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"Die haben das einfach drauf": Eine ganze Stadt im Filmfieber

"Lotti oder Bleicherode, der etwas andere Heimatfilm"
In Thüringen lebt ein beschauliches Städtchen den Traum vom eigenen Kinofilm. In Bleicherode werden unerfahrene Schülerinnen zu Schauspielerinnen und Kinobetreiber zu Kameramännern. Dabei leisten die Bürger nahezu Unglaubliches - und wachsen durch das gemeinsame Filmprojekt näher zusammen.

Bleicherode im Norden Thüringens: Das sind 10.500 Einwohner, über 100 Jahre Bergwerkstradition und ein Filmtheater in der Löwentorstraße 15. Das kleine Kino wird von Alf Schneider betrieben und zeigt jeden Dienstagabend die Reihe "Der Besondere Film". Dass Schneider selbst demnächst Teil eines ganz besonderen Films sein wird, hätte er bis vor Kurzem sicher nicht für möglich gehalten. Doch plötzlich stand er für "Lotti oder Bleicherode, der etwas andere Heimatfilm" hinter der Kamera, einem deutschlandweit einmaligen Projekt, das einer Schnapsidee entsprang und schließlich eine ganze Stadt euphorisierte.

Regisseur und Autor Hans-Günther Bücking, der unter anderem bei der ZDF-Krimireihe "Wilsberg" Regie führte, ist in Bleicherode aufgewachsen. Eigentlich wollte er seiner Frau, der Schauspielerin Marion Mitterhammer, nur seine alte Heimat zeigen. "Und dann wird aus einer langen durchzechten Nacht ein Filmprojekt. Er nimmt ein Drehbuch und hat es dann auf Bleicherode umgemünzt", berichtet Bürgermeister Frank Rostek von der Entstehungsgeschichte des ungewöhnlichen Projekts. Mangels schauspielerischen Talents schaffte es Rostek zwar nicht in den Cast des Films, dafür spielen 28 andere Bleicheröder, größtenteils absolute Anfänger, fiktive Bewohner ihrer eigenen Stadt.

"Stellen Sie sich vor, es ist eigentlich kein Budget da, aber dann findet ein riesiges Casting statt, wie es das in der 889-jährigen Geschichte von Bleicherode noch nicht gegeben hat", schwärmt der Bürgermeister von der Begeisterungsfähigkeit seiner Bürger. 300 Menschen finden sich letztlich zum Vorsprechen ein, die besten sehen sich bald auf der Leinwand wieder. Von der Schülerin, die davon träumt, einmal gemeinsam mit Elyas M'Barek vor der Kamera zu stehen, über die Mitarbeiterin der Stadtwerke, bis hin zum promovierten Biophysiker: Die Laien gingen vollkommen in ihren Rollen auf.

"Für mich hat sich ein Traum erfüllt"

"Lotti oder Bleicherode, der etwas andere Heimatfilm" erzählt die Geschichte von Lotti Funke (Marion Mitterhammer), die zur Beerdigung ihrer Mutter nach Bleicherode zurückkehrt. Vor zehn Jahren ließ sie ihre damals sechsjährige Tochter Jenny (Joyce Schenk) in der Obhut der Mutter und wurde in Wien ein Star im Porno-Business. Nun will Tochter Jenny aber nichts mehr von ihr wissen. Während die Männer des Ortes Lotti unangebracht auf die Pelle rücken, hat der blinde Benno (Andreas Schieke) wahre Gefühle für sie. Weitere Verstrickungen unter den Bewohnern und ein bizarrer Typ (Thomas Rohmer) aus Lottis Wiener Zeit sorgen für einen unerwarteten Verlauf der Dinge.

Bei aller Unbedarftheit des Casts, sind auch gestandene Schauspieler Teil des Ensembles. Wie es für einen alten Hasen wie den Kabarettisten Bruno Jonas ist, fast ausschließlich mit Amateuren zusammenzuarbeiten? "Hier sind Leute mit Naturtalent, die können vor der Kamera ganz natürlich agieren. Die müssen nicht wie wir als Profis erstmal überlegen, wie agiere ich jetzt natürlich - die haben das einfach drauf." Jonas zeigt sich äußerst beeindruckt von der Identifikation und der Motivation, die die Bleicheröder für den Film aufbringen.

"Ich habe vor Freude geweint, denn für mich hat sich ein Traum erfüllt", erzählt beispielsweise die 19-jährige Jessika Weiss, die die Rolle der Kitty übernahm. Ihre vorherigen Berührungen mit der Schauspielkunst beschränkten sich auf die schulische Theater AG, mit der sie "Herr der Fliegen" aufführte. Eigentlich wollte sie nach dem Abi bei der Polizei arbeiten, doch jetzt "hat sich da natürlich eine weitere Tür zur Berufswahl geöffnet", sagt sie. Dabei brauchte sie den Anstoß ihrer Freundinnen, um überhaupt zum Casting zu gehen.

Ein Vorbild für andere Städte?

Die Rentnerin Gisela Kalensky nahm ihre Freundinnen einfach mit. "Doch als ich da ankam, war ich erst mal beeindruckt: Was sollte ich als nicht mehr ganz so junge Frau zwischen all den jungen hübschen Menschen?", fragte sie sich. Die Antwort gab Marion Mitterhammer: nämlich eine Sprechrolle übernehmen. Kalensky ist nun als Gertrude Krautwurst, die Grand Dame des fiktiven Bleicherode, im Film zu sehen. Jessika und Gisela sind nur zwei Beispiele unter vielen Novizen, aus denen das Filmprojekt ungeahnte Talente herauskitzelte. Dies gilt sowohl für die Arbeit vor als auch hinter der Kamera.

So sind auch die Positionen hinter den Kulissen in der Hand der Einheimischen. Judith Srocke bewirtet üblicherweise Gäste in ihrem Café im Ort. Für die Dauer der Dreharbeiten schlüpfte sie aber in die Rolle der Lili und kümmerte sich um das Szenenbild sowie um das Catering für die gesamte Crew. Während Event-Veranstalter Ricardo Meyer für den Ton verantwortlich war, sorgte Musiker Matthias Müller für den Soundtrack. Die Produktionsleitung lag in der Hand der Kauffrau Ina Burghardt. "Ich hätte nicht gedacht, dass das so eine harte Arbeit ist. Hans-Günther Bücking stellt hohe Anforderungen. Dafür sind wir alle an unsere Grenzen und darüber hinaus gegangen", so Burghardt über die ungewohnte Aufgabe. Der Regisseur kam ebenso wie die Hauptdarstellerin während der Drehzeit in einer ihrer Ferienwohnungen unter.

Die unerfahrenen Filmschaffenden verschmolzen zu einer engen Gemeinschaft, auch über die Stadt hinaus. "Mit Regisseur Hans-Günther Bücking und Marion Mitterhammer ist eine echte Freundschaft entstanden. Ich war sogar bei der Hochzeit seines Sohnes auf Malta", erzählt Kameramann Alf Schneider. Möglicherweise bringt das Projekt auch noch weitere Steine ins Rollen. Bruno Jonas meint, "Bleicherode - Der Film", könne als Vorbild dienen: "Ich könnte mir vorstellen, dass das Schule macht, und es wird auch noch andere Städte geben, die sagen: Hans, kannst Du bei uns auch noch so einen Film drehen?"

Aber zunächst steht die große Premiere in Bleicherode an, bevor der Film möglicherweise sogar auf Festivals zu sehen sein wird. "Der Ort fiebert der Filmpremiere entgegen. Ich glaube, das Ergebnis wird uns alle stolz machen", ist sich Bürgermeister Rostek sicher. Zuerst gezeigt wird der Film natürlich in Alf Schneiders Filmtheater.