"maischberger. die woche"

14.000 EM-Zuschauer in München: Hendrik Streeck erklärt, warum das eine gute Idee ist

10.06.2021 von SWYRL/Christopher Schmitt

Verantwortungsvoller Hoffnungsschimmer oder unnötiges Risiko? Sandra Maischberger diskutierte am Mittwoch mit Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Virologe Hendrik Streeck über die Entscheidung, 14.000 EM-Zuschauer in München zuzulassen.

Vor wenigen Monaten schienen solche Zahlen noch undenkbar: In der Münchner Allianz Arena werden zur Europameisterschaft 14.000 Menschen den Auftritt der deutschen Fußball-Nationalmannschaft sehen können. Eine zu schnelle Lockerung und obendrein ein gefährliches Zugeständnis an die UEFA, die Zuschauer in den Stadien forderte? Dies wollte Gastgeberin Sandra Maischberger in der Mittwochs-Ausgabe von "maischberger. die woche" von zwei zugeschalteten Gästen wissen: Bayerns Ministerpräsident Markus Söder und Virologe Hendrik Streeck. Zunächst stellte sie dem CSU-Politiker Söder die provokante Frage: "Sind Sie bei dieser Entscheidung einfach vor der UEFA eingeknickt?"

Söder verneinte vehement, dass es diese Bedingung seitens der UEFA gab: "Nein, das hat sie bei uns in den Gesprächen so nicht gesagt." Stattdessen habe man zugelassene Zuschauer immer von der pandemischen Entwicklung abhängig gemacht. "Wir haben in Bayern eine relativ gute Situation", erläuterte Söder die Corona-Lage. "Wir sind unter 23 heute in der Inzidenz, besonders in München." Den großen Unterschied mache allerdings in erster Linie die Impfquote aus. Zwar handele es sich überwiegend um Erstimpfungen, "aber auch das spielt eine Rolle in der Frage von Ansteckungen und Krankheitsverläufen." Über 50 Prozent Rückgang der Krankenhausbelegungen habe es zuletzt in Bayern gegeben.

Neben der pandemischen Entwicklung selbst, sei laut Söder jedoch noch etwas anderes ebenfalls entscheidend: "Wir haben ein extrem hohes Sicherheitskonzept in diesem sehr großen Stadion." So gäbe es ein ausgeklügeltes und erprobtes Zu- und Abgangskonzept. Bei der Ankunft im und dem Verlassen des Stadions sieht der CSU-Chef die größere Gefahr als beim Aufenthalt im Arena-Innenraum. Zwar versicherte der Ministerpräsident, die Delta-Variante aus Indien in seinen Überlegungen nicht auszublenden, doch dies sei im Moment "auch ein Stück weit Rückgewinnung von Normalität - mit Vorsicht". Wenn dies gut funktioniere, könne es auch ein Probelauf für etwaige Kulturveranstaltungen sein.

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"Das Virus wird auch im Herbst nicht weg sein"

Ähnlich bewertete Hendrik Streeck später in der Sendung die insbesondere bei den derzeit noch stärker eingeschränkten Kulturschaffenden umstrittene Entscheidung. "Ich hatte schon im letzten Sommer dafür plädiert, dass wir Hygienekonzepte ausprobieren müssen", bekräftigte der Bonner Virologe. Man müsse lernen, was gute Konzepte sind und wie sie funktionieren. Dafür biete sich der Sommer aufgrund der saisonalen Pandemie-Entspannung an. Streeck: "Das Virus wird auch im Herbst nicht weg sein, es wird auch im nächsten Sommer ja nicht weg sein." Er plädierte allerdings dafür, solche Events wissenschaftlich zu begleiten. Mit Blick auf mögliche Ausbrüche könne man so eine Nachhaltigkeit kreieren, die vielleicht auch im Winter die Durchführung sicherer Veranstaltungen ermöglichen könnte.

Über die Pandemie-Lage in Deutschland insgesamt - insbesondere über die vermeintlich hochansteckende Delta-Variante, welche in England die Zahlen ansteigen lässt - tauschte sich Sandra Maischberger ebenfalls mit Streeck aus. Der HIV-Experte stellte zunächst klar, dass es insbesondere in Europa noch nicht viele Daten zu dieser Mutante gäbe. Die, die es gebe, würden nahelegen, dass die Übertragungswahrscheinlichkeit bei 40 bis 60 Prozent höher läge als bei der noch vorherrschenden Variante B.1.1.7. Allerdings merkte er an, dass bei jener "Alpha"-Variante, die zuerst in Großbritannien nachgewiesen wurde, die Übertragbarkeitswerte sich als niedriger erwiesen hätten, als zunächst angenommen worden war.

Hendrik Streeck: keine Herdenimmunität "wie aus den Lehrbüchern"

Besonders wichtig sei folgende gute Nachricht: "Die Impfstoffe wirken genauso auch gegen die Delta-Variante" - leicht abgeschwächt. Die Erstimpfung alleine biete jedoch nicht genügend Schutz, die Zweitimpfung sei entscheidend. "Sie wirkt auch gut genug, dass wir Herdeneffekte sehen werden", erklärte Streeck, der auf den Begriff "Herdenimmunität" bewusst verzichtete. Da auch bei Geimpften manchmal noch Virus im Rachen nachgewiesen werden könne und Infektionen nicht ausgeschlossen seien, "wird es wahrscheinlich diese Form der Herdenimmunität, wie wir sie aus den Lehrbüchern kennen, nicht geben. Aber es wird das Infektionsgeschehen eindämmen." Auch die AHA-Regeln würden weiterhin helfen.

Noch belaufe sich der Anteil der Delta-Variante in Deutschland auf 2,5 bis drei Prozent. Dies sei kein deutlicher Anstieg, stattdessen gäbe es aktuell auf der Corona-Karte "Hotspots, so kleine Taschen, wo man eben vermehrt diese Übertragung sieht".

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