Jürgen Vogel im Interview

"Ich bin ein Kind und ein Freund der Fernsehunterhaltung"

19.09.2021 von SWYRL/Eric Leimann

In der ZDF-Krimiserie "Jenseits der Spree" spielt Jürgen Vogel den alleinerziehenden Vater dreier Töchter, der "nebenbei" noch Polizei-Ermittler ist. Als sechsfacher Vater kennt Vogel den Spagat zwischen Privat- und Arbeitsleben. Wobei er viel weniger arbeitet, als es den Anschein hat.

Jürgen Vogel als Kommissar, der in erster Linie Familienmensch ist. Dies ist die Grundidee des neuen ZDF-Freitagskrimis "Jenseits der Spree" (ab Freitag, 24. September, 20. 15 Uhr), der mit zunächst vier Folgen à 60 Minuten startet. Dabei passen Figur und Hauptdarsteller gut zusammen. Der 53-jährige Schauspieler - Vater von sechs Kindern aus vier Beziehungen - sagt selbst, dass er in erster Linie Familienmensch sei, erst danach käme der Schauspieler. Und doch irritiert die Bemerkung, denn kaum ein deutscher Schauspieler scheint so omnipräsent in den Medien wie Jürgen Vogel: Filme, Serien, Comedy-Projekte, Quiz-Shows, Werbung - es gibt kaum ein Format, in dem er nicht auftaucht. Im Interview erklärt Vogel, der mit seiner Lebensgefährtin Natalia Belitski 2019 eine Tochter bekommen hat, warum seine Medienpräsenz überinterpretiert wird und welche Art von Erzählen das Fernsehen und speziell Serien besser machen würde.

teleschau: Freitagskrimis im ZDF haben eine uralte Tradition. Mit welchen Krimis sind Sie aufgewachsen?

Jürgen Vogel: "Der Alte" und "Derrick" habe ich als Kind geguckt. Und als ich dann angefangen habe, zu schauspielern, gab es die immer noch. Für "Derrick" wurde ich sogar mal als Schauspieler angefragt, aber ich habe abgesagt.

teleschau: Warum?

Vogel: Weiß nicht mehr. Ich glaube, das Buch war schwach. Und für mich als jungen Schauspieler wäre es damals auch nicht so schlau gewesen, in einem Freitagskrimi aufzutauchen. Es waren andere Zeiten. Serien besaßen einen anderen Stellenwert. Auch heute hat der Sendeplatz, haben viele Krimis dieser Art noch Luft nach oben. Mit "Jenseits der Spree" würde ich gern versuchen, was sich da noch machen lässt.

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"Mir geht es um eine andere Art Privatleben"

teleschau: Was genau würden Sie gern mit dem Format erreichen?

Vogel: Zunächst mal erfüllen wir die sehr klare Erwartung am Freitagabend, dass in 60 Minuten ein Fall erzählt und gelöst wird. Darüber hinaus geht es um einen alleinerziehenden Vater dreier Töchter. Um das Gespaltensein dieses Kommissars zwischen Privatem und Job. Ich finde, das Privatleben kommt in vielen Krimis zu kurz.

teleschau: Stimmt das denn? Viele kritisieren, dass TV-Ermittler heute fast nur noch aus Privatleben und persönlichen Problemen bestehen ...

Vogel: Ich weiß, was Sie meinen. Mir geht es um eine andere Art Privatleben. Ich finde es nicht so spannend, ob der Kommissar ein kaputter Charakter ist oder ob er in seiner Freizeit Saxofon spielt. Interessant ist hingegen, dass viele arbeitende Menschen - gerade mit Kindern - sich zerrissen fühlen zwischen ihrem Engagement im Beruf und für die Familie. Man lebt eigentlich permanent zwei Leben, das jedes für sich vollen Einsatz erfordert. Diese Art Lebenswirklichkeit kommt mir im Fernsehen und vor allem im Krimi viel zu kurz.

teleschau: Das Privatleben des alleinerziehenden Vaters mit drei Töchtern ist also das horizontale Erzähl-Element von "Jenseits der Spree" - jene Geschichte, die folgenübergreifend immer weiter geht?

Vogel: Genau - und in diesem Privatleben geht es von Episode zu Episode immer mehr ab. In der ersten Folge wird das Private meines Charakters noch eher sanft in die Krimihandlung hineingewoben. Auch deshalb, weil Folge eins wie in jeder Serie erst mal die Figuren etablieren muss. Der private Erzählstrang wird jedoch mit jeder Episode definitiv mehr und vor allem dynamischer.

teleschau: Sie haben jetzt erst mal sechs Folgen gedreht ...

Vogel: Momentan sind vier Folgen fertig, an den letzten beiden arbeiten wir noch. Es steht aber bereits fest, dass wir "Jenseits der Spree" im kommenden Jahr mit acht Folgen fortsetzen.

"Zeit ist kein Faktor für Qualität"

teleschau: Ein 90 Minuten langer Krimi gilt als traditionell hochwertiger, wenn man ihn mit einem vergleicht, der nur 60 oder 45 Minuten Zeit bekommt. Ist kürzer gleich schlechter, weil gehetzter?

Vogel: Ich finde, kürzer ist keineswegs schlechter. Es kann sogar besser sein. Das Drehbuch muss in diesem Fall nur anders arbeiten, hier und da etwas kryptischer sein. Schauen Sie sich die Serie "Californication" an. Da dauerte eine Episode unter einer halben Stunde. Sie erzählt von einem Typen, der eine Ex-Frau, eine Tochter, Job-Sorgen, ein Drogenproblem und seine Sexsucht unter einen Hut bringen muss. In jeder Folge entfaltet sich - in aller Kürze - ein episches Drama. Zeit ist kein Faktor für Qualität. Man muss gute Bücher schreiben, das ist das einzige Kriterium für gutes Fernsehen.

teleschau: Aber noch mal - ist das Ausbreiten des Privatlebens eines Ermittlers per se schon modern?

Vogel: Das kann man nur anhand des fertigen Films beurteilen. Ich finde schon, dass wir deutlich weiter sind, als es lange Zeit auf diesem Sendeplatz üblich war. Klar - es gab auch in anderen kurzen Krimis Privatleben, doch hier sieht man dem Charakter dabei zu. Ich kenne es von anderen Formaten eher so, dass Privatleben aus Getue und Behauptung bestehen. Das ist für mich noch kein echtes Leben, was sich da im Film widerspiegelt. Krimi ist für mich dann interessant, wenn ich die Figuren mag. Die Serie "Bosch" zum Beispiel. Auch da geht um einen Vater, der eben auch noch in Los Angeles als Polizist arbeitet. Das habe ich über sieben Staffeln gebannt verfolgt, eben weil mich dieser Typ interessierte. Oder auch die Anwaltsserie "Ray Donovan". Da werden Fälle von Prominenten behandelt, die er vertritt, aber jeder Fall hat Auswirkungen auf sein eigenes Leben. Es ist immer die Verzahnung von Plot und Charakter, die in Serien verfängt.

teleschau: Kommen wir zurück zu "Jenseits der Spree". Die Serie erzählt Berlin nicht als Metropole, sondern als Kiez. Wie wichtig ist der eher beschauliche Handlungsort Köpenick für die Plots?

Vogel: Die Serie könnte in jeder beliebigen Kleinstadt spielen, der Ort ist nicht so entscheidend. Wir haben uns für den Titel entschieden, weil die Polizeiwache eben an der Spree liegt. Ich mag an Berlin generell, dass diese große Stadt eigentlich wie ein Haufen verschiedener Kleinstädte wirkt. Jeder Bezirk hat sein autonomes Zentrum, aus dem man nie wirklich raus muss, wenn man es nicht will. Deshalb fühlt man sich in dieser Stadt auch nie überfordert, zumindest ich nicht. Vielleicht wirkt es anders, wenn man von außen kommt und die Stadt als Ganzes wahrnimmt. Aber der Berliner an sich liebt es, in seinem Kiez zu bleiben.

"Normale Menschen arbeiten 300 oder 330 Tage im Jahr"

teleschau: Eine Zeitlang waren Sie ungeheuer präsent im Fernsehen. Auch abseits fiktionaler Formate, sagen wir - im Unterhaltungsbereich. Haben Sie dies zugunsten des Schauspiels wieder heruntergefahren?

Vogel: Sehr präsent zu sein, ist immer relativ. Man muss schauen, wie aufwendig eine bestimmte Form der Präsenz im Fernsehen ist. Sehen Sie, ich bin 53 Jahre alt und tue grundsätzlich nur das, wozu ich Lust habe. Ich habe allerdings auf viele Sachen Lust. Dass ich zwei Jahre "Schillerstraße" gemacht habe oder nun "KBV - Keine besonderen Vorkommnisse", liegt daran, dass ich Comedy sehr mag. Dazu hat mich niemand gezwungen, ebenso wenig wie zu Auftritten in Unterhaltungsshows. Ich bin ein Kind und ein Freund der Fernsehunterhaltung.

teleschau: Vor kurzem sagten Sie in einem Interview, sie seien in erster Linie Familienmensch und erst danach käme der Schauspieler Jürgen Vogel. Bei Ihrer Projektvielfalt fragt man sich: Wie machen Sie das?

Vogel: Wenn ich eine Serie mit acht Folgen drehe, dann sind das ungefähr 80 Arbeitstage. Mit Lese- und Kostümproben vielleicht 100 Tage. Normale Menschen arbeiten 300 oder 330 Tage im Jahr. Ich habe also neben einer fetten Serie pro Jahr noch mindestens 200 Tage als Schauspieler Zeit, andere Dinge zu tun. Bei einer Comedy-Show ist der Aufwand noch geringer: Da macht man an einem Tag eine ganze Show. Für "KBV" habe ich an der gesamten Staffel etwa zehn Tage gearbeitet. Nehmen wir an, ich trete zusätzlich in zehn Shows auf, dann komme ich insgesamt auf 120 Arbeitstage und habe eine fette Drama- oder Krimi-Serie, eine Comedy-Serie sowie zahlreiche Auftritte in Unterhaltungsshows absolviert. Schon hat es den Anschein, als wäre ich dauerpräsent im Fernsehen, dabei hatte ich ein recht entspanntes Arbeitsjahr - mit viel Zeit für Familie und Privatleben.

teleschau: Heißt das, die meisten Schauspieler haben eine andere Art zu arbeiten als Menschen in normalen Jobs?

Vogel: Natürlich hat jeder eine andere Art zu arbeiten. Ich bin schlichtweg jemand, der sich für viele Dinge interessiert und unheimlich neugierig ist, immer wieder neue Sachen auszuprobieren. Und natürlich muss man sagen, der Zeitaufwand für verschiedene Projekte ist extrem unterschiedlich. Einen Kinofilm macht man in vielleicht 25 oder 26 Drehtagen, wenn man eine Hauptrolle spielt. Bei Fernsehfilmen sind es meist 22 Drehtage. Dazu muss man sich vorbereiten auf die Rollen. Trotzdem finde ich es krass, mit wie wenig Zeitaufwand man eine ziemlich große Präsenz erreichen kann, auch wenn es mir sicher nicht darauf ankommt. Wie gesagt, ich habe einfach auf viele Dinge Lust. Andere Menschen arbeiten anders, aber ich kann ja nur für mich sprechen.

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