, sich wahnsinnig schnell verändernde Lebensgefühl nach der Wiedervereinigung nicht nur mitzubekommen, sondern auch ein bisschen mitzugestalten. Es hätte sich definitiv falsch angefühlt, in Washington zu bleiben. Berlin war damals wie das Laboratorium der deutschen Einheit. Ich wollte dabei sein. Unsere Aufgabe als Redaktion mit jungen ost- und westdeutschen Journalistinnen und Journalisten war es ja, ein Programm zu formen, das die neue deutsche Lebenswirklichkeit abbildet. Das war eine große, faszinierende Aufgabe, die ich jeden Moment, sogar morgens um 6 Uhr, genossen habe.

teleschau: Gemeinsam mit Maybrit Illner, Gundula Gause und Cherno Jobatey erlebten Sie die Pionierzeit auch vor der Kamera als "Moma"-Moderator mit. Die alten Bilder lassen erahnen, dass es aufregende Tage gewesen sein müssen ...

Frey: Absolut. Für mich war es ein großes Abenteuer, die Sendung so eine Art konkretes Werkstück der Einheit. Als Team waren wir ein ziemlich bunter Haufen, der gemeinsam die Nächte durchmachte. Wir haben so viel voneinander gelernt, über unsere teils sehr unterschiedliche Sicht auf das Land und die Politik. Ich erinnere mich an eine lange Autofahrt mit meinem Sportkollegen Thomas Skulski, auf der er mir ausführlich seine Ost-Familiengeschichte erzählte und ich ihm meine westdeutschen Erfahrungen nahebrachte. Das "Morgenmagazin" steht für emotionale, fruchtbare Jahre in meinem Leben. Es war auch eine Vorbereitung auf meine heutige Aufgabe. Das "Moma" ist offen gestanden mein Lieblingskind geblieben.

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Das "Moma": Wie "das ZDF im Kleinen"

teleschau: Ist das "Moma" so etwas wie die klassische Schmiede für ambitionierte ZDF-Journalisten?

Frey: Das kann man so sagen. Da wird einem journalistisch viel abverlangt, es geht um Programmentscheidungen, um journalistische Akzente, die man setzen kann, aber auch um Budgets, Strukturen ... Das ZDF im Kleinen sozusagen. Dieser Tage habe ich daran gedacht, dass wir damals eine Reihe aus dem ehemaligen Königsberg in Ostpreußen gemacht haben. Ich glaube, wir waren das erste westliche Fernsehteam, das mit einem russischen Ü-Wagen live am Morgen aus dem heutigen Kaliningrad gesendet hat. Heute unvorstellbar!

teleschau: Beginnt für Sie als ZDF-Chefredakteur der Arbeitstag mit dem morgendlichen Kaffee und der "Moma"-Sendung?

Frey: Die ganze Sendung schaffe ich nicht mehr. Ich lese morgens intensiv Zeitung, schaue mir die ZDFheute an, stöbere mit dem Smartphone auf anderen Plattformen. Und in der ZDF-Produktionswoche schalte ich meistens auch das "Moma" ein - das geht ja auch auf dem Handy.

teleschau: Wie erleben Sie Tage wie jenen unseligen 24. Februar, als frühmorgens der Schriftzug: "Krieg in der Ukraine: Präsident Putin hat Angriff befohlen" über den Bildschirm lief? Sind Sie in solchen Momenten erst mal der ganz normale, sorgenvolle Zuschauer?

Frey: Ich war entsetzt - wie jeder. Aber ehrlich gesagt hatte ich für persönliche Ängste keine Zeit. Ich bin in solchen Newslagen vom ersten Moment an in die großen redaktionellen Fragen involviert. Es geht darum, fürs Programm den richtigen Weg zu finden. Vielleicht wie ein Arzt, der sich nicht zu sehr vom Leiden der Patienten berühren lassen darf, sondern rational das tun muss, was notwendig ist. Es war jedenfalls gut, dass wir für den Abend mit der Außenministerin für "Was nun, Frau Baerbock?" verabredet waren.

"In erster Linie ging es darum, Ruhe reinzubringen"

teleschau: Als Sie im Frühjahr 2010 das Amt des ZDF-Chefredakteurs antraten, befanden sich das ZDF, aber auch die Politik und die Gesellschaft in einem völlig anderen Aggregatszustand als heute. Was stand für Sie ganz oben auf der Agenda?

Frey: Weil der Vertrag meines Vorgängers Nikolaus Brender damals durch den von der Union dominierten ZDF-Verwaltungsrat nicht verlängert worden war, hatte der Sender einen Angriff auf seine Unabhängigkeit zu verkraften. Das ZDF war, so habe ich das damals formuliert, in einem verletzten, aufgerauten Zustand. In erster Linie ging es darum, Ruhe reinzubringen, Unabhängigkeit und Souveränität wiederherzustellen. Die Mannschaft ein Stück weit aufzurichten. Dann ging es um handwerkliche Fragen: Wo können wir das Programm weiterentwickeln? Welche Farben fehlen? Wie können wir uns erneuern, trotz der erheblichen Sparauflagen seitens der KEF (Kommission zur Überprüfung und Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten, d. Red.)? Wir haben in allen Bereichen fast zehn Prozent Personal abgebaut, trotzdem musste ich Innovationen vorantreiben.

teleschau: Sie haben unter anderem mit neuen Primetime-Formaten wie "ZDFzoom" oder "ZDFzeit" den Sender geprägt ...

Frey: Ja. Mit "ZDFzoom" haben wir erstmals eine regelmäßige investigative Dokumentarreihe im ZDF etabliert. Das ging aber nur, indem wir das Magazin "ZDF.reporter" strichen. "ZDFzeit" war gerade mit einer Insider-Verbraucherdoku über Lidl die erfolgreichste ZDF-Sendung an einem Dienstag. Wir mussten das alles erarbeiten durch einen oft schmerzhaften Umbau, wenn ich etwa an den Abschied des traditionsreichen Frauenmagazins "ML Mona Lisa" denke. Dafür haben wir mit "plan b" jetzt konstruktiven Journalismus untergebracht. Dabei mussten wir bis 2020 weiter Personal einsparen. Unter diesen Bedingungen zehn Jahre Marktführer zu sein, das Fernsehen voranzubringen und unseren Online-Auftritt zu verbessern, dazu gehörten schmerzhafte Kämpfe und jede Menge Konzept- und Motivationsarbeit.

"Dürfen das nicht irgendwelchen Scharlatanen aus dem Netz überlassen"

teleschau: Wenn wir über Budgets reden: Ist da senderintern nicht auch der ewige Verteilungskampf zwischen Fiction und Unterhaltung auf der einen und der Information auf der anderen Seite?

Frey: Nein, eine solche Debatte gab es im ZDF nie - der Stellenwert der Information, aber auch des Sports ist im Sender unumstritten. Wahr ist, dass ich mir eine bessere Personalausstattung gewünscht hätte, um mehr online machen zu können - das Angebot in der ZDFheute-App, der Mediathek und um unsere Präsenz auf den Drittplattformen zu stärken. Manches war bislang nicht möglich wie ein ZDFheute-Angebot auf TikTok für die ganz Jungen. Dafür fehlte schlicht das Personal. Immerhin haben wir unser Nachrichtenangebot bei YouTube, auf Instagram und Co. ausgebaut. Nachrichten und professionell aufbereitete Informationen müssen überall ankommen, wo Menschen, vor allem auch Junge, nach ihnen suchen. Wir dürfen das nicht irgendwelchen Scharlatanen aus dem Netz überlassen.

teleschau: Vor allem in den Pandemiejahren waren die Nachrichten- und Informationsangebote von ARD und ZDF so gefragt wie seit Jahrzehnten nicht. Teilweise wurden Rekordreichweiten aufgestellt ...

Frey: Stimmt. Auch jetzt in Zeiten des Krieges stehen wir sehr gut da. Die großen Themen, die Katastrophen, Terroranschläge, die Flüchtlingskrise, Corona, der Krieg ... All das kam in den vergangenen Jahren in sehr hoher Frequenz über uns, das ging Zack-Zack-Zack. Gerade in solchen unsicheren Zeiten kommen die Leute zu uns und bleiben bei uns, weil sie glaubwürdige Quellen suchen und finden. Nein, wir haben weder ein Relevanz- noch ein Imageproblem. Das "heute journal" ist das erfolgreichste Nachrichtenmagazin, die "heute"-Sendung holt um 19 Uhr immer mehr jüngere Zuschauer - das müssen wir auch beherzt ins Internet tragen.

teleschau: Sie berichten von Reichweitenerfolgen - aber an anderer Stelle ist von einer Vertrauenskrise der öffentlich-rechtlichen Medien die Rede. Wie passt das zusammen?

Frey: Gar nicht. Um es klar zu sagen: Die Vertrauenskrise gibt es nicht, sie wird von interessierter Seite behauptet! Das klingt vielleicht ein bisschen arrogant, aber es stimmt: Unabhängige Untersuchungen von Universitäten, aber auch Daten, die wir selbst regelmäßig erheben, zeigen, dass das Vertrauen in uns sehr konstant ist - mit einer gewissen Delle auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise. Die Resonanz spricht für sich: Die Zuschauerinnen und Zuschauer treffen mit der Fernbedienung ja dauernd ihre persönliche Vertrauensentscheidung. Die vergangenen fünf Jahre haben gezeigt, wie stark der öffentlich-rechtliche Rundfunk in der Gesellschaft verwurzelt ist.

"Ich habe immer gut geschlafen"

teleschau: Als Teil der Gesellschaft verstehen sich auch jene, die in den Kommentarspalten ihre Wut auslassen. Nehmen Sie sich die Zeit, um hin und wieder querzulesen, was unter den Facebook-Einträgen bei "ZDF-heute" steht?

Frey: Ja. Aber man darf sich davon nicht entmutigen lassen. Wir wissen doch, dass eine Vielzahl von Kommentaren von Bots produziert wird und aus anderen zweifelhaften Quellen kommt. Ich will aber auch nicht zu selbstgewiss klingen. Wer so einflussreich ist wie das ZDF, wer über diese Mittel verfügt und eine solche Reichweite hat, der muss auch bereit sein für Selbstkritik. Mit dem Rundfunkbeitrag verfügen wir über mehr Sicherheit als die Printkollegen. Wir sind privilegiert, deshalb plädiere ich auch immer für einen Schuss Demut.

teleschau: Wie ist es für Sie persönlich? Wie ruhig schläft es sich als Chefredakteur des reichweitenstärksten deutschen Fernsehangebots angesichts der gewaltigen Verantwortung?

Frey: Ich habe immer gut geschlafen. Vor allem, weil ich mich auf die Leistungsfähigkeit meiner Kolleginnen und Kollegen verlassen konnte. Nur zweimal lag ich vor Sorge wach: Als Kollegen bei Einsätzen in Krisengebieten in konkreter Lebensgefahr waren. Beide Male konnten wir sie rausholen.

teleschau: Empfinden Sie keinen durch die Position bedingten Druck?

Frey: Nein. Ich habe mich gefordert, aber nie überfordert gefühlt. Was sicher damit zu tun hat, dass die Chefredaktion keine One-Man-Show ist. Wir haben tägliche Schaltkonferenzen, stimmen uns in wichtigen Fragen permanent ab. So entsteht Vertrauen und für mich als Chef ein gutes Gefühl für die Stärke des ganzen Teams.

"Als Chefredakteur bist du die Klagemauer"

teleschau: Ist der Zugang zur Politik im vergangenen Jahrzehnt komplizierter geworden?

Frey: Er hat sich in der Tat verändert. Bevor ich Chefredakteur wurde, war ich als Hauptstadtstudioleiter in Berlin aus Sicht von Politikerinnen und Politikern Entscheider über Sende- und Interviewplätze. Da fühlt man sich leicht umschwärmt. Als Chefredakteur bist du hingegen die Klagemauer: Beschwerden landen bei mir. Das geht in Ordnung. Wir sind ein großer, wichtiger Apparat, der sich der Kritik stellen muss. In der Regel verläuft das ziemlich fair.

teleschau: Aber die Tatsache, dass Politiker über Twitter und Co. zunehmend zu ihrer eigenen Newsredaktion mutieren, macht Ihnen schon das Leben schwer, oder?

Frey: Ich rate der Politik, die langfristigen Konsequenzen im Auge zu behalten. Angefangen hat es mit Angela Merkels Podcast aus dem Kanzleramt. Der Versuch, die neuen Medien zur Selbstdarstellung zu nutzen, greift immer mehr um sich. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz nutzt dieses Mittel. Ich finde allerdings, dass Politiker noch immer gut beraten sind, sich der Öffentlichkeit durch den Filter kritischer Journalistenfragen zu präsentieren. Wenn das fehlt, besteht Selbstgefälligkeitsalarm! Guter Journalismus konfrontiert die Politik mit den Fragen der Bürgerinnen und Bürger. Druck führt meistens zu mehr Klartext als Texte aus der PR-Abteilung.

"Das Handy ist immer an, auch nachts und im Urlaub"

teleschau: Am 1. Oktober wird Bettina Schausten Ihre Nachfolge antreten. Welche Baustellen übergeben Sie ihr?

Frey: Wissen Sie, für den Chefredakteur ist der Alltag eine Dauerbaustelle. Die nächste wichtige Entscheidung ist immer jetzt zu treffen, wenn man für 17 Auslandsstudios und 16 Inlandsstudios zuständig ist, wenn man jeden Tag neu überlegen muss, welche Sondersendung gemacht, welche Programmkonzeption angegangen werden muss. Den Moment, zufrieden auf dem Sofa zu sitzen mit dem Gefühl, sich zurücklehnen zu können, habe ich sehr selten erlebt. Das Handy ist immer an, auch nachts und im Urlaub. Bettina Schausten kennt das schon. Sie braucht keine Übergabe von Hausaufgaben, wir sprechen ohnehin dauernd miteinander. Ich weiß, dass sie den Sender weiter verändern wird, und das ist vollkommen in Ordnung.

teleschau: Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?

Frey: Die größte Überraschung und eine außerordentliche Leistung der Verantwortlichen war die Etablierung des Digitalkanals ZDFinfo. Der ist in den letzten Jahren von 0,1 Prozent auf jetzt fast zwei Prozent Marktanteil gewachsen. Täglich sehen etwa 4,5 Millionen Menschen dieses reine Dokumentationsprogramm - ein großer Erfolg auf dem Fernsehmarkt, vor allem in Zielgruppen, in denen das ZDF sich noch schwertut.

teleschau: Ist die große Herausforderung des ZDF der noch immer über 60 Jahren liegende Altersdurchschnitt der Zuschauer?

Frey: Das stimmt nicht mehr so ganz. Weil wir mit ZDFinfo und ZDFneo, mit der ZDFmediathek, der ZDFheute und ihren Ablegern auf YouTube, Instagram und Twitter, sowie mit dem jungen Digitalangebot funk längst erfolgreiche Plattformen für jüngere Zielgruppen etabliert haben. Die Herausforderung in der Zukunft wird eher sein, die Mittel, die wir zur Verfügung haben, noch konsequenter einzusetzen: Im Grunde ist es gesellschaftlich ungerecht, wenn wir unsere Mittel auf das alte Hauptprogramm konzentrieren. Wir müssen entschiedener in die Digitalkanäle und unsere Online-Angebote investieren. Und uns dabei auch besser verkaufen. Ich glaube, dass viele junge Leute ZDF-Produkte nutzen, ohne zu wissen, dass sie beim ZDF sind. ZDFheute ist der erfolgreichste ZDF-YouTube-Kanal. Bei Instagram hat ZDFheute über eine Million Abonnenten.

"Im Herzen bleibe ich Journalist"

teleschau: Trotz allem gibt es Menschen, die sich komplett von den öffentlich-rechtlichen Medien abwenden, ihnen per se nicht vertrauen. Wo muss angesetzt werden, um zumindest einen Teil davon zurückzuholen?

Frey: Ich finde, wenn man ungefähr 80 Prozent der Bevölkerung in einer sozial und kulturell so vielfältigen Gesellschaft wie Deutschland nachweislich erreicht, dann ist das ziemlich viel. Nichtsdestotrotz müssen wir um alle kämpfen, das ist richtig. Vielleicht auch mit Mitteln der einfacheren Sprache, um manche mit unserem wertvollen Content noch besser zu erreichen.

teleschau: Also sind Sie nicht hoffnungslos in dieser Hinsicht?

Frey: Ich erinnere mich an eine Diskussionsveranstaltung, zu der mich im Jahr 2018 ein Bezirksverband der AfD gemeinsam mit meinem Kollegen Kai Gniffke (heute Intendant des SWR, d. Red.) eingeladen hatte, in einer Zeit, als die Partei auf Wahlplakaten gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk hetzte. Wir sagten dort sinngemäß, dass eine Demokratie zum Überleben auch Demokraten braucht - und auch Menschen, die an die Institutionen der Demokratie glauben. Es war eine lebhafte Diskussion, die ich so nicht jede Woche führen möchte, aber sie verlief so, dass man gerade noch das Etikett "zivilisiert" drankleben konnte. Verblüffenderweise haben uns danach Dutzende Menschen um Selfies gebeten - irgendwas muss an diesen Leuten von ARD und ZDF also doch dran sein.

teleschau: Wie geht es jetzt für Sie weiter? Züchten Sie Rosen?

Frey: Nein, Hortensien! (lacht) In der Tat habe ich mir vorgenommen, vor allem meiner Familie, aber auch Themen, für die ich einfach zu wenig Zeit hatte, mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Die Aussicht auf mehr Freiheit und weniger Taktung im Alltag beflügelt mich. Aber im Herzen bleibe ich Journalist - der schon ein paar neue Themen im Kopf hat.

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