26.01.2026 von SWYRL
Von "Torn" bis "Save Tonight": Es gibt Songs, die trotz Dauerbeschallung in den 90ern noch immer nicht totzukriegen sind. Wir zeigen, was die Interpretinnen und Interpreten heute machen.
Seit Beginn der Aufzeichnung von Musik-Charts tauchen darin auch immer wieder Namen auf, von denen man nach diesem einen Hit nie wieder hört. Von einem "One Hit Wonder" ist dann die Rede - von Acts, die an den zumindest kommerziellen Erfolg eines bestimmten Songs nie wieder anschließen konnten und anhaltend darauf reduziert werden. In den 90er-Jahren gab es besonders viele davon. Wer erinnert sich beispielsweise nicht an die vergleichsweise unsagbaren "Mambo No. 5", "Macarena" oder "Lemon Tree"? Wir zeigen die besten One Hit Wonder aus den deutschen Charts der 90er-Jahre. Songs, die trotz Dauerschleifen einfach nicht kaputtzukriegen sind.
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Zerrissene Seelen und verlorene Nächte
So wie der Ohrwurm "Torn" aus dem Jahr 1997. Als die australische "Neighbors"-Seifenoper-Darstellerin Natalie Imbruglia ihre betörende Poprock-Debütsingle veröffentlichte, war die halbe Welt schockverliebt. Imbruglia selbst heiratete 2003 Daniel Johns, Sänger der australischen Grunge-Wunderkinder von Silverchair. Die Ehe hielt fünf Jahre. 2019 gab Imbruglia bekannt, dass sie mittels Samenspende Mutter wurde.
Was viele damals nicht wussten: "Torn" wurde bereits 1991 für die US-Rockband Ednaswap geschrieben und 1993 von der dänischen Sängerin Lis Sørensen aufgenommen und erstmals veröffentlicht. Imbruglia ist bis heute im Musikgeschäft aktiv, ihr sechstes Album erschien 2021, 2024 tourte sie mit The Corrs. An den Erfolg ihres Einstandes als Musikerin konnte sie jedoch nie anknüpfen.
Genauso Eagle Eye Cherry. Ehrenhalber sei erwähnt, dass der schwedische Musiker doppelte Last zu tragen hatte. Es galt für ihn auch, aus dem Schatten seiner berühmten und erfolgreichen Halbschwester Neneh Cherry herauszutreten. Für einen lässigen und unkaputtbaren Gitarrenhit mit Gold-Status hatte es immerhin gereicht: 1997 stand "Save Tonight" des damals 28-jährigen Sängers für 26 Wochen in den deutschen Charts. Im Januar 2023 erschien sein sechstes Album "Back On Track" - ohne jede Chartdotierung.
Im Fahrwasser des Grunge-Hypes lancierte die Band Blind Melon den neo-psychedelischen Alternative-Rock-Song "No Rain", in dem es trotz charmantem Video mit Bienenmädchen eigentlich um Depressionen ging. In Deutschland schaffte es der Song zwar nur bis auf Platz 76 der Charts, aber in gefühlt jede analogen Playlist kiffender Teenager. Sänger Shannon Hoon, der vorher mit Guns'N'Roses aufnahm, blieb ein Anschlusserfolg wegen einer persönlichen Tragödie verwehrt: Er starb 1995 mit 27 Jahren infolge einer Überdosis. Seit 2006 machen Blind Melon mit Sänger Travis Warren weiter.
Wenn man ein Mädchen ist
Natürlich kam Lucilectric, das Projekt von Musiker Ralf Goldkind (Nina Hagen, Die Fantastischen Vier) und Sängerin Luci van Org, bisweilen anstrengend und enervierend daher. Das war aber auch Sinn der Sache: "Mädchen" war 1994 im Rückblick eine feministische Kampfansage in einer von Männern dominierten musikalischen Branche und Gesellschaft - und damit in Deutschland sogar Tic Tac Toe um ein Jahr voraus.
Ansichten eines Ex-Mädchens: Luci van Org, früher Chartswunder, arbeitet heute als Roman- und Drehbuchautorin. Unter anderem für die ARD-Serie "WAPO Bodensee" verfassten van Org und ihr Mann Axel Hildebrandt Drehbücher. Produzent Ralf Goldkind arbeitete nach "Mädchen" mit den Fanta 4 zusammen und veröffentlichte unter seinem Namen die Platte "Allein im Ring". Auch der Musik von Mona Mur drückte er als Produzent und Komponist seinen Stempel auf.
Eine Marke in den 1990ern waren auch The New Radicals, die allerdings bald nach "You Get What You Give" wieder von der Bildfläche verschwand. Dass aber dürfte den damals gerne Anglerhut tragenden Sänger, Songwriter und Produzenten Gregg Alexander kaum oder jedenfalls nicht lange gewurmt haben. Immerhin arbeitete der heute 55-Jährige nach dem New-Radicals-Projekt unter anderem mit Ronan Keating, Texas, Santana und Michelle Branch zusammen. Sein mit Sophie Ellis-Baxtor geschriebener Song "Murder On The Dancefloor" (2001) wurde dank der Verwendung im Film "Saltburn" und auf TikTok Anfang 2024 erneut ein Hit.
Narkotische Grooves
Der von US-Bands wie Weezer zelebrierte Powerpop blieb auch im deutschen Heidelberg nicht unbemerkt. Dort schrieb Wolfgang Schrödl auf Grundlage des unvergessenen Synthie-Riffs ("Dö Dö Dö Dö Dö Dödööö...") Liquidos 90er-Hit "Narcotic". Der mauserte sich samt Pullunder-Video zu einem internationalen Hit. Danach? Kam nicht mehr viel. 2009 lösten sich Liquido nach fünf Alben auf. Schrödl veröffentlichte danach als 7fields Indietronic-Experimente, war an der 2019er-Neuauflage von "Narcotic" von YouNotUs beteiligt und musiziert auch unter dem Namen Senex. Von den Tantiemen aus "Narcotic" lebt er bis heute.
Auch Deee-Lite dürften dank ihres einzigen Hits ausgesorgt haben. Zumal ihr größter Hit eher für die Zukunft komponiert schien. Mit "Groove Is In The Heart" lieferte die US-amerikanische Dancegruppe eigentlich den perfekten Popsong fürs 21. Jahrhundert: Von Melodie über Tanz- und Radiotauglichkeit bis hin zu den Funk-, House- und Rapsamples stimmte alles. In Deutschland reichte es damals nur für Platz 17. Vielleicht war der Track einfach zu gut und man hatte die Qualitäten dieses instant classics schlicht verkannt. Womöglich war er wirklich seiner Zeit etwas voraus.
Auch weiße Jungs bringen's
Dass auch Weißbrote rappen können, wissen wir nicht erst seit Eminem. Zu dessen bekanntesten Vorläufern gehört neben Vanilla Ice ("Ice Ice Baby") auch Snow. Zugegeben, der Rest des Oeuvres des kanadischen Reggae-Musikers kann mit seinem einzigen Hit nicht mithalten. Aber "Informer" mit seinem so temporeichen wie lautmalerischen Punchlines wie "A licky boom boom down" brachte dem während der Veröffentlichung im September 1992 inhaftierten Darrin Kenneth O'Brien nicht nur ein Mindestmaß an Respekt ein, sondern mit weltweit acht Millionen verkauften Einheiten allein in Deutschland auch Platinstatus und 23 Wochen Aufenthalt in den Charts. Und nachdem 2019 Daddy Yankee für seinen Hit "Con Calma" mit Snow arbeitete, wissen auch heutige Kids, wer der "Informer" war.
Ob sie sich aber auch an diesen Act erinnern? In den 1990ern waren sie und ihr Eintagsfliegen-Song kurzzeitig in aller Munde. Was sie sich natürlich redlich verdient hatten. Denn wer damals ein Lied in der TV-Werbung eines großen Jeansherstellers platzieren konnte, durfte stolz auf das Erreichte sein. Neben Stiltskin ("Inside"), Flat Eric ("Flat Beat") und Shaggy ("Boombastic") waren das zuerst Babylon Zoo. Der progressive Spacerock des Briten Jas Mann war seiner Zeit voraus, seine Single "Spaceman" verkaufte sich in Großbritannien 1996 so schnell wie keine andere Single davor - und so oft, wie bis dahin keine andere seit "Can't Buy Me Love" von The Beatles. Heute arbeitet Mann als Filmproduzent. Ein Paul McCartney war er am Ende doch nicht.



