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Liebesbrief aus der Hölle

Wiederaufführung "Für Sama"
"Für Sama" geht mitten hinein ins belagerte Aleppo. Der für den Oscar nominierte Dokumentarfilm war kurz vor den Corona-bedingten Kinoschließungen gestartet und kommt nun erneut in die Filmtheater.

Auch mitten im Krieg gibt es so etwas wie Normalität. Da wird geheiratet, da trennen sich Paare, da werden Kinder geboren. Und manchmal machen sich die, die mittendrin sind in der Katastrophe, auch einfach nur Sorgen um ihre Blumen. In einer Szene der großartigen, für den Oscar nominierten Dokumentation "Für Sama" stehen Waad al-Kateab, die Macherin des Films, und ihr Mann, der Arzt Hamza, im kleinen Garten ihres Hauses in Aleppo. In der Nähe ist eine Bombe eingeschlagen, überall sind Staub und Asche verteilt. Vorsichtig wäscht Hamza die kaputten Sträucher und Blumen in seinem Garten mit Wasser ab. Mühsam habe er die Pflanzen aufgepäppelt, sagt er, und jetzt das. Es ist der berührende Versuch eines Mannes, sich, während um ihn herum gestorben wird, ein kleines Stückchen Alltag zu bewahren, ein bisschen Schönheit inmitten all des Wahnsinns. Ein Versuch, der zum Scheitern verurteilt ist.

Der Dokumentarfilm "Für Sama", der Anfang März kurz in den Kinos lief und nun, nach der Wiedereröffnung der Filmtheater, erneut startet, ist ein Blick in die Hölle von Aleppo. Ab dem Jahr 2016 hat die syrische Journalistin Waad al-Kateab für den britischen Fernsehsender Channel 4 News aus der belagerten Stadt berichtet; zusammen mit dem Regisseur Edward Watts hat sie nach ihrer Flucht aus dem Land aus ihren Aufnahmen einen Dokumentarfilm geschnitten, wie man ihn so noch nicht gesehen hat: "Für Sama" ist das schonungsloseste und erschreckendste Stück Film seit Jahren. Dabei bezeichnet Waad al-Kateab ihr filmisches Tagebuch selbst als "Liebesbrief" - als eine Botschaft an ihre Tochter Sama, die am 1. Januar 2016 in Aleppo zur Welt kam. Sie wolle ihrer Tochter zeigen, wo sie geboren ist und wofür ihre Eltern kämpften, bevor sie das Land schließlich verließen und nach Großbritannien flohen. Es ist ein Brief, geschrieben mit sehr viel Blut.

In Rückblenden erzählt der Film von den Protesten gegen das Assad-Regime, zeigt, wie an der Universität der damaligen Studentin Waad Parolen an die Wände gekritzelt werden und sich erste Protestzüge durch die Gassen von Aleppo schieben. Die Hoffnung, Assad zu stürzen, wird bald von Bomben zunichtegemacht. Während die Luftschläge auf die Rebellenhochburg Aleppo immer gnadenloser werden und schließlich auch russische Bomben auf Männer, Frauen und Kinder fallen, kümmert sich der Arzt Hamza um die vielen Verwundeten. Waad, die er inmitten des Krieges heiratet, dokumentiert seine Arbeit. Es sind vor allem Bilder von unermesslichem Leid und ständigem Tod.

Kampf für die Freiheit

In der wohl grausamsten Szene des Films wird eine schwangere Frau in das Krankenhaus gebracht, in dem Hamza als Arzt arbeitet. Die Frau war in einen Luftangriff geraten, ist bewusstlos. Um ihr ungeborenes Baby zu retten, holen es die Ärzte per Kaiserschnitt auf die Welt. Doch es atmet nicht. Verzweifelt, gefühlt minutenlang, klopfen sie es ab, massieren das winzige Herz - bis schließlich doch noch ein Wunder geschieht. Oftmals aber bleibt nur der Tod. Da wird der kleine Mohammed ins Krankenhaus getragen, auch er Opfer eines Luftangriffs, und die Ärzte können nichts mehr für ihn tun. Zurückbleiben seine zwei Brüder, kaum älter als er, weinend und völlig verzweifelt.

"Für Sama" schaut auch dort nicht weg, wo Nachrichtensendungen längst die Kameras zur Seite gedreht hätten. Muss das sein, fragt man sich manchmal - dieses Draufhalten auf noch das größte Leid? Die Antwort gibt eine Mutter, die eben ihren Sohn verloren hat. Auf den Armen trägt sie den toten Jungen, eingewickelt in ein Laken, aus dem Krankenhaus, das ihm nicht mehr helfen konnte. Außer sich vor Wut und Trauer schreit sie in die Kamera von Waad al-Kateab, sie solle nicht aufhören zu filmen, die ganze Welt müsse doch schließlich erfahren, was in Syrien geschieht.

Wie sehr der Krieg für die Menschen, die in Aleppo leben, zum Alltag geworden ist, merkt man immer dann, wenn die Bomben fallen. Als Zuschauer zuckt man immer wieder aufs Neue zusammen, wenn die Einschläge Wände erschüttern und Häuser zum Einsturz bringen. Die Bewohner der Stadt aber verziehen keine Miene, so sehr haben sie sich an den Schrecken gewöhnt. Warum Waad al-Kateab, ihr Mann und all die anderen ausharren in dieser Hölle, macht eine Szene klar, die ganz zu Beginn von "Für Sama" steht. Da albern junge Ärzte in einer ihrer kurzen Pausen herum, schnappen sich einen Filzstift und schreiben sich ein Wort auf die Stirn: "Freiheit".