Polizeiruf 110: Das Licht, das die Toten sehen - So. 15.05. - ARD: 20.20 Uhr

Eine Ermittlung der Blicke

11.05.2022 von SWYRL/Eric Leimann

Die Münchener Polizeiruf-Ermittlerin Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger) sucht nach Mädchen, die nach dem Eislaufen verschwanden. Es ist einer der leisesten, subtilsten Primetime-Krimis seit langem. Wer lieber einen Nebenbei-Krimi konsumieren will, sollte ein anderes Programm einschalten.

Die zur Münchener Mordkommission gewechselte Bessie Eyckhoff (Verena Altenberger), derzeit die vielleicht kreativste TV-Kommissarin Deutschlands, bestreitet ihren fünften Fall. Gemeinsam mit Dennis Eden (Stephan Zinner) muss Eyckhoff den Tod der 16-jährigen Laura aufklären. Die Leiche des Mädchens wurde in Plastik eingewickelt abseits einer Wohnsiedlung gefunden. Bessie und Dennis stoßen auf den zwei Jahre alten Vermisstenfall von Anne Ludwig, der Parallelen zum Mord aufweist. Beide Mädchen verschwanden nach dem abendlichen Eislaufen, indem sie in einen weißen Transporter einstiegen. Plötzlich taucht Caroline Ludwig (Anna Grisebach) im Kommissariat auf. Sie möchte wissen, ob das gefundene Mädchen ihre vermisste Tochter Anna ist. Tatsächlich sehen sich die Tote und die Vermisste verblüffend ähnlich. Und dann gibt es noch ein weiteres Mädchen, das von der Eishalle magisch angezogen scheint: Stefanie Reither (Zoë Valks), die mit dem labilen Patrick (Aniol Kirberg) zusammenlebt und nachts seltsame Ausflüge unternimmt.

Deutschen TV-Krimis wird von Kritikern gerne vorgeworfen, es würde zu viel verbal erklärt. Nach dem Motto: Wenn man mal nicht so genau hingeschaut oder sich draußen in der Küche einen Snack geholt hat - kein Problem: Dialoge erklären, was die Augen verpasst haben. Manchmal fast so penetrant, als hätte man aus Versehen die Audiodeskription eingeschaltet. Im "Polizeiruf 110: Das Licht, das die Toten sehen" wählte Regisseur Filippos Tsitos ("Tanze Tango mit mir") eine radikal andere Art des Inszenierens. Im undurchsichtigen Fall, in dem Motive und Beziehungen zwischen den Figuren zum Teil auf irritierende Weise in der Schwebe gehalten werden, scheinen die forschenden Blicke Bessie Eyckhoffs das schärfste Ermittlungsschwert darzustellen. Über die Augen der Kommissarin sowie die sie einfangende Kamera Ralph Netzers erleben Zuschauerinnen und Zuschauer den Plot aus optisch nachspürender anstatt verbal erklärender Perspektive. Das Ergebnis: ein faszinierender Fernsehfilm, der im emotionalen Ergebnis lange nachhallt.

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Das "Erspüren" der Zusammenhänge

Bessie Eyckhoff ist eine Figur, mit der man beim in Sachen Filmkunst aufgeschlossenen Bayerischen Rundfunk bereits (etwas zu) viel ausprobierte: Die junge Ermittlerin steckte anfangs noch in einer Uniform, ermittelte mit ihrem Halbbruder und wurde als Kommissaranwärterin später auf der Sendlinger Polizeiwache weiterzählt. Dort löste sie unter dem Kommando ihres damaligen Chefs Dennis Eden ihren vorletzten Fall, "Frau Schrödingers Katze". Mit dem grandiosen Verhörfilm "Bis Mitternacht" legte sie dann als Oberkommissarin die Uniform ab und war von nun an bei der Münchener Mordkommission tätig, wo sie ihren Sendlinger Chef Dennis Eden nun als Kollegen begrüßt.

Der nach außen eher grobklotzig wirkende Eden vermag im Zusammenspiel mit Eyckhoff gleich das Themenfeld dieses Krimis abzustecken. Als die Ermittler die Eltern des toten Mädchens besucht, wagt Bessie viel Nähe zu den Trauernden, während Eden den förmlich Distanzierten gibt. Nach dem Elternbesuch werfen sich die Ermittelnden diese Haltung gegenseitig vor. Auch zu Caroline Ludwig, der labilen Mutter des verschwundenen Mädchens, baut Bessie eine gefährliche Nähe auf. Vielleicht weil die Fakten- und Motivlage bei diesem atmosphärisch starken Krimi so unübersichtlich und verworren ist, glaubt man so, einem "Erspüren" der Zusammenhänge beizuwohnen. Wer sich darauf einlässt, kann einen sehr besonderen Krimi erleben - und das völlig ohne "experimentelle" Attribute oder Filmkunst-Kniffe.

Ein Plot mit Geheimnis und Gestaltungsraum

"Das Licht, das die Toten sehen" ist ein Fest in Sachen Schauspiel. Dass Verena Altenberger mit ihrem tiefen, gefühlsauthentischen Spiel fast jede Rolle besser macht, dürften mittlerweile fast alle mitbekommen haben. Die 34-jährige Österreicherin ist zu Recht bestens im Geschäft und besticht zudem durch ambitionierte Rollenwahl. Auch Anna Grisebach als verzweifelte Mutter sowie die an der Bühne begehrten Nachwuchskräfte Zoë Valks und Aniol Kirberg zeigen im neuen Münchener "Polizeiruf" Schauspielleistungen, die alles andere als alltäglich sind. Die Drehbuchvorlage von Sebastian Brauneis und Roderick Warich bietet so viel Geheimnis und Gestaltungsraum, dass sich die Schauspielenden mit ihr sichtlich wohlfühlen.

In einer der stimmungsvollsten Szenen nimmt sich Bessie Eyckhoff viel Zeit, um im Jugendzimmer der seit zwei Jahren verschwundenen Anna den Blick schweifen zu lassen. Ihr Augen fallen auf eine große Fotowand mit Schnappschüssen, Post-it-Zetteln und ganz viel Spuren eines jugendlichen Lebens. Im Umschnitt dieser Spuren auf den staunenden, forschenden Blick der Ermittlerin tun sich auch beim Betrachten dieser textfreien Filmszene ganze Erlebniswelten auf. Es ist äußerst selten, dass eine solche - im Krimigenre ja immer wieder verwendete Szene - so viel leistet. Der verwaiste Lebensraum einer Vermissten oder Toten wird hier mit allen Sinnen erspürt und nicht nur "begangen".

Bessie Eyckhoffs fünter Fall ist ein leises, aber ungemein schönes Fest dieser Sinne - trotz der eigentlich eher nüchternen Bilder aus einem tendenziell tristen Milieu. Man muss bei diesem Film sehr genau hinschauen und sich einlassen. Wer dies tut, erlebt einen Krimi, der so hell und warm strahlt wie jenes Licht, das die Toten in einer neuen Welt begrüßen soll.

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