Béla Réthy im Interview

"Die Nationalmannschaft ist das Schmuddelkind geworden"

09.06.2021 von SWYRL/Julian Weinberger

Béla Réthy ist das Urgestein unter den deutschen Fußballkommentatoren. Auch bei der Europameisterschaft sitzt er für das ZDF in der Kommentatorenkabine. Was er von der deutschen Elf erwartet und warum er dem Turnier mit Sorge entgegenblickt, verrät Réthy im Interview.

Fußball und Béla Réthy - das gehört für eine ganze Generation von Fußballfans einfach zusammen. Seit 1994 hat der Reporter für das ZDF sämtliche Fußball-Großereignisse am Mikrofon begleitet. Doch ein Turnier wie die anstehende Europameisterschaft hat auch der 64-Jährige noch nicht erlebt. Viele Fragen sind noch offen: Werden die Reisen zwischen den Spielorten aufgrund der Corona-Pandemie ohne Probleme zu bewältigen sein? Und wie wappnet sich das ZDF vor möglichen Corona-Fällen im eigenen Team? Im Interview zeigt sich Béla Réthy vorsichtig optimistisch, spart nicht mit Kritik an der UEFA und wagt einen Ausblick auf seine Zusammenarbeit mit Co-Kommentator Sandro Wagner.

teleschau: In wenigen Tagen startet die Europameisterschaft. Wie groß ist Ihre Vorfreude auf das Turnier?

Béla Réthy: Es dominiert dieses Mal eher die Sorge darüber, ob das alles so durchgeführt werden kann, wie wir uns das vorstellen. Derzeit wechseln täglich die Informationen über Hygienekonzepte und wie die Situation mit Aus- und Einreise samt möglicher Quarantäne vonstattengeht. Da ist vieles noch im Schwebezustand. Ich versuche, mich davon im Kopf freizumachen, habe mich stattdessen auf meine Mannschaften vorbereitet und tue so, als wäre es eine ganz normale EM.

teleschau: Was ohne Zweifel nicht der Fall ist. Wie wird sich dieses besondere Turnier unter Corona-Bedingungen konkret auf Ihre Arbeit auswirken?

Réthy: Was die Vorbereitung angeht, ist es wie immer und sobald man im Stadion sitzt und die Kopfhörer am Mann hat. Aber die Formalitäten müssen natürlich geklärt sein. Ich kann mich noch an das Champions-League-Finale 2020 in Lissabon erinnern. Damals bekam man einen Code, dass man zugelassen ist. Aber der funktionierte wegen eines Softwarefehlers nicht, weshalb wir eine Stunde vor dem Stadion warten mussten. Erst wenn dieser ganze Albtraum irgendwann vorbei ist, Anstoß ist und zwei Mannschaften gegeneinander spielen, ist es wie immer.

teleschau: Wie bereitet man sich beim ZDF auf alle möglichen Eventualitäten vor?

Réthy: Es gibt inzwischen eine perfekt ausgearbeitete Logistik, die wir auch schon getestet haben. Wir haben die "Sportstudio"-Arena, aus der moderiert wird. Drumherum ist auch Technik aufgebaut, dass wir für den Fall der Fälle auch von Mainz aus mit verschiedenen Bildquellen kommentieren können. Das ist nicht optimal, weil natürlich die Atmosphäre im Stadion und der Blick über den Ball hinaus fehlt. Es ist auch alles vorbereitet, sollte ein Kollege oder eine Kollegin irgendwo hängenbleiben oder krank werden. Dann übernehmen andere Reporter die Spiele.

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"Durch die Distanz hat der Fußball etwas Ermüdendes bekommen"

teleschau: Eine Neuerung in diesem Jahr ist die paneuropäische Ausrichtung der EM mit Spielorten in ganz Europa. Was halten Sie von diesem Konzept?

Réthy: Als es beschlossen wurde und von Covid-19 noch nicht die Rede war, war es eine ganz charmante Idee. Auch wenn es den Nachteil hat, dass keine Euro-Atmosphäre in einem Land zu spüren ist. Im Moment halte ich dieses Festhalten an diesem Konzept für fragwürdig. Ich verstehe nicht, warum man das komplett so durchpeitschen muss. Das Turnier in ein oder zwei Ländern auszurichten, wäre das deutlich bessere Signal, dass man die Sorgen und Probleme in Europa ernst nimmt.

teleschau: Wen sehen Sie als treibende Kraft für das Festhalten an den ursprünglichen Plänen?

Réthy: Da ist sicher UEFA-Boss Aleksander Čeferin zu nennen, der auch von den Stimmen kleinerer Verbände lebt. Das ist eher eine politische Entscheidung, mit der er zu früh vorgeprescht ist. Man kann natürlich diesen Wunsch nach Zuschauern im Stadion äußern, aber ihn zur Bedingung zu machen, ist realitätsfern. Es kann schließlich weiterhin sein, dass man zurückrudern muss, wenn die Zahlen wieder steigen.

teleschau: Wie hat sich Ihr Verhältnis zum Fußball im vergangenen Jahr verändert?

Réthy: Durch die Distanz hat es etwas Ermüdendes bekommen. Ich arbeite gerne in diesem Job, weil ich Fußballfan bin und diesen Sport liebe. Aber man merkt es schon, wenn man sich zu Hause ein Spiel ansieht: Das läuft so ein bisschen mit als Geräuschkulisse, aber man macht nebenher noch andere Dinge. Man ist als Fan nicht mehr so mit dem Herzen dabei. Beim Kommentieren ist es etwas Anderes, aber als Konsument hat sich eine gewisse Distanz entwickelt.

"Ich freue mich auf das Experiment mit Sandro Wagner"

teleschau: Beim ersten Spiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Frankreich erwartet Sie eine neue Konstellation, wenn Sandro Wagner Sie als Co-Kommentator unterstützt. Was erwarten Sie sich von diesem Gespann?

Réthy: Das ist eine ganz spannende Sache, weil ich es noch nie gemacht habe. Dieses Spiel wird das Highlight der Vorrunde, und ich bin sehr positiv eingestellt. Sandro ist jemand, der nichts rhetorisch verklärt, sondern sehr schnell auf den Punkt kommt und so auch polarisiert. Er ist sehr meinungsstark. Das ist eine sehr spannende Konstellation. Wir werden uns vorher zusammensetzen, wie wir das organisatorisch lösen, wer wann was sagt. Aber ich freue mich auf das Experiment.

teleschau: In anderen Ländern wie in Großbritannien und in den USA ist ein Gespann aus Kommentator und Co-Kommentator längst normal. Halten Sie diese Kombination auch in Deutschland für die Zukunft des Sportkommentars?

Réthy: In Deutschland hat es deshalb so lange gedauert, weil das Publikum immer der Meinung war, dass die Reporter zu viel sprechen. Lange hatte man das Gefühl, dass ein solches Duo nicht marktfähig ist. Aber offenbar wendet sich das Blatt. Wenn die Zuschauer es als Unterhaltung und Mehrwert sehen, ist das gut, und deshalb probieren wir das aus. Mit einer voraussichtlich gigantischen Einschaltquote bei Deutschland gegen Frankreich ist das für ein breites Publikum ein Novum. Entsprechend gut vorbereitet und motiviert gehen Sandro und ich diese Aufgabe an.

teleschau: Sie sind seit 1994 bei jedem großen Turnier dabei gewesen. Kommendes Jahr werden Sie 65 Jahre alt. Wird die EM Ihr letztes großes Turnier?

Réthy: Nein, das vorletzte. Das letzte wird die Weltmeisterschaft in Katar sein. Ich gehe erst mit 66 Jahren in Rente. Dann ist aber Schluss.

teleschau: Haben Sie schon Pläne für danach geschmiedet?

Réthy: Erst mal nicht. Es waren dann 38 Jahre, in denen ich mit allem Drum und Dran dabei war. Das muss ich erst einmal sacken lassen. Daher werde ich erst einmal ein halbes Jahr nichts tun mit Medien, sondern einfach reisen und den Kopf klarkriegen. Der größte Luxus, der nach dieser Zeit kommen wird, ist die Terminlosigkeit. Nach Lust und Laune Entscheidungen zu treffen, darauf freue ich mich.

"Bei Thomas Müller könnte sich der Kreis schließen"

teleschau: Was trauen Sie der deutschen Mannschaft bei der Europameisterschaft zu?

Réthy: Ich glaube, die Rückkehr von Mats Hummels und Thomas Müller bringt einen neuen Schub. Dadurch bekommt die Mannschaft zwei wichtige Leistungsträger zurück. Zudem neigt der Mensch dazu, das Glas doch eher halb voll zu sehen - auch, nachdem nach den Niederlagen gegen Spanien und Nordmazedonien die kollektive Depression im Lande ausgebrochen war. Mit etwas Abstand und beim Betrachten des doch recht ausgewogenen Kaders bin ich der Meinung, dass Deutschland die Gruppenphase übersteht. Frankreich wird zwar sehr schwer, aber der Rest ist absolut machbar.

teleschau: Wie weit kann es für die DFB-Elf gehen?

Réthy: Ich will keine Prognose abgeben, wie weit man kommt, aber es wird von der Körpersprache und Einstellung auf jeden Fall ein anderes Turnier sein als in Russland 2018. Man kann auch ausscheiden, und die Menschen akzeptieren es trotzdem - es kommt auf das Wie an. Auch wenn man nicht verschweigen darf, dass die Nationalmannschaft ein großes Imageproblem in der Bevölkerung hat. Die Mannschaft war früher das absolute Lieblingskind. Jetzt ist es eher das Schmuddelkind geworden. Da wäre die EM eine gute Möglichkeit, um das zu ändern.

teleschau: Welche Mannschaften sehen Sie als EM-Favoriten?

Réthy: Frankreich muss man auf jeden Fall nennen, auch wenn es schwierig ist, nach einem Weltmeistertitel auch noch Europameister zu werden. Absolut auf dem Zettel habe ich zudem England und Belgien. England hat schon ein gutes Turnier in Russland gespielt und ist mittlerweile gereift, obwohl es noch immer eine sehr junge Mannschaft ist. Und Belgien ist schon allein wegen der großen individuellen Qualität ein Titelkandidat.

teleschau: Turniere waren in der Vergangenheit immer wieder Startschuss für große Karrieren, etwa bei Thomas Müller 2010. Welche Spieler könnten sich bei der EM 2021 in den Fokus spielen?

Réthy: Ich glaube, auf deutscher Seite wird es keinen Shootingstar geben, weil hauptsächlich erfahrene Bundesligaspieler zum Kader gehören. Ob Jamal Musiala eine Chance bekommt zu spielen, wird man sehen. Ich denke, man wird zunächst auf etablierte Kräfte setzen. Bei Thomas Müller könnte sich der Kreis schließen. Elf Jahre nach seinem Turnierdebüt könnte er ein entscheidender Faktor sein im deutschen Spiel - also ein älterer Spieler als Newcomer, wenn man so will. Das wäre eine romantische Erfolgsgeschichte, die Thomas Müller absolut zu gönnen wäre.

teleschau: Zum Abschluss Hand aufs Herz: Wie schneidet die DFB-Elf im ersten Spiel gegen Frankreich ab?

Réthy: Ich tippe auf ein 1:1. Wenn die deutsche Mannschaft dieses Monsterspiel ungeschlagen hinbekommt, hätte sie einen guten Start ins Turnier geschafft. Mit diesem Ergebnis wären im Land viele zufrieden. Das Schöne ist auch: Erstmals seit den 1950er-Jahren geht Deutschland nicht als einer der Favoriten ins Turnier, sondern eher in einer Außenseiterrolle. Das könnte ein kleiner Vorteil sein.

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