Miniserie nach Bestseller-Roman bei Paramount+

"Ein Gentleman in Moskau": Ewan McGregor im goldenen Käfig

13.05.2024 von SWYRL/Eric Leimann

Amor Towels Roman "Ein Gentleman in Moskau" war ein gefeierter Bestseller in vielen Ländern. Über 30 Jahre Weltgeschichte erlebt der in einem Moskauer Grandhotel zu Hausarrest verurteilte Graf Rostov (Ewan McGregor) - ohne die Mauern seines Gefängnisses zu verlassen. McGregor spielt das umwerfend.

Der amerikanische Schriftsteller Amor Towles weiß, wie Bestseller funktionieren. Sein 2016 veröffentlichtes zweites Buch "Ein Gentleman in Moskau" dominierte lange internationale Bestseller-Listen, wie auch andere Werke ("Lincoln Highway") des ehemaligen Investment-Bankers erfolgreich waren. Sechs Millionen Bücher soll die Bostoner Edelfeder, die auch einen Stanford-Master-Abschluss in englischer Sprache hat, bislang verkauft haben. Doch nicht nur Leserinnen und Leser loben Towles' Werke, sondern auch Kritiker weiß der 59-Jährige zu verzücken. Wie macht er das? Ein schönes Beispiel, wie man literarische Klasse und ein großes, süffiges Seriendrama verbinden sollte, bietet die achtteilige Verfilmung seines Historienromans "Ein Gentleman in Moskau", der am 17. Mai, bei Paramount+ startet. Ewan McGregor ("Star Wars", "Trainspotting") spielt Graf Alexander Rostov, der 1922 nach der Rückkehr aus dem Pariser Exil von den Bolschewiken verhaftet und vor Gericht gestellt wird.

Normalerweise hätten die Kommunisten den verhassten Adeligen an die Wand gestellt. Weil man dem gebildeten Dandy und Lebemann aber die Autorenschaft eines einflussreichen Gedichts zuschreibt, das zur Revolution gegen das Zarenreich aufrief, wird die Strafe in lebenslangen Hausarrest umgewandelt. Dieser soll im noblen Moskauer Hotel Metropol stattfinden. Das 1905 eröffnete, prächtige Jugendstilgebäude in der Nähe des Roten Platzes und gegenüber dem Bolschoi-Theater gibt es übrigens wirklich - auch wenn die englische Serie vorwiegend in Liverpool (!) gedreht wurde.

Graf Rostov muss im Hotel eine karge Dachkammer beziehen, darf aber seine Mahlzeiten kostenfrei im noblen Hotelrestaurant zu edlen Weinen und Hausmusik der Zeit einnehmen. Er darf mit dem Barkeeper an der Theke philosophieren oder Gäste wie die berühmte Schauspielerin Anna Urbanova (McGregors Frau Mary Elizabeth Winstead) kennenlernen. Im goldenen Käfig dieses bittersüßen Lebens parliert sich Alexander durch die Jahrzehnte und wechselnde politische Systeme. Dabei erlebt er im Hotel und auf dessen spektakulären Dach mehr als viele andere Menschen, die sich die Welt da draußen anschauen und an ihr teilnehmen dürfen.

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Der Graf findet nicht nur Freunde unter dem Personal, er lernt auch das etwas vernachlässigte Hotelkind Nina (Alexa Goodall) kennen, die ihm später als Erwachsene sogar ihre Tochter Sofia (Billie Gadston, später: Beau Gadsdon) anvertraut. Über acht stilvoll geschriebene wie inszenierte und wunderbar gespielte Folgen entspinnt sich nun die Erzählung eines eleganten Humanisten, der sich in Sprache und Lebensart der Gewalt des ihn umgebenden Systems aus Spitzeln, Deportierern und politischen Betonköpfen widersetzt. Einem sensiblen Helden, der diesseits der Drehtür zur Außenwelt eine reiche emotionale Welt im Ensemble zahlreicher Wahlverwandtschaften findet.

Die Verfilmung des Buches, dessen kultivierte Sprache und genüssliche Lust auf detaillierte Abschweifungen mit F. Scott Fitzgerald und Marcel Proust verglichen wurde, ist durchweg geglückt. McGregor spielt den nahbaren Dandy meisterhaft. Auch die anderen Figuren sind durch die Bank stark besetzt. Eigentlich hatte Kenneth Branagh 2018 die Rechte an der Verfilmung von "A Gentleman in Moscow" erworben - und wollte die Figur des Grafen Rostov selbst spielen. Doch dann kam wohl etwas dazwischen und der zuletzt 2021 mit einem Emmy für die Darstellung eines Modeschöpfers ("Halston" bei Netflix) ausgezeichnete Schotte und Dauer-Obi Wan Kenobi im "Star Wars"-Universum kam zum Zuge.

Man muss schon ein wenig dem großen eleganten Melodram à la "Der englische Patient" oder dem magischen Realismus von "Die wunderbare Welt der Amelie" zugetan sein, um sich auf die großen Gefühle und sehr klassischen emotionalen Klippen des Stoffes "Ein Gentleman in Moskau" einlassen zu können. Wenn man dies tun kann - die Serie wäre auch durchaus ein Tipp für Weihnachten, nicht nur wegen der dicken Moskauer (Kunst-)Schneeflocken -, bekommt man eines der schönsten klassischen Melodramen, das seit langem gemacht wurde.

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