ARD-Polit-Talk

Aus nach 16 Jahren: Das waren die größten Aufreger bei "Anne Will"

13.01.2023 von SWYRL/Jens Szameit

Nach 16 Jahren wird "Anne Will" am Jahresende im Ersten eingestellt. Ein Rückblick auf die denkwürdigsten Momente des ARD-Talks.

Ein beachtliches Stück Fernsehgeschichte neigt sich dem Ende zu: Anne Will wird zum Jahresende zum letzten Mal den nach ihr benannten Polit-Talk im Ersten moderieren. Es naht das Aus für "Anne Will" nach 16 Jahren spätabendlicher TV-Debatten, die nicht selten Schlagzeilen machten. Ein Überblick über die größten Aufreger und denkwürdigsten Momente in der Geschichte der Sendung.

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2008: Unionspolitiker fordert die Absetzung

Wer findet, dass der Ton in deutschen Fernsehdebatten in den letzten Jahren verroht ist, kennt die "Anne Will"-Ausgabe vom Juni 2008 nicht. Die Hauptwidersacher hier: der damalige Linken-Parteichef Oskar Lafontaine und CSU-Mann Günther Beckstein, seinerzeit Ministerpräsident von Bayern. Immer wieder provozierte der Linke in Richtung des Konservativen. Lafontaine bezeichnete Angela Merkel als "Jungkommunistin" und drohte bei einem Wahlsieg im Saarland, den "erklärten Verfassungsfeind" Wolfgang Schäuble vom Landesverfassungsschutz beobachten zu lassen.

Die Empörung war nicht nur in der Sendung groß, sondern auch hinterher: Anne Will habe Lafontaine nicht ausreichend die Grenzen aufgezeigt. Der CDU-Politiker Friedbert Pflüger warf der Show sogar die "bewusste Verzerrung von Sachverhalten" vor und forderte deren Absetzung. "Anne Will" solle am besten durch Frank Plasbergs "Hart aber fair" ersetzt werden. Dazu kam es bekanntlich nicht. Der damalige ARD-Programmdirektor Günter Struve nannte den Einlass "absurd". Allerdings räumte Anne Will am Beginn der nächsten Sendung ein, den Schuldenstand Berlins nicht korrekt wiedergegeben zu haben: "Wir bedauern diesen Fehler."

2016: (Un)verschleierte Radikalität

"Warum radikalisieren sich immer mehr junge Menschen?", wollte Anne Will in ihrer Sendung im November 2016 wissen. Dazu lud die Redaktion unter anderem die "Frauenbeauftragte" des "Islamischen Zentralrats der Schweiz" ein, Nora Illi. Die Konvertitin erschien im Studio vollverschleiert, hielt mit ihren radikalen Ansichten über den Dschihad aber nicht hinter dem Berg. "Das ist eine offene Kriegspropaganda", entrüstete sich Talk-Gast Ahmad Mansour. "Das kann man im Fernsehen nicht machen."

Nach der Ausstrahlung hagelte es Kritik, eine Rechtsanwältin reichte sogar Klage ein. Anne Will rechtfertigte im Nachgang die kontroverse Gastauswahl: "Wenn wir uns gar nicht mehr anschauen, wie die radikalisierten Kräfte in unserer Gesellschaft denken, berauben wir uns in einer demokratischen Gesellschaft eines wesentlichen Mittels." Man könne doch nicht ernsthaft glauben, "dass sich irgendjemand vor dem Fernseher spontan radikalisiert hätte, als er Frau Illi gesehen hat. Das glatte Gegenteil ist der Fall. Man hat verstanden, welchem Irrglauben Frau Illi aufsitzt."

2017: Eklat um Veronas Beine

Auf dem Höhepunkt der MeToo-Debatte titelte "Anne Will" 2017: "Die Sexismus-Debatte - Ändert sich jetzt etwas?" - Unter dieser Fragestellung bat die Moderatorin unter anderem Verona Pooth zum Talk. Während die Bohlen-Ex über Missbrauch und Respekt referierte, filmte die Kamera genüsslich ihre Beine in Nahaufnahme ab. Ein hochnotpeinlicher Moment für die Verantwortlichen: "Der Kameraschwenk über Schuhe und Beine von Verona Pooth in unserer gestrigen Sendung ging gar nicht!", hieß es tags darauf beim offiziellen Twitter-Account der Sendung. Der Regisseur bedauere den Fehler.

Verona Pooth indes habe die Entschuldigung "entspannt aufgenommen", was die Unterhaltungsmoderatorin gegenüber "Bild" bestätigte: "Der arme Kameramann - warum soll er denn nicht diesen Schwenk machen? Das ist sicher nicht sexistisch." In der Sendung hatte Pooth dargelegt, zwar Sexismus erfahren zu haben, aber "nie eine Nötigung in einer Form, die mir einen Schaden zugefügt hat".

2020: Fauxpas während des Abspanns

Die Corona-Pandemie brachte den deutschen TV-Talks neue Reichweitenrekorde - sie bisweilen aber auch an ihre Grenzen. Im Oktober 2020 tagte im "Anne Will"-Studio eine sichtlich Pandemie-müde Runde zur bangen Fragestellung: "Corona-Infektionen erreichen Höchstwerte - hat Deutschland noch die richtige Strategie?" Um einen weiteren Lockdown zu verhindern, appellierten unter anderem Armin Laschet (CDU), Gerhart Baum (FDP) und die Virologin Helga Rübsamen-Schaeff eindringlich an Vernunft und Disziplin der Menschen im Land - nur um ihre Botschaft am Ende der Sendung selbst zu konterkarieren.

Als schon der Abspann lief, sah das TV-Publikum, wie sich die Diskussionsteilnehmer ohne Abstand und Maske zueinander gesellten. Einzig Berlins Bürgermeister Michael Müller (SPD) hatte den Mund-Nasen-Schutz nicht vergessen. "Wie blöd von mir. Dabei haben wir schon im Rausgehen wieder #maskeauf gehabt", zeigte sich Anne Will im Anschluss bei Twitter zerknirscht.

2022: "Moralische Verwahrlosung" im "Professorenzimmer"

Der Schock des russischen Angriffs auf die Ukraine hinterließ auch und besonders bei "Anne Will" tiefe Debattenspuren. Unvergessen, wie Sahra Wagenknecht wenige Tage vor der Invasion die offenkundigen Kriegsabsichten ins Reich amerikanischer Propaganda zu lenken versuchte ("Russland hat faktisch kein Interesse, einzumarschieren"). Ebenso der emotionale Ausbruch des Historikers Karl Schlögel eine Woche später, da schon nach dem Einmarsch. Wagenknecht und Parteikollege Gregor Gysi hätten bis vor Kurzem noch "Putin-Kitsch" verbreitet. Jetzt lichte sich der Nebel und es werde offenbar: "Wir sind nicht aufgestellt."

Noch denkwürdiger war da nur die offen feindselige Konfrontation des damaligen ukrainischen Botschafters Andrij Melnyk mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer im Mai 2022. Welzer verteidigte den von ihm mitunterzeichneten offenen Kanzler-Brief, der gegen Waffenlieferungen an die Ukraine votierte. "Es ist einfach für Sie, in Ihrem Professorenzimmer zu sitzen und zu philosophieren", griff Melnyk den deutschen Intellektuellen an, den er "moralisch verwahrlost" nannte. Welzer erwiderte "Bleiben Sie mal beim Zuhören!" und "Informieren Sie sich über meine wissenschaftliche Arbeit!". Studiogast Kevin Kühnert bangte als Ohrenzeuge um "die Kulturtechnik des Diskutierens".

Der notorisch kontroverse Andrij Melnyk wurde später als Botschafter der Ukraine abberufen. Harald Welzer kassierte für seinen als arrogant wahrgenommenen Auftritt einen Shitstorm, der ihn gemeinsam mit Richard David Precht zu einem medienkritischen Sachbuchbestseller anregte. Der löste später im Jahr einen weiteren Talkshow-Aufreger erster Güte aus - das allerdings bei "Markus Lanz".

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