07.03.2026 von SWYRL/Marko Schlichting
Sie streite sich weniger, erzählt Alice Schwarzer am Freitagabend im "Kölner Treff". Nichtsdestotrotz ist Deutschlands bekannteste Frauenrechtlerin überzeugt, dass es in puncto Gleichberechtigung noch viel zu tun gibt.
Sie ist die bekannteste Feministin Deutschlands: Alice Schwarzer. Die 83-jährige gehört zu den umstrittensten Frauen des Landes. Am Freitagabend ist sie Gast in der WDR-Talkshow "Kölner Treff". Da ist sie richtig gut drauf und zeigt, dass sie auch Entertainment kann, als sie von ihren Flirterlebnissen erzählt. "Ich habe eine Geschichte", sagt sie. "Aber am liebsten ist mir, wenn ich Menschen treffe und nicht die ganzen Emotionen und Projektionen noch einmal abräumen muss."
Gerade ist ihr neues Buch erschienen. "Feminismus pur. 99 Worte", heißt es. Und dafür wirbt sie im Moment in diversen Talkshows. Natürlich auch am Freitagabend. "Selbstoptimierung" ist so ein Wort, erklärt Schwarzer: "Die meisten Frauen werden dazu gedrängt, sich darzustellen, zu scheinen, anstatt zu sein. Und da verliert man viel Zeit, die man gebrauchen kann für Lebenslust, für das echte Leben, und nicht für das scheinbare Leben."
Als sie noch sehr jung war, habe ein besonderer Mann ihr Männerbild geprägt, erzählt Alice Schwarzer: ihr Großvater. Es gebe "die Legende bei uns in der Familie, dass mein Großvater zu seiner Frau gesagt hat: 'Gib sie her, Du lässt sie fallen.' Er hat mich gewickelt und ernährt, und ich kenne ihn als ganz liebenswüdigen, lustigen Menschen. In dem Dorf, in das wir evakuiert waren, kamen die Frauen zu ihm und fragten ihn um Rat. Mein Großvater war völlig verrückt mit mir. Ich habe meine Großeltern Mama und Papa genannt. Aber die Mama war eigentlich mein Großvater."
Abonniere doch jetzt unseren Newsletter.
"Wir leben in einer Zeit des Fortschritts und des Rückschritts"
Sie habe später erkannt, dass Männer auch anders sein können. Aber das habe sie nie akzeptiert, erzählt die Frauenrechtlerin. "Ich wusste, dass Männer so sein können wie er. Ich habe nie die Zeit gefunden, mich mit Macho-Männern aufzuhalten." Zeit fürs Kindsein habe sie nie gehabt. Doch einen gewissen Humor habe sie trotzdem entwickelt. "Ich war immer ironisch in der Kommunikation. Trotzdem haben mich viele Menschen für humorlos gehalten. Das hatte aber nichts mit mir zu tun. Das hat mit dem Bild der Feministin zu tun, das manche Menschen im Kopf haben."
In den letzten Jahren hat sich in Sachen Feminismus viel geändert. Aber noch immer nicht genug, sagt Alice Schwarzer. "Wir leben in einer Zeit des Fortschritts und des Rückschritts. Der enorme Fortschritt ist die totale rechtliche Gleichstellung. Noch in den 1970er-Jahren konnten Männer ihren Frauen die Berufstätigkeit verbieten. Vergewaltigung in der Ehe galt nicht als Verbrechen." Inzwischen, so Schwarzer, habe sich "die grundsätzliche Auffassung zumindest theoretisch durchgesetzt, dass Frauen alles das können, was Männer können."
"Ich streite mich weniger"
Gleichzeitig gebe es "auch einen Rückschlag", wie sie betont: "Den jungen Frauen und Mädchen wird erzählt, sie müssten ganz schlank sein und ganz schön, dass sie vor allem von Männern begehrt werden müssen." Junge Frauen, so Schwarzer, hätten es heute schwerer als die jungen Frauen in den 1960er- und 1970er-Jahren. "Wir haben damals gesagt, es reicht uns. Die jungen Männer haben mehr Freiheiten als wir, die können uns mal. Wir haben die Türen aufgetreten und gesagt: Platz machen, und sind in den Kampf gegangen. Heute sind die Frauen total zerrissen. Sie möchten emanzipiert sein, aber gleichzeitig möchten sie geliebt werden. Es ist eine eigenartige Situation."
Schwarzer ist stolz auf das, was sie erreicht hat. "Ich glaube, ich habe wahnsinnig vielen Frauen und auch etlichen Männern Mut gemacht." Heute bedankten sich viele Menschen, denen sie auf der Straße begegne. "Ich traf neulich eine Frau auf dem Apostelmarkt hier in Köln. Die war Mitte 50. Sie fragte mich, ob ich es sei, und fing plötzlich an zu weinen. Dann sagte sie: 'Ich verdanke Ihnen mein ganzes leben, ich verdanke Ihnen, dass ich mich zu sagen getraut habe, dass ich Buchhalterin werden möchte.' Das sind Sachen, die kann keiner bezahlen. Und das ist, worauf ich stolz bin."
Sie sei inzwischen etwas gelassener geworden, erzählt Alice Schwarz: "Ich streite mich weniger, lasse viel mehr durchgehen. Aber bei den großen und wichtigen Sachen bin ich da."


