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Diese Berlinale gehört den Frauen

70. Berlinale
Auf der Berlinale geben die Frauen in diesem Jahr den Ton an und lassen sich nichts mehr gefallen. Männer stören da nur.

Für Jeremy Irons war es wichtig, zum Auftakt der 70. Berlinale etwas klarzustellen. Er unterstütze, so verlas der diesjährige Jury-Präsident, "den weltweiten Kampf für die Rechte von Frauen, sei es zu Hause oder am Arbeitsplatz". Mit dem Statement distanzierte sich der Brite von früheren, kontroverse Äußerungen über Abtreibung und sexuellen Missbrauch, die ihm den Vorwurf eingebracht hatten, frauenfeindlich zu sein. Irons' Einsicht kam spät, war aber notwendig. Weitermachen wie bisher will in der Filmbranche niemand mehr. Zwar ist die Geschlechter-Parität noch lange nicht erreicht, im Wettbewerb wurden nur sechs von 18 Filmen von Regisseurinnen gedreht, aber immerhin erzählen viele Filme der Berlinale im Jubiläumsjahr ihre Geschichten aus weiblicher Perspektive. Zur Halbzeit des Festivals lässt sich konstatieren: Es sind die Frauenfiguren, die in diesem Jahr den Ton angeben.

Das war schon sehr schön zu sehen im Eröffnungsfilm "My Salinger Year", über den viele Kritiker nörgelten: zu viel Nostalgie, zu viel Wohlfühlfaktor, zu viel sentimentale Gediegenheit. Das hat aber erstens nichts bedeuten. Festivaljournalisten, zumindest die, deren Gespräche man nach den Pressevorführungen auf überfüllten Treppen überhört, scheinen aus Prinzip Probleme mit Filmen zu haben, die sie verdächtigen, dass sie dem Publikum gefallen könnten. Zweitens ist es ja auch richtig: "My Salinger Year" ist nostalgisch und sentimental, ein gediegen inszenierter Film zum Wohlfühlen. Und unbedingt sehenswert. Die Verfilmung eines autobiografischen Romans handelt von einem Landei, das Mitte der 1990er-Jahre in New York unbedingt Schriftstellerin werden will, aber zunächst als Verlagsassistentin die Fanpost an J.D. Salinger mit Standardbriefen beantworten muss, bevor sie ihren eigenen Weg geht. Der springende Punkt dabei: Joanna (Margaret Qualley) entscheidet selbst, wann sie welchen Schritt in ihrem Leben geht.

Der Zwang ist noch da

Das macht den Film von Philippe Farladeau sehr zeitgemäß. Seine Frauenfiguren sind moderner als die meisten, die man sonst im Kino gezeigt bekommt. Die Frauen führen ein selbstbestimmtes Leben oder drehen die Geschlechterrollen um, wie Sigourney Weaver, die Joannas Chefin spielt und als rauchende, Martini trinkende Workaholic in ihrem Job aufgeht. Das kennt man sonst nur von Männern. In "My Salinger Year" kommen die aber nur in Nebenrollen vor, als schummrige Porträts an der Wand oder als Literaturbetriebs-Eremiten, die sich höchsten mal am Telefon melden. Dass Joanna ihren Weg gehen kann, ohne sich den Segen eines Mannes abzuholen, dass sie ihren Partnern den Laufpass gibt, weil sie ihre eigenen Ziele hat und sich nicht den Wünschen der Herren unterordnen will, das ist ein gutes Zeichen, das die Berlinale gleich zur Eröffnung ausgesendet hat - und das in allen Sektionen aufgenommen, wiederholt und verstärkt wird.

Im brutal-zärtlichen Prä-Abitur-Fieberwahn "Nackte Tiere", der im neuen experimentellen Zweitwettbewerb "Encounters" läuft, gibt die 17-jährige Katja (Marie Tragousti) den Ton in der Clique an. In der "Perspektive Deutsches Kino" pfeifen Peschmergakämpferinnen im Norden Iraks auf Anführer: Sie wollen in "Im Feuer", dem aufwühlenden Kinodebüt von Daphne Charizani, nur so lange kämpfen wie nötig und dann nach Hause. Männer stören da nur.

Die Bevormundung der Frauen, die Ausübung von Zwang durch Männer - das ist auch drei Jahre nach #MeToo und trotz des gerade erfolgten Schuldspruchs für Harvey Weinstein immer noch Realität. Ob institutionell, wie in Kitty Greens auf die Weinstein-Affäre verweisenden Panorama-Beitrag "The Assistant", oder im Privaten. Nina Hoss muss sich in dem starken Schweizer Wettbewerbsfilm "Schwesterlein" nicht nur um ihren krebskranken Filmbruder (Lars Eidinger) in Berlin kümmern, sondern sich auch ihres Ehemannes (Jens Albinus) erwehren. Der drängt sich ihr förmlich auf im Bett und bestimmt ansonsten, wie und wo die Familie lebt. Seinen Job in einem Schweizer Eliteinternat will er jedenfalls nicht aufgeben. Frau soll sich seiner Karriere gefälligst unterordnen.

Die Frauen lassen sich nichts mehr gefallen

Solche Beobachtungen kann man überall machen in Berlin: Im argentinischen Wettbewerbsbeitrag "El Prófugo" will ein Liebhaber der Protagonistin unbedingt ein Liebesgeständnis abringen, weil sie es mit ihm doch nicht besser hätte treffen können. Außer einem gequälten Lächeln hat Inés (Érica Rivas) keine Antwort parat - und muss vor dem Gekränkten fliehen. Für die Handlung des Psycho-Sex-Thrillers selbst ist diese Szene eine Nebensächlichkeit, aber sie erzählt viel über die Welt, in der sich Männer immer noch an alte Machtstrukturen klammern und Frauen als Objekte behandeln.

In "Le Sel Des Larmes" ("Das Salz der Tränen") vom französischen Regisseur Philippe Garrel etwa betrachtet ein narzisstischer Tischler Frauen als Dienstleisterinnen, die er bei der erstbesten Gelegenheit austauschen kann. Er flieht, wenn die eine schwanger wird, lässt eine andere feige im Hotelzimmer allein und redet sich seine toxische Männlichkeit als sensible Sinnsuche eines modernen Mannes schön. Die Frauen aber lassen sich, das ist ein deutliches Zeichen dieser Berlinale, nicht mehr alles gefallen. Des Tischlers neue Freundin holt sich einen zweiten Mann ins Bett - einfach, weil sie es will. Nina Hoss bleibt in "Schwesterlein" trotzdem in Berlin, wo sich Christian Petzolds märchenhafte "Undine" (Paula Beer) im Wettbewerb ebenfalls von den Erwartungen der Männer emanzipiert. Sie bleibt eine sinnliche Frau, wird aber für ihre Klugheit geliebt.