18.02.2026 von SWYRL/Natascha Wittmann
Der Ukraine-Krieg verschärft Europas Sicherheitsdilemma und das ausgerechnet in einer Phase, in der das transatlantische Verhältnis spürbar abkühlt. Bei "Markus Lanz" fand Ex-US-General Ben Hodges drastische Worte: Europa müsse endlich mehr Verantwortung übernehmen und dürfe nicht länger zögern.
Bundeskanzler Friedrich Merz hat bei seiner Auftaktrede zur Münchner Sicherheitskonferenz einen Ton angeschlagen, der selbst in internationaler Runde aufhorchen ließ. Im Zentrum stand das belastete transatlantische Verhältnis - und die Forderung, Europa müsse sich aus seiner Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten lösen, ohne die NATO preiszugeben. Ziel sei es, so Merz, "im Bündnis im eigenen Interesse einen starken selbsttragenden europäischen Pfeiler errichten".
Bei "Markus Lanz" wurde deshalb am Dienstagabend diskutiert, was dieser Kurs für Europas Sicherheit konkret bedeutet. Lanz wollte von Journalistin Marina Kormbaki wissen: "Wie haben Sie diese Rede wahrgenommen?" Ihre Einschätzung fiel deutlich aus: "Das war überraschend. Das war ein anderer Merz, den wir da gesehen haben. (...) Ein Merz, der eine sehr klare Sprache spricht und einer, der (...) mit Trumps Amerika auf dieser Bühne vor internationalem Publikum gebrochen hat." Gerade diese Deutlichkeit sei heikel, warnte Kormbaki: "Das ist nicht ohne Risiko, so eine Rede!"
Doch was könnte diese Klarheit in Washington auslösen? Ex-US-General Ben Hodges zeigte sich unerwartet optimistisch: "Die Vereinigten Staaten brauchen starke Verbündete (...) auf Augenhöhe. Und das habe ich vom Bundeskanzler eben gehört. Sehr selbstbewusst!" Für Hodges könnte Merz' Auftritt langfristig sogar "zu einer ausgeglicheneren Beziehung" mit den USA führen. Militäranalyst Franz-Stefan Gady hielt derweil dagegen und verwies auf eine grundsätzliche Verschiebung amerikanischer Prioritäten: "Was ganz klar ist, ist, dass Europa nicht mehr die Top-Priorität der Vereinigten Staaten ist." Hodges lenkte daraufhin ein und gab zu: "Die neue Sicherheitsstrategie der Amerikaner ist in Wahrheit ein gigantischer Mittelfinger gegen Europa." Für ihn sei damit klarer denn je, "dass Trump auf der Seite des Kremls steht".
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Ben Hodges: "Europa wird den Preis dafür zahlen, wenn die Ukraine zerbricht"
Als Lanz schließlich nach den konkreten Konsequenzen fragte, antwortete Hodges ernst: "Die Vereinigten Staaten konzentrieren sich nicht mehr auf Europa, die NATO. (...) Das beunruhigt mich, denn es geht mir um den Schaden an unserer gemeinsamen Sicherheit." Umso wichtiger sei es, dass Europa - und insbesondere Deutschland - Kurs halte und "an der Seite der Ukraine" stehe.
Denn: "Europa wird den Preis dafür zahlen, wenn die Ukraine zerbricht. Millionen von Flüchtlinge, die Russen werden Tausend ukrainische Truppen absorbieren und gegen Europäer einsetzen. (...) Wir müssen aufwachen! Wir müssen etwas tun!" Lanz konterte trocken: "So oft, wie der Alarm schon geklingelt hat, müssten wir eigentlich mittlerweile alle Tinnitus haben." Hodges blieb dennoch bei seiner klaren Forderung: "Lasst die Ukraine nicht in den Zwang geraten, einen schrecklichen Frieden zu akzeptieren, der eine katastrophale Sache für ganz Europa wäre."
Beim Blick auf die Bündnisfähigkeit wurde es schließlich technisch. Franz-Stefan Gady sprach von "eklatanten Fähigkeitslücken (...) in unseren Streitkräften in der Bundeswehr", besonders "was die Drohnenabwehr (...) betrifft". Zudem seien Soldaten "innerhalb der NATO nicht mehr fähig", "verschiedene Waffensysteme effektiv zu koordinieren". Kormbaki kommentierte spitz: "Die Ironie ist ja jetzt, dass die Ukrainer den Deutschen dabei helfen, diese Fähigkeiten sich anzutrainieren."
In dem Zusammenhang nahm Markus Lanz ein Simulationsspiel der Bundeswehr-Universität Hamburg in den Blick, das zu dem alarmierenden Ergebnis gekommen sein soll, Russland könne das Baltikum demnach mit nur 15.000 Soldaten übernehmen. In der Runde erklärte Gady, das bei dem politischen Planspiel unter anderem die Eskalationsfrage gestellt wurde: "Was wäre, wenn die Russen Litauen - also die NATO - angreifen?" Er erklärte: "Wir versuchten, vor allem politische Entscheidungsprozesse in Deutschland (...) zu testen. Ich war der Militärchef (...) der russischen Seite."
Franz-Stefan Gady fordert: "Wir müssen unabhängiger werden in diesen Krisen von den Amerikanern"
Dementsprechend habe Gady "Pläne entwickelt", um "die Zerschlagung der NATO (...) und die Schwächung oder Zerschlagung der Europäischen Union" zu erreichen. Aus den Erkenntnissen leitete Gady einen gewissen Handlungsdruck für Deutschland ab: Es brauche dringend "einen Mentalitätswechsel", denn: "Wir müssen unabhängiger werden in diesen Krisen von den Amerikanern."
Ex-Merkel-Berater Christoph Heusgen mahnte daraufhin mit Blick auf Litauen: "Da müssen wir die entsprechenden Vorbereitungen machen." Nötig sei eine "Vorwärtsverteidigung" - also, "dass wir in Litauen die Brigade einsetzen". Lanz hakte nach: "Ist die denn vollzählig mittlerweile?" Gady verneinte prompt: "Nein, ist sie nicht. Ich glaube, 2027 wird sie vollzählig sein." Der Moderator reagierte irritiert: "Das bedeutet, wir werden fast zwangsläufig zu einer Wehrpflicht kommen müssen?" Heusgen stimmte nachdenklich zu: "Ich sehe nicht, wie wir das anders hinbekommen, was die Fähigkeiten anbelangt."



