Schweigeminute - Di. 17.03. - 3sat: 22.25 Uhr

Der junge Mann und das Meer

16.03.2026 von SWYRL/Eric Leimann

Zum 100. Geburtstag des Schriftstellers Siegfried Lenz am 17. März wiederholt 3sat die Verfilmung der Novelle "Schweigeminute" aus dem Jahr 2016. Der Autor seziert darin emotional die verbotene Beziehung zwischen einer Lehrerin (Julia Koschitz) und ihrem Schüler (Jonas Nay).

Das Genre des ernsthaften Liebesfilms schien 2016 ebenso ausgestorben wie das Wahlscheibentelefon oder der Radiowecker mit Klappziffern. Wer im Kino oder Fernsehen von Liebe erzählt, tut es heute entweder bewusst klischeehaft in Form der Schmonzette oder man versteckt die Liebe im Lustigen, so wie es Hollywood mit seinen Romantic Comedys vorgemacht hat. Liebe pur - wäre das nicht ziemlich peinlich?

Nicht, wenn man Siegfried Lenz heißt und die Novellen-Vorlage zur ZDF-Verfilmung "Schweigeminute" mit über 80 Jahren in Erinnerung an die eigene Jugend geschrieben hat. Es ist die einfache Geschichte eines 18-jährigen Schülers (Jonas Nay), der sich während der 50-er oder frühen 60-er in seine Englischlehrerin (Julia Koschitz) verliebt. 3sat wiederholt den Film anlässlich des 100. Geburtstags von Siegfried Lenz am späteren Dienstagabend.

Lenz, der 2014 verstarb, widmete sich im hohen Alter noch einmal dem Urthema der Menschheit. In klaren, präzisen Beschreibungen lässt er einen 18-Jährigen über seine Gefühle zu einer deutlich älteren Frau berichten. Wie er die neue, weltläufige Lehrerin, die lange in London lebte, kennenlernt und sich erste Gespräche ergeben. Wie sich aus dem unkonventionellen Flirt eine überraschend beidseitige Liebe entwickelt, die natürlich an den Umständen der engen Ostseegemeinde und der Nachkriegszeit zu scheitern droht.

Lenz' Novelle erzählt aus der Ich-Perspektive - was für das Drehbuch von André Georgi ("Die Flut ist pünktlich"), Claudia Kratochvil ("Katie Fforde") und Thorsten M. Schmidt ("Arnes Nachlass"), der auch Regie führte, durchaus ein Problem dargestellt haben dürfte.

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Außergewöhnliche Darsteller

Im Film wird die Amour fou der beiden Ostsee-Anrainer natürlich aus einer übergeordneten Erzähl-Perspektive dargestellt. Auch Figuren wie die Eltern Christians (Uwe Preuss, Nina Petri), der Schulrektor Block (Alexander Held) oder der dänische Dorf-Querulant Ulrik (Thure Lindhardt) erhalten ihren Raum. Dennoch bleibt die Ich-Perspektive Christians durch Off-Kommentare sozusagen "light" erhalten.

"Schweigeminute", der Film, hat Stärken: Mit Jonas Nay und Julia Koschitz haben sich zwei außergewöhnliche Schauspieler in den Hauptrollen auf das Projekt eingelassen. Auch die kunstvolle Kamera (Hannes Hubach, "Der Wagner-Clan") und der Mut, den Film am Ende zu einer fast schon psychedelischen Gefühls-Elegie, zu einem furchtlosen Blick in die Seele eines Teenagers werden zu lassen, sollte gelobt werden.

Die letzten zehn Minuten entschädigen aber auch für viele statische Momente zuvor, in denen "Schweigeminute" ein bisschen wie Edelkitsch zu bleiernen Monologen wirkt. Die deutsche Schwere der Lenz-Stoffe ist als Literatur reizvoll, weil Gefühle und menschliche Motive in präzise Worte gegossen werden. Übersetzt man das Ganze in Film, ergibt sich eine Schwierigkeit: Wie soll man diese Beobachtungen bebildern, wenn es doch zur Macht von Lenz' Worten gehört, dass sich jeder sein eigenes Bild zeichnet.

Sexualität wird in der Vorlage beispielsweise nur angedeutet, während sie im Film recht explizit - wenn auch ästhetisch gelungen - gezeigt wird. Unter dem Strich bleibt es ein Experiment mit Stärken und Schwächen. Wäre "Schweigeminute" nicht von Siegfried Lenz, dessen Buchvorlage trotz oder gerade wegen ihrer inhaltlichen Ökonomie von der Kritik gelobt wurde, es hätte sich wohl kaum jemand dafür interessiert, diesen Film zu machen.

Aus der Zeit gefallen

Er wirkt heute ebenso aus der Zeit gefallen wie andere Lenz-Stoffe, wenn man sie heute in den Lebensumständen ihrer Protagonisten betrachtet. Jenes Deutschland, das Lenz beschreibt, existiert kaum noch. Und doch gibt es natürlich die erste große Liebe, ihre Bedingungslosigkeit und Radikalität - so wie sie hier gezeigt wird. Im TV-Film-Format, dem ehemaligen Pantoffelkino, wirkt das alles mitunter angestaubt und erwartbar - wenn nicht die Wucht einiger Szenen und ihrer Darsteller das Ganze immer wieder vor dem Ertrinken retten würde.

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