Guido Maria Kretschmer im Interview

"Bei uns wollen Frauen unter sich sein": Die Wahrheit über den Erfolg von "Shopping Queen"

29.01.2022 von SWYRL/Christina Raftery

Guido Maria Kretschmer ist nicht nur Modedesigner und TV-Host, an ihm ist auch ein Philosoph verloren gegangen. Im Interview blickt er auf zehn erfolgreiche Jahre mit "Shopping Queen" und schüttelt reihenweise Bonmots der Güteklasse: "Kleidung ist die Haut der Seele" aus dem Ärmel.

"Bei Mode guckt immer ein Kopf oben raus": Unter anderem der von Designer Guido Maria Kretschmer (56). Mit seinem Dauerbrenner "Shopping Queen" ist der ehemalige Krankenpfleger seit zehn Jahren auf Sendung. Die stilistische "Hilfe zur Selbsthilfe" gehört längst zu den großen Marken im Unterhaltungsfernsehen und feiert nach insgesamt 2.081 Folgen und 94.686 Sendeminuten in der Woche vom Montag, 31. Januar, bis Freitag, 4. Februar (jeweils um 15 Uhr bei VOX), Jubiläum. Im Interview philosophiert Kretschmer trefflich über den tieferen Sinn der Mode: "Ich glaube fest daran, dass man mit dem Außen das Innen verkleiden und unterstützen kann."

teleschau: Zum Glück findet dieses Interview per Telefon statt: Sie hätten sonst vermutlich jeder Menge Anlass zur Stilkritik!

Guido Maria Kretschmer: Oh, so etwas höre ich oft: "Mensch Guido, wenn ich gewusst hätte, dass du kommst, hätte ich mir etwas anderes angezogen." Dabei ist es, "Shopping Queen"-Sprüche hin oder her, überhaupt nicht meine Intention, zu bewerten. Ich kann mit jeder Art von Textil gut umgehen.

teleschau: Viele von uns arbeiten vermehrt im Home Office. Welche modischen Auswirkungen fallen Ihnen da auf?

Kretschmer: Zwiespältige, im wahrsten Sinne des Wortes: Oft obenrum top, und bei der zweiten Körperhälfte na ja, da wird locker gelassen, dazu ein neutraler Hintergrund bei der Videokonferenz. Dann gibt es noch den "Formal Friday", an dem die Chefs zu ihren Leuten sagen: "Kommt mal wieder ordentlich, ist heute ja nur ein kurzer Tag."

teleschau: Während des Lockdowns haben uns die geschlossenen Boutiquen gezeigt, wie sehr uns das Shopping fehlen kann. Wie haben Sie das selbst erlebt?

Kretschmer: Für mich war es vor allem ein historischer Tag, als die Friseure wieder aufgemacht haben. Von der Öffentlichkeit wurde das gar nicht so gefeiert, aber für mich war es ein tolles Gefühl. Offenbar waren vorher ja viele Wanderfriseure unterwegs, aber dann gab es endlich wieder richtige Frisuren auf den Köpfen glücklicher Menschen.

teleschau: Erleben wir eine neue Wertschätzung für die vermeintliche Nebensache Mode?

Kretschmer: "Wer nie sein Brot mit Tränen aß, wer nie die kummervollen Nächte auf seinem Bette weinend saß, er kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte", schreibt Goethe. Erst wenn Dinge wie Klo- und Backpapier oder Nudeln wie damals nicht mehr verfügbar sind, denken wir: "Oh guck mal, das gehört ja auch zu unserem Leben." Bei der Mode war es ähnlich: Auch ein voller Schrank reichte auf einmal nicht, nie gekannter Mangel wurde spürbar. Andere haben sich auf das Vorhandene besinnt und es zum Beispiel neu kombiniert. Die Schließungen haben bei uns allen etwas ausgelöst. Unter anderem schienen wir vergessen zu haben, wie aufregend schön es sein kann, einfach mal in einen Laden zu gehen.

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teleschau: Die Verwandlungen, die im Mode-Laden passieren können, zelebrieren Sie seit zehn Jahren bei "Shopping Queen" - bis heute mit rund 2.200 Kandidatinnen. - Aber es waren kaum Männer dabei, warum?

Kretschmer: Da braucht man gar nicht drumherum zu gendern: Bei uns wollen Frauen unter sich sein. Vielleicht ist das Shoppen da eine letzte Instanz.

teleschau: Bei so vielen Teilnehmerinnen, Stilen und Outfits, die an Ihnen vorbei gezogen sind: Welches tiefere Bedürfnis wird befriedigt, wenn Menschen und Textilien zusammenkommen?

Kretschmer: Kleidung ist die Haut der Seele. Ich glaube fest daran, dass man mit dem Außen das Innen verkleiden und unterstützen kann. Man kann sich selbst ein Schnippchen schlagen, sehr langweilig sein und dabei sehr interessant aussehen. Man kann sich auch vor der Welt schützen oder sagen: "Bitte schaut mich an, vergesst mich nicht." Ich habe mal eine Installation mit ausnahmslos nackten Menschen gesehen: Eine sehr schöne Gleichheit aus Haut und Körper, wie bei den Mulchen. Eine textile Haut schafft Differenzierung: Ich bin das, der oder könnte die sein. Für mich ist Kleidung das Vehikel, mit dem ich in diesem Leben alles sein kann, das habe ich schon als Kind verstanden. In einer Gesellschaft, in der ich das frei entscheiden kann, von Gothic bis zur feinen Lady oder Trachtenlook forever, weiß ich, dass Freiheit herrscht, da sind Demokratie, Kultiviertheit und Ausdruck möglich. Wir wollen alle gesehen werden. Dazu ist Mode ein großes Geschenk.

telesschau: Sie haben eine Ausbildung als Krankenpfleger und kennen daher sicher das allzu Menschliche.

Kretschmer: Tatsächlich fühle ich mich den Menschen sehr eng verbunden. Schließlich guckt bei Mode immer ein Kopf oben raus - sie lässt sich ja nicht von der Person trennen, die sie trägt. Als Designer komme ich von der Anatomie, Form und einem großem Verständnis für Unterschiedlichkeit.

teleschau: Haben Sie gar ein Faible für das ganz Normale?

Kretschmer: Wenn man Menschen nicht liebt und wertschätzt, kann man sie auch nicht gut anziehen, da bin ich mir ganz sicher. Deswegen bin ich für "Shopping Queen" von meinem damaligen Mode-Olymp runtergestiegen. Ich will Realität. Ich mag meine Mama, meine Schwester, meine Freundinnen, meine Nachbarin und die Generaldirektorin genau wie die Frau Meier, die meine Brötchen einpackt. Sie alle wollen im richtigen Moment das Richtige tragen und gut aussehen, das ist für mich ein Lebensgefühl. Wenn man Mode nicht empathisch erlebt, geht das gegen den Menschen. Ich habe viel Produktdesign gemacht und will auch bei Möbeln oder Autositzen eine gute Haptik und dass man sich darin wohl fühlt. Als Designer hat man einfach die Verantwortung, keinen Schrabbel zu machen.

teleschau: Ein Menschenbild, das für die Modewelt nicht typisch ist.

Kretschmer: Ich bin aus vollem Herzen Mitmensch und trage Unzulänglichkeit nicht nach, vielleicht weil ich nie schwer enttäuscht worden bin. Dabei halte ich es mit Adenauer: "Du musst die Menschen nehmen, wie sie sind, denn es gibt gerade keine besseren." Mode kann schnell elitär sein und keinen Kontakt zulassen. Ich mag es lieber lebendig und möchte dem Publikum zeigen, dass etwas, das man gerne macht, auch Sinn haben kann. Ich sitze gerne bei Leuten in der Küche und begutachte mit ihnen ihren Kleiderschrank: Subsidiarität, Hilfe zur Selbsthilfe, kein Modediktat.

teleschau: Ein bisschen Glamour, schöner Schein und Oberflächlichkeit müssen manchmal aber auch sein, oder?

Kretschmer: Ganz ehrlich: Meins ist es eher nicht. Doofheit - und damit meine ich nicht den Bildungsgrad - finde ich nicht abendfüllend. Je feiner der Zwirn, desto schlichter das Hirn, da bin ich schnell raus. Es gibt genug Leute, die das feiern können und dafür viele Plattformen haben. Wenn ich etwas langweilig finde, kompensiere ich, indem ich umso mehr rede. Interviews natürlich ausgenommen ...

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