Serientipp "Gaslit"

Angst vor der starken Frau - Julia Roberts führt die Idioten der "Watergate"-Affäre vor

21.04.2022 von SWYRL/Andreas Fischer

Wackere Kämpfer für Gerechtigkeit mögen die Watergate-Affäre aufgeklärt haben. Ins Rollen gebracht hatte sie eine vergessene Heldin, deren Geschichte auf Starzplay nun erstmals in der Mini-Serie "Gaslit" erzählt wird.

"Wenn Martha Mitchell nicht gewesen wäre, hätte es kein Watergate gegeben", bedauerte Richard Nixon im legendären Interview mit David Frost 1977. Man muss sich hierzulande allerdings nicht schämen, wenn man sich fragt: Wer ist diese Martha Mitchell eigentlich? Ihre Rolle im Watergate-Skandal, der Nixon 1974 das Amt als US-Präsident kostete, wurde bislang nicht erzählt. Die Starzplay-Serie "Gaslit" ändert das ab 24. April.

Es ist eine aberwitzige Konstellation: Der Watergate-Skandal wird in der achtteiligen Miniserie aus der Sicht der Täter erzählt, einer Ansammlung von Narzissten und Idioten, von Wahnsinnigen und Eiferern. Nicht dabei, aber mittendrin: Martha Mitchell (Julia Roberts). Die Ehefrau des damaligen Justizministers John Mitchell (Sean Penn, erkennt man aber erst auf den zweiten Blick) ist eine der vergessenen Figuren der größten politischen Affären der USA im 20. Jahrhundert.

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Lampenfieber im Rampenlicht

Dabei war sie die erste, die Präsident Nixon für seine Verwicklung in den Watergate-Skandal öffentlich beschuldigte. Nur glaubte es ihr niemand - bis die Wahrheit irgendwann ans Licht kam. In der Psychologie gibt es übrigens den nach ihr benannten "Martha-Mitchell-Effekt", der eine Fehldiagnose beschreibt, bei der sachliche Hinweise als Hirngespinste gedeutet werden. Gustl Mollath kann ein Lied davon singen.

Dass Martha Mitchell, in der Serie großartig von Julia Roberts gespielt, nicht ernst genommen wurde, lag an der Taktik des Weißen Hauses: desorientieren, manipulieren, verunsichern. Das war einerseits nötig, um die zahlreichen illegalen Aktivitäten rund um den Wahlkampf zu vertuschen. Andererseits war es Nixon und seiner Entourage ein Dorn im Auge, dass sich Martha nicht auf die Rolle als Politikergattin beschränkte.

Mit ihrer fröhlichen Südstaaten-Art und der großen Klappe versteckte sich Martha Mitchell trotz Lampenfieber nicht vor dem Rampenlicht - wohl aber vor sich selbst. Die Serie, die auf dem Podcast "Slow Burn" beruht, erzählt sehr bewegend von ihren inneren Qualen, ihren Kämpfen, ihrem Anecken.

Überleben im Wahnsinn

Allerdings muss sich diese fesselnde Figur die Aufmerksamkeit mit einem guten Dutzend von Schurken teilen. Während das vom Vietnamkrieg gezeichnete Land buchstäblich am Allerwertesten ist und die Leute auf der Straße ihre Notdurft verrichten, erklären idiotische Handlanger und Demokratieverächter, Nixon zu ihrem Gott.

Da ist allen voran Marthas Ehemann, der sich zwischen ihr und dem Präsidenten entscheiden muss. Auch der opportunistische Rechtsanwalt John Dean (Dan Stevens), der Watergate mit plante und später als Kronzeuge die Seiten wechselte, und sein fanatischer Handlanger Gordon Liddy (Shea Whigham) bekommen (etwas zu viel) Raum. Das ist schade, lenken die vielen Handlungsstränge und Figuren doch von der Frau ab, die inmitten all der wahnhaften Ambitionen, all der dämonische Entschlossenheit, all des Chaos' überlebt und sich von all den Idioten nicht mundtot machen lässt.

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