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Der Agent und das Mädchen

"Der Spion von nebenan"
"Der Spion von nebenan" ist immer dann gut, wenn gerade nichts passiert. Denn dann zeigt der Film, wie viel Charme in ihm steckt.

Bestimmt gibt es in Hollywood so etwas wie einen Setzkasten für Kinderfilme. Wie sonst wäre es zu erklären, dass viele dieser Produktionen vor Klischees und abgenutzten Handlungsmustern nur so strotzen? "Der Spion von nebenan" ist da keine Ausnahme. Der Auftrag, der hierfür an die Drehbuchautoren rausging, kann nur gelautet haben: Schreibt eine Agentenkomödie, aber als Familienfilm, also kein Blut und kein Sex. Man kann sich die Autoren förmlich bei der Arbeit vorstellen: Eine schwierige Familiensituation? Bingo. Kinder, die schlauer sind als alle Erwachsenen im Film? Ein Muss. Bomben-Action, leicht comichaft-ironisch dargeboten? Klaro. Und natürlich ein Happy End. Fertig ist der Film. Massenware, im Dutzend billiger.

Ist "Der Spion von nebenan" damit erledigt? Nicht ganz. Denn neben seiner überaus konventionellen Handlung - die deshalb oft genug gehörig nervt - besitzt er etwas, das recht selten geworden ist im modernen Film: Charme. Dabei ist die Ausgangssituation dafür alles andere als günstig. Ein ehemaliger Wrestler als Hauptdarsteller, ein Regisseur, dessen Komödien zwar meistens für solide Ergebnisse an der Kasse ("Get Smart") gesorgt haben, aber auch schnell wieder vergessen wurden, dazu zwei Autoren, die vor allem für die beiden "R.E.D."-Filme bekannt sind - viel Hoffnung auf einen unterhaltsamen Kinoabend macht das nicht.

Doch dann überrascht Peter Segals Agentenkomödie mit einer dynamischen Eröffnung in Tschernobyl, wo es um eine Plutonium-Übergabe geht (schon mal nicht schlecht, der Witz), dazu werden ein paar gut abgehangene Ex-Hits eingespielt ("Kalinka", Nenas "99 Luftballons", Britney Spears), auch das passt. Aber dann setzt die Handlung ein, und das ist der Moment, ab dem es schwierig wird.

"The Rock" trifft Indiana Jones

Die Konstellation ist Genre-Konvention pur. Ein Versager-Agent (Dave Bautista) bekommt eine letzte Chance und dazu eine nerdige Partnerin (Kristen Schaal) an die Seite gestellt Er observiert eine überforderte Mutter (Parisa Fitz-Henley) und ihre süß-patente Tochter (Chloe Coleman), und der Rest ist so vorhersehbar wie das Ablaufen der Uhr. Mann und Frau kommen sich trotz großer Hindernisse näher, es gibt ein paar Komplikationen mit immerhin recht coolen Bösewichtern, die Tochter ist in jeder Beziehung hilfreich, und am Ende ist alles gut.

Charmant ist der Film immer dann, wenn es keine Handlung gibt. Dave Bautista spielt seine Rolle als fürsorglicher Ersatz-Vater hervorragend, gibt den Rabauken, der gut mit Kindern kann, und manchmal den weltfremden Tollpatsch, der sich bei Dates daneben benimmt. Das erinnert manchmal durchaus an das große Vorbild aller Action-Komödien, "Indiana Jones", auch wenn "Der Spion von nebenan" niemals an dessen Witz und Coolness heranreicht. In den letzten Szenen, die zu den besten des ganzen Films gehören, erlaubt sich Regisseur Segal sogar ein überdeutliches Zitat aus dem genialen Spielberg-Klassiker. Ansonsten schöpft die Action-Komödie vor allem aus dem gelungenen Zusammenspiel des Ex-Wrestlers Bautista mit Chloe Coleman: Die 11-Jährige verfügt über reichlich Leinwandpräsenz und Selbstbewusstsein.

Aber auch einige gute Gags für die erwachsenen Begleiter sind dabei. Zum Beispiel beim Paarungstanz von Dave Bautista und Parisa Fitz-Henley, die durchaus ein wenig an ein amerikanisches Ex-Königshaus-Mitglied erinnert. "The Hulk meets Meghan Markle" steht in einem Kommentar zu dem YouTube-Video, das die Tochter von dem ungelenken Tanz gemacht hat. Und auch wenn es an einer anderen Stelle heißt, dass Bautista mehr Muskeln als "The Rock" habe, gibt es diese Brechung mit der realen Welt, die eigentlich immer für einen Lacher gut ist. Schade, dass diese Momente selten sind. Andererseits - die sind ja tatsächlich eher für die erwachsenen Begleitpersonen gedacht. Und die dürften zufrieden sein, wenn der Film den Kleinen gefällt. Und das wird er mit ziemlicher Sicherheit.