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Die erdrückende Schwere des Seins

"The Wild Pear Tree"
Bildgewaltig und melancholisch: Der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan folgt in "The Wild Pear Tree" einem nicht immer einfachen jungen Mann bei der Sinnsuche.

Wer sein erstes Buch selbstbewusst als "Meta-Roman" anpreist, der weiß, was er da tut. Sollte man zumindest meinen. Tatsächlich aber ist Sinan (Dogu Demirkol), Held des türkischen Films "The Wild Pear Tree", ein Suchender. Einer, der mit sich hadert, mit seiner Schriftstellerei, seinem Leben in der Provinz und mit seiner ungewissen Zukunft. Sinan studiert in Canakkale, jener westtürkischen Stadt, in deren Nähe sich einst Troja befunden haben soll. Grundschullehrer will er werden, so wie sein Vater einer ist. Aber eigentlich will Sinan natürlich mehr. Von einem Leben als Autor träumt er, er selbst sieht sich als Intellektuellen, der nicht so recht hineinpasst in die Familie, aus der er stammt.

Regisseur Nuri Bilge Ceylan ("Once Upon a Time in Anatolia", "Winterschlaf"), der wohl bekannteste Filmemacher der Türkei, nimmt sich viel Zeit, seinen Protagonisten zu beobachten. Mehr als drei Stunden dauert sein Film "The Wild Pear Tree", der bereits vor zwei Jahren für die Türkei ins Oscar-Rennen gegangen war und nun auch in Deutschland anläuft. Drei bisweilen fordernde Stunden sind das, weil hier an der Oberfläche nicht viel passiert. Aber auch drei sehr lohnende Stunden, weil es brodelt im Inneren von Ceylans schweigsamen Helden.

Beinahe wie in einem Bildungsroman durchläuft Sinan mehrere Stationen, auf denen er sich mit sich und seinem Leben auseinandersetzen muss. Regisseur Ceylan zeigt das in sehr langen Szenen, mal in Dialogen, die auch mal eine Viertelstunde oder mehr dauern können, mal vor allem mit Blicken und Gesten. Zu Beginn des Films kehrt Sinan zurück ins Haus seiner Eltern im kleinen Ort Can. Sehr einfach ist das Leben hier noch, fast wie aus der Zeit gefallen. Zwischen Sinan und seinen Eltern herrscht vor allem Schweigen. Sein Vater Idris (Murat Cemcir) bringt das spärliche Gehalt, das er als Dorflehrer verdient, beim Spielen durch. Sein Traum ist es, auf dem Grundstück seiner betagten Eltern einen Brunnen zu bauen, um die kargen Felder zu bewässern. Doch statt auf Wasser stößt er nur auf Fels.

Melancholische Lethargie

Auch Sinan gräbt, nur nicht nach Wasser, sondern nach Sinn und Bedeutung. In einer wie verzaubert anmutenden Szene trifft er nach Jahren eine Freundin aus der Kindheit wieder, die aber einem anderen versprochen ist. Er begegnet einem Schriftsteller, der über die Bedeutung des Schreibens so ganz anders denkt als er, und zwei Imamen, die versuchen, ihn in die Geheimnisse des Lebens einzuweihen. Es ist aber vor allem die eigene Familie, an der der sture, selten wirklich sympathisch gezeichnete Sinan verzweifelt. Sein Vater hat überall Schulden vom vielen Spielen, Sinan möchte nur noch weg von hier, kann aber seiner Herkunft nicht entfliehen.

Von dem viel beschworenen Aufbruchsgeist der Türkei unter Erdogan spürt man in diesem fantastisch fotografierten und großartige gespielten Film nicht viel. Über "The Wild Pear Tree" liegt eine melancholische Lethargie, eine schläfrige Schwere, wie man sie spürt, wenn man zu lange in der Sonne gelegen ist. Die Geschichte, die der Film erzählt, ist universell, mit einem wie Sinan kann sich wohl jeder identifizieren, der nach der Schule oder nach Studium nicht wusste, wohin es gehen soll.

Selbst in den kurzen Momenten, in denen "The Wild Pear Tree" politisch ist, wird das mit einer resignierten Beiläufigkeit erzählt. Einmal hört man zu, wie Sinan mit einem ehemaligen Kommilitonen telefoniert. Der ist jetzt bei der Armee, weil er keinen Job gefunden hat als Lehrer, und wurde in den Osten des Landes versetzt. Wie es dort so ist, fragt Sinan. Ganz okay, sagt der Freund, hin und wieder prügele man halt auf Demonstranten ein. Sinan zuckt mit den Schultern und lacht.