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Wenn die Mutter mit dem Stiefsohn

"Königin" erscheint digital statt im Kino
Statt im Kino erscheint das dänische Drama "Königin" nun digital. Hauptdarstellerin Trine Dyrholm zeigt sich mutig wie nie.

Schon einmal spielte Trine Dyrholm eine Frau, die ihren Sohn nicht versteht. In Susanne Biers Oscar-Gewinner "In einer besseren Welt" war das. Dyrholm, 1972 im dänischen Odense geboren, verkörperte damals eine Mutter, die einfach nicht schlau wurde aus ihrem elfjährigen Jungen und zusehen musste, wie ihre Familie vor die Hunde ging. In "Königin" ist die Gemengelage nun eine andere, aber wieder steht Dyrholm - sie spielt eine Frau namens Anne - erst ratlos vor ihrem Sohn (der diesmal ein Stiefsohn ist) und irgendwann vor den Trümmern ihrer Existenz. Mehr aber noch an dem jungen Mann verzweifelt sie an sich selbst. Weil sie sich auf eine Affäre mit ihm einlässt und gar nicht versteht, was und wie ihr da geschieht.

"Königin" spielt fast ausschließlich im Inneren und im Garten eines prächtigen Hauses irgendwo am Stadtrand. Große Fenster, Sichtbeton, skandinavisch-schlicht eingerichtet. Als Kinogänger weiß man: je schöner das Haus, desto düsterer das Innenleben seiner Bewohner. Zu Beginn des Films aber wirkt Annas Familie noch ziemlich normal. Sie verdient als Anwältin viel Geld, vertritt etwa Vergewaltigungsopfer. Ihr Mann Peter (Magnus Krepper) ist als Arzt erfolgreich, gemeinsam haben sie zwei bezaubernde Töchter.

Aus erster Ehe aber hat Peter noch einen Sohn, Gustav (Gustav Lindh), ein schwarzes Schaf, das immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt geraten ist. Seine Mutter ist völlig überfordert mit ihm, also zieht Gustav zu seinem Vater und somit eben auch zu Anne. Zunächst begegnen sich beide kühl und betont höflich. Dann aber schleicht sich Anne eines Nachts ins Zimmer ihres Stiefsohnes, berührt ihn, schläft mit ihm.

Ambivalente Moral

Gustav ist noch minderjährig, aber er weiß genau, auf was er sich da einlässt. Das macht "Königin" zu einem durchaus ambivalentem Film, der kein eindeutiges moralisches Urteil fällt. Ist das, was Anne da macht, falsch? Und warum tut sie es überhaupt? Trine Dyrholm spielt Anne als starke Frau, die sich ihres Handelns stets bewusst ist. Als Anwältin glaubt sie, immer auf der richtigen Seite zu stehen. Auch die Affäre zu Gustav hinterfragt sie zunächst nicht. Lust ist Lust, was gibt es da zu zweifeln? Natürlich bleibt das Treiben von Stiefsohn und Stiefmutter nicht dauerhaft ohne Konsequenzen, zwangsläufig steuert hier alles auf ein bitteres Ende zu. Regisseurin May el-Toukhy lässt ihre Figuren aber lange Zeit im Unklaren, schenkt ihnen Hoffnung. Umso gewaltiger ist der Knall, der schließlich folgt.

Trine Dyrholm wirft sich komplett in ihre Rolle, geht völlig in ihr auf. Sie trägt diesen Film fast im Alleingang, auch wenn Gustav Lindh ("Jordskott - Die Rache des Waldes") seine Sache ebenfalls fantastisch macht und man von ihm in Zukunft sicher noch viel hören wird. Dyrholm aber zeigt keine Hemmungen, auch die Sexszenen mit Lindh dominiert sie. Dabei geht sie weit, sehr weit - pornografisch ist das nicht, aber doch überraschend explizit. Als Zuschauer steht man der von ihr gespielten Anna ratlos gegenüber, eben weil Dyrholm sie so ambivalent angelegt hat. Das ist ganz große, mutige Schauspielkunst, in einem Film, der nicht minder mutig ist.

"Königin" sollte eigentlich Anfang April in den Kinos starten. Aufgrund der Corona-Krise erscheint der Film stattdessen am 5. Mai digital bei allen bekannten Anbietern.