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Unangenehme Selbstzerfleischung

"Siberia"
Skandal-Regisseur Abel Ferrara ("Bad Lieutenant") schickt seinen Star Willem Dafoe auf einen tiefenpsychologischen Hundeschlitten-Trip. Der Berlinale-Wettbewerbsfilm besitzt das Potenzial, nicht nur die einsame Hauptfigur in den Wahnsinn zu treiben, sondern auch sensible Zuschauer.

Regisseur Abel Ferrara und sein Lieblingsschauspieler Willem Dafoe sind gute Kumpels. Beide leben mit erheblich jüngeren Ehefrauen in Rom und versuchen dort, abseits des Mainstreams mutige Filmprojekte zu verwirklichen, deren Finanzierung nicht immer einfach sein dürfte. Gerade Ferrara, dieser von Drogen, Sex-Exzessen und der Auseinandersetzung mit dem Katholizismus gepeinigte Künstler, scheint sich in den letzten Jahren auf einer Art persönlichem Bilanz-Trip zu befinden. Willem Dafoe fungiert dabei als sein Alter Ego. Im poetischen Biopic "Pasolini" (2014) gab Dafoe bereits einen schuld- und leidgeplagten (realen) Regisseur, den er zuletzt in "Tommaso und der Tanz der Geister" noch mal fiktional - oder sagen wir besser: in Richtung des echten Abel Ferrara - vertiefte.

Während Dafoe/Ferrara in "Tommaso" noch mit wirklichen Dämonen zu kämpfen hatten, zum Beispiel mit dem Spannungsfeld zwischen Familie und künstlerischem Ausdruck, gleitet der nun nachgeschobene Film "Siberia" vollends ins Reich des Unterbewussten ab. Dafoe spielt einen Mann, der sich in eine einsame Waldhütte in den Bergen zurückgezogen hat. Ab und an kommen dort Menschen vorbei, die in der Regel nicht die Sprache des Clint genannten Protagonisten sprechen: ein alter Inuit beispielsweise oder eine russische Großmutter mit ihrer hochschwangeren Enkelin, gespielt von Ferraras Ehefrau Cristina Chiriac. Clint schenkt seinen Besuchern steife alkoholische Getränke ein oder lässt sie am Spielautomaten seines Cafés am Ende der Welt ein paar Weisheiten aufsagen: "Ich will nicht gewinnen", beantwortet Clint die Frage eines Gasts, der wissen will, warum der Wirt selbst nie spielt. "Und warum willst du nicht gewinnen?" "Weil ich nicht verlieren will", sagt Hütten-Philosoph Clint.

Wirre Visionen

Wer nun glaubt, man würde in "Siberia" dem nachvollziehbaren Selbstfindungs-Trip eines einsamen, reiferen Mannes folgen, hat die Rechnung ohne Extrem-Filmer Abel Ferrara gemacht. Nachdem Clint schon während seiner Hütten-Barkeeper-Existenz von Visionen heimgesucht wird - ein Bärenangriff oder nicht weiter erklärter Sex mit der Hochschwangeren -, dreht sich die Handlung von "Siberia" nach dem Aufbruch des Sinnsuchers mit einem Hundeschlitten in die Wildnis völlig ins Surreale. Clint begegnet menschlichen oder weniger menschlichen Monstern, er diskutiert mit Zauberern, seiner Ex-Frau (Dounia Sichov) und den lange verstorbenen Eltern.

Dabei wechseln die Landschaften wie wegfliegende Kalenderblätter. Aus Schneebergen werden Wüsten, verlassene Bunker mutieren zu Bars. Sensiblere, eine Handlungslogik herbeisehnende Zuschauer könnten während der 92 Minuten Experimentalfilm schon mal die Orientierung und auch ihr Wohlbefinden verlieren, zumal viele Bildvisionen Clints alles andere als appetitlich sind. Bei der Berlinale, wo "Siberia" vor wenigen Wochen im offiziellen Wettbewerb lief, verließen viele Kritiker den Saal. Nachvollziehbar, denn die Bilder und disparaten Gedanken des neuen Ferraras sind ziemlich dicht an einer Zumutung geparkt.

Zugutehalten muss man dem Regisseur, dass er seinen Selbstfindungs-Trip aus "Tommaso" - dort zeichnete der Protagonist bereits Hundeschlitten und sprach von einem neuen Filmprojekt in diese Richtung - nun konsequent als tiefenpsychologisches Experiment fortsetzt. Clint/Tommaso/Abel Ferrara suchen im Angesicht ihres letzten Lebensviertels nach Antworten auf die wichtigsten Fragen des Lebens: War das Verhältnis zu meinen Eltern gut oder eine Katastrophe? Warum bin ich so einsam? Und: Wie lange kann man sich mit Sex oder Drogen von diesen Fragen ablenken? "Siberia" ist ein teilweise wirres Nebenwerk, das Ferrara wohl vorwiegend für sich selbst drehte.