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Gut bis zur letzten Runde

"Gipsy Queen"
Große Emotionen und harte Schläge: "Gipsy Queen" ist nicht zimperlich, entdeckt hier und da einen gewissen Hang zum Pathos. Aber wie sollte es auch anders sein bei einem tollen Boxfilm?

Komisch, dass Boxfilme die Gabe haben, die Zuschauer besonders zu berühren, obwohl sie doch eher auf Verdreschen und gebrochene Nasen abzielen müssten. "Southpaw" oder "The Fighter" gingen ans Herz, und seit "Girlfight" und in der Folge "Million Dollar Baby" ist klar, dass auch Frauen den Boxring beherrschen. In diesem Film nun schwebt eine junge Roma übers Hamburger Parkett. Einst glaubten viele bei ihr an eine große Karriere. Sie war die "Gipsy Queen", sollte der Stolz aller "Zigeuner" werden, so der Plan ihres Vaters. Doch dann kam alles anders.

Sogar damals, als ihr Vater sie verstoßen hatte, gab Ali (Alina Serban) nicht auf, ging noch mal zurück und versuchte, sein Herz zu erweichen. Ein Kampf, den sie verlor. Sie musste gehen. Nach dem Familiendrama zum Einstieg bebildert der Vorspann kunstvoll, was in den folgenden Jahren passierte: Irgendwie hat sie es nach Hamburg geschafft, arbeitet als Putzfrau in einem Nobelhotel und versucht in der WG mit einer Künstlerin (Irina Kurbanova), ihrer Tochter und ihrem Sohn ein schönes Leben zu bereiten, so gut das eben geht. Reizen sollte man Ali nicht. Als ihre Vorgesetzte sie um einen Teil des Lohns betrügt und von oben herab behandelt, geht die junge Rumänin auf sie los. Das soll keinen falschen Eindruck erwecken, im Normalfall ist die alleinerziehende Mutter unauffällig und versucht, durch viel schlecht bezahlte Arbeit den Laden am Laufen zu halten.

Regisseur Hüseyin Tabak erzählt in seiner deutsch-österreichischen Koproduktion "Gipsy Queen" nicht in erster Linie die Geschichte einer Boxerin, sondern die einer Frau. Der Regisseur, der mit dem letzten "Borowski-Tatort" einen Aufreger inszenierte, setzt auf Authentizität, macht vom ersten Augenblick an seine härtere Gangart klar. Sein Milieu ist stimmig, wirkt im Gegensatz zu vergleichbaren Filmen nicht aufgesetzt. Er inszeniert die Zufälle, die seine Hauptdarstellerin an neue Orte bringen, überzeugend. Und Alina Serban, die nicht von ungefähr den Namen Ali trägt, ist eine großartige Neuentdeckung.

Großartiger Tobias Moretti

Bei ihr ging es nicht nur darum, eine gute Schauspielerin mit Boxhintergrund zu finden. Serban ist Roma, sogar Aktivistin, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. Zudem ist sie Absolventin der Londoner Royal Academy for Dramatic Art und trägt diesen Film ganz locker über fast zwei Stunden Laufzeit. Dass sie selbst Tochter einer alleinerziehenden Mutter ist, mag geholfen haben.

Regisseur Tabak will von den Roma erzählen, jenem Volk, das keine Ländergrenzen kennt und auf seine besondere Art für Freiheit steht. Frei fühlt sich seine Ali nur im Boxring. Den findet sie in der berühmten Kiez-Kneipe "Ritze", wo sie kurz als Aushilfe arbeitet. Der Chef (Tobias Moretti) ist ehemaliger Boxer, der weder eine glorreiche Vergangenheit geschweige denn eine freudige Gegenwart kennt. Er will ihr zunächst ermöglichen zu trainieren. Einige realistische Schlenker später beginnt er sie zu coachen. Dabei gefällt Moretti mit einer großartigen und gleichwohl glaubwürdigen Interpretation seiner Rolle.

So lange "Gipsy Queen" von der verstoßenen Frau als Kämpferin im Alltag erzählt, stimmt vieles: Die darstellerischen Leistungen - Serban wurde für den Deutschen Filmpreis nominiert - sind durch die Bank überzeugend. Gleiches gilt für das Drehbuch und die Inszenierung. Doch irgendwann im letzten Viertel wird die Geschichte zum Boxfilm. Ab da häufen sich die Impressionen, und man muss plötzlich sogar an "Rocky" denken, eine Assoziation, die noch in der 90. Minute völlig absurd schien. Leider beginnt der bis dahin packende Film in der letzten Runde zu taumeln, obwohl ihn niemand angeknockt hat. Dennoch: Hüseyin Tabaks Film verdient Lob. Für seine mutige Darstellung einer jungen Roma und dafür, einmal mehr zu zeigen, was für ein großartiges Genre der Boxfilm doch sein kann.