Dr. Eckart von Hirschhausen im Interview

"Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten"

29.01.2021 von SWYRL/Sarah Kohlberger

Der Arzt und Kabarettist Dr. Eckart von Hirschhausen hat sich im Dezember als Corona-Impfproband zur Verfügung gestellt. Im Interview spricht der 53-Jährige über Risiken und Nebenwirkungen.

Viele Menschen sind skeptisch gegenüber der Corona-Impfung. Wie sicher sind die Impfstoffe, und welche Nebenwirkungen haben sie? "Skepsis ist der Motor der Wissenschaft", weiß Dr. Eckart von Hirschhausen. Der Kabarettist und Arzt nahm vergangenen Dezember als Proband in einer klinischen Impfstudie teil und ließ sich von einem Kamerateam begleiten. Die daraus entstandenen Aufnahmen zeigt das Erste zusammengefasst in der Dokumentation "Hirschhausen als Impfproband" am Montag, 1. Februar, 20.30 Uhr. Doch was hat ihn überhaupt dazu bewogen, an der Studie teilzunehmen? Im Interview liefert der 53-jährige Moderator die Hintergrundinformationen zu seiner Impfung, spricht über Impfbereitschaft und "Nebenwirkungen" und wagt einen Blick in die Zukunft: Woher kommen eigentlich diese Pandemien, und was müssen wir tun, um diese zu verhindern?

teleschau: Sie haben sich im Dezember als Impf-Proband zur Verfügung gestellt. Was hat Sie dazu bewogen, an der klinischen Impfstudie teilzunehmen?

Dr. Eckart von Hirschhausen: Als Arzt in der Kinderheilkunde habe ich schon vor 25 Jahren erlebt, was für ein Segen wirksame Impfungen sind, und ich habe auch selber Kinder geimpft. Seitdem verfolge ich die Diskussionen, bin in Fachgremien, begleite Kongresse und bin erschüttert, wie hartnäckig sich viele Mythen halten. Deshalb habe ich überlegt, was mein Beitrag sein könnte, damit wir den Impfstart in Deutschland nicht durch Wissenslücken und Misstrauen in den Sand setzen.

teleschau: Welche Frage hat Sie vor der Impfstudie am meisten beschäftigt?

von Hirschhausen: Wahrscheinlich die, die viele Menschen beschäftigt, die gleich zu Anfang geimpft werden: Wie gut verstanden ist ein derart neuer Impfstoff? Das hat mich tatsächlich auch einen Moment zögern lassen, denn natürlich ist ein Impfstoff, den es schon 20 Jahre gibt, besser verstanden als ein neuer. Deshalb habe ich mit vielen Fachleuten gesprochen.

teleschau: Mit wem zum Beispiel?

von Hirschhausen: Einige kommen auch im Film vor, wie Professorin Marylyn Addo, eine der weltbesten Infektiologinnen und selber Studienärztin, Volker Stollorz vom Science Media Center, oder Karl Lauterbach, der sich wirklich exzellent mit den aktuellen Studien auskennt, und auch Cornelia Betsch, die Expertin ist für Impfkommunikation. Auch die Aufklärung an der Uni Köln für alle Studienteilnehmer durch die Professorin Clara Lehmann war sehr gut. Alle haben mir den Prozess erklärt und mit bestem Wissen und Gewissen zugeraten. Ich konnte zu jedem Zeitpunkt Nein sagen. Habe ich aber nicht.

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"Eine Impfreaktion ist keine 'Nebenwirkung'"

teleschau: Hatten Sie Nebenwirkungen?

von Hirschhausen: Das lässt sich nicht eindeutig beantworten, weil viele "Nebenwirkungen" allein deshalb erlebt werden, weil man vermehrt auf seinen Körper achtet. Ich habe die letzten Wochen Schmerzen an der Schulter und am Oberarm, recht lästig und häufig, nennt sich "frozen shoulder". Die hatte ich auch schon vor der Impfung. Wären die Schmerzen aber zeitlich nach der Impfung aus dem Nichts aufgetaucht, hätte ich sofort die Impfung verdächtigt, dafür ausschlaggebend zu sein. Um solche falschen Zuweisungen zu vermeiden, gibt es drei wichtige Prinzipien bei Studien: möglichst viele Leute, Zufallsverteilung in die Gruppen und Verblindung. Dafür mache ich ja die Sendung, damit viele verstehen, wie viel Aufwand, Detailarbeit und Professionalität hinter einer Studie steht.

teleschau: Die Impfung hat noch ein paar Schwachstellen - beispielsweise ist noch nicht bekannt, wie lange der Impfschutz anhält, oder ob man als Geimpfter weiterhin Überträger sein kann ...

von Hirschhausen: Skepsis ist der Motor der Wissenschaft, deshalb gehört zu einer ernstzunehmenden Kommunikation auch Unsicherheiten zu benennen, wo sie bestehen. Und dagegen helfen keine Werbeplakate mit "Ärmel hoch", wenn die Leute dann mit Ärmel oben lange warten müssen oder emotional die Klappe runter ist, weil sie sich nicht ernst genommen fühlen. Mich nervt, wie fahrlässig mit Worten umgegangen wird. Eine Impfreaktion ist keine Nebenwirkung, sondern zeigt, dass der Körper tut, was er tun soll: sein Immunsystem aktivieren. Das ist die Hauptwirkung einer Impfung und völlig unschädlich. Klar kann man nach ein paar Monaten noch nicht wissen, was möglicherweise die Langzeitschäden sein könnten, aber auch dafür gibt es einen klaren und transparenten Prozess, damit nichts übersehen wird.

teleschau: Tatsächlich?

von Hirschhausen: Jeder kann direkt beim Paul-Ehrlich-Institut auf der Seite seine unerwünschten Reaktionen melden. Wichtig ist auch eine Idee von Wahrscheinlichkeiten zu haben: Wenn wie in Deutschland über eine Million Menschen, meist betagt und vorerkrankt, geimpft wird, werden rein statistisch in den nächsten zwei Monate mindestens 1.500 von Ihnen versterben, aber nicht an der Impfung, sondern an Herzinfarkt und Schlaganfall, das ist der normale Lauf der Dinge. Wenn man das weiß, schreckt einen auch kein Einzelfall mehr, der in den sozialen Medien zum Drama erklärt wird. Häufiges ist und bleibt häufig.

"Protest gegen die Impfung" als Zeichen für "unglaublichen Frust"

teleschau: Einer Umfrage zufolge ist die Impfbereitschaft in den Pflegeberufen eher zurückhaltend. Woran kann das Ihrer Meinung nach liegen?

von Hirschhausen: Da spielen viele Dinge zusammen. Ich habe dazu mit Christine Vogler vom Deutschen Pflegerat gesprochen, mit dem Pflegebeauftragten der Bundesregierung Andreas Westerfellhaus und mit Kathleen Vogelsang, die auf der Intensivstation der Uniklinik Bonn arbeitet und die ich aus meiner ersten Doku "Hirschhausen auf Intensiv" kannte. Die Pflegefachkräfte, die am nächsten schwere Verläufe miterleben, wollen sich praktisch alle impfen lassen und warten händeringend darauf. Wir konnten mit dem Filmteam an dem ersten Tag der Impfung für die Mitarbeiter dabei sein, und die Betriebsärztin war überglücklich, weil sie seit Wochen sich auf diesen Moment vorbereitet hatte.

teleschau: Aber?

von Hirschhausen: Auf der anderen Seite rächt sich, dass viele Pflegefachkräfte sich schon lange verraten fühlen, weil sich an den Rahmenbedingungen so wenig geändert hat, viel über sie geredet wird, aber nicht mit ihnen. Viele Verbesserungen und Schutzmaßnahmen gegen Überlastung wie Personaluntergrenzen wurden sofort mit dem Beginn der Pandemie aufgehoben, viele gehen seit Monaten auf dem Zahnfleisch. Der Protest gegen die Impfung ist auch ein Zeichen für den unglaublichen Frust, der sich da über lange Zeit aus völlig anderen Gründen angesammelt hat. Von Pflegekräften wird unterschwellig immer erwartet, dass sie ihre eigene Gesundheit riskieren für andere. Daher kann ich verstehen, dass einige gerade in der ersten Gruppe der Impfangebote zu sein, nicht als Wertschätzung erleben, sondern sich eher als Versuchskaninchen fühlen.

teleschau: Warum ist gerade das Fernsehen ein geeigneter Kanal, um Menschen aufzuklären?

von Hirschhausen: Weil viele Menschen noch Fragen haben, die von offizieller Seite nicht klar genug beantwortet werden. Leider finden sich auf guten Seiten viele Antworten nur in Schriftform, und sie halten in der Machart nicht Schritt mit den Entwicklungen und Darstellungsformen von heute. Es fehlt an der Übersetzung in gute wissensbasierte Videos, Animationen und schnelle Reaktionen auf neue Gerüchte. Ich kann sehr die Seiten und Kanäle von "Quarks" empfehlen, die machen wirklich momentan die besten Erklärvideos, da schau ich selber, wenn ich Fragen habe und stehe mit der Redaktion im Austausch.

"Da sind wir kollektiv eher trotzig"

teleschau: Welche Maßnahmen wünschen Sie sich noch, damit die Menschen ihre Angst gegenüber der Impfung verlieren?

von Hirschhausen: Es braucht hier grundsätzlich mehr Vertrauen, und das wächst nicht über Nacht. Deswegen halte ich auch nichts von einer Impfpflicht, das würde nur noch mehr Misstrauen und häufig unbedachte Kollateralschäden verursachen. Zum Beispiel sinkt, wenn man eine bestimmte Impfung erzwingt, die Zustimmung für andere Impfungen und Gesundheitsmaßnahmen. Da sind wir kollektiv eher trotzig. Den allermeisten Menschen traue ich eine eigene Impfentscheidung zu, also bessere Kommunikation statt mehr Druck ist das Gebot der Stunde.

teleschau: In Ihrer "Sprechstunde" rund um das Coronavirus wagten Sie düstere Aussichten auf die Zukunft, nach dem Motto: "Nach der Pandemie ist vor der Pandemie". Was müsste sich auf der Welt verändern, um Pandemien wie Corona in Zukunft zu verhindern?

von Hirschhausen: Der Grund, warum immer wieder Viren von Wildtieren auf Menschen übertragen werden, ist der brutale Rückgang ihrer natürlichen Lebensräume. Und dann werden die noch gegessen und gehandelt. Wildtiermärkte gehören weltweit verboten. Sofort. Vor 10.000 Jahren hatten Menschen global einen Gewichtsanteil von einem Prozent und Wildtiere 99 Prozent. Heute besteht die Biomasse der Wirbeltiere zu 32 Prozent aus Menschen, 67 Prozent Nutztieren und nur noch einem Prozent Wildtieren. Das ist und macht krank. Wir haben Gesundheit viel zu lange als etwas Individuelles betrachtet, jeder ist für sich selber verantwortlich, und für jede Krankheit gibt es eine Behandlung.

"Wildtiermärkte gehören weltweit verboten"

teleschau: Bei Corona verhält es sich allerdings anders ...

von Hirschhausen: Corona erinnert uns an den Stellenwert von "public health", an Gesundheitsgefahren, für die es übergeordnete Lösungen braucht. Die größte Gesundheitsgefahr ist und bleibt die Klimakrise, die Zerstörung unserer Mitwelt, die sich an vielen Stellen rächt, durch eine Zunahme von Infektionskrankheiten, von Allergien, von Hitze, Dürre und Waldbränden. Darüber redet gerade keiner mehr, dabei hängen die Krisen eng zusammen. Gesunde Menschen gibt es nur auf einem gesunden Planeten. Und meine große Hoffnung ist, dass wir nach der Krise neu darüber nachdenken, welche Art von Wachstum wir denn wieder ankurbeln wollen, wenn es mit sauberer Luft, mehr Fahrrad und weniger sinnlosen Flügen eigentlich viel schöner ist. Wenn uns das Überleben einzelner heute befähigt, unseren Lebensstil zu ändern, sollte das nicht auch für das Überleben der Menschheit gelten?

teleschau: Hand aufs Herz: Wann werden wir Ihrer Meinung nach wieder Normalität haben?

von Hirschhausen: So gerne ich diese Frage beantworten würde - das kann ich nicht. Ich weiß nur: Die Hoffnung auf die Impfung darf nicht dazu führen, dass wir leichtsinnig werden, bis alle geimpft sind. Also, Hoffnung ja, aber nur gepaart mit viel Geduld.

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