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"Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand" - Sa. 01.02. - VOX: 20.15 Uhr

"Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand"
"Entgleist - Jugendliche im Ausnahmezustand" nimmt den Zuschauer mit auf eine Reise in das Leben neun junger Menschen, deren Leben aus den Fugen geraten ist. Die teilweise schonungslose Offenheit der Protagonisten löst Beklemmung aus.

"Was bei mir das erste Mal durch den Kopf gegangen ist, als Sie mitgekommen sind, war: Oh Gott jetzt habe ich mich nicht genug selbst verletzt", sagt ein traurig in die Kamera schauendes Mädchen über die Dreharbeiten. Die 17-jährige Michelle leidet an einer Persönlichkeitsentwicklungsstörung und Depressionen, ausgelöst durch extremes Mobbing in der Schule. Ihre Reaktion ist Selbsthass, ihr Ventil das "Ritzen". Die mit Rasierklingen zerschnittenen Arme sind Zeuge ihres Seelenlebens. Michelle ist einer von neun jungen Protagonisten, die die VOX-Dokumentation bis zu zehn Jahre hinweg begleitet hat: sei es in die Jugendpsychiatrie, den Erziehungsknast oder in ein Strafcamp.

Es handelt sich um Jugendliche ganz unterschiedlichen Alters, um völlig verschiedene Persönlichkeiten und um vielfältige Gründe, warum ihr Leben geordnete Bahnen verließ. Dabei berichten sie bedrückend von ihrer schwierigen Vergangenheit und welche Probleme sie zum Zeitpunkt der Aufnahmen quälen. Vor allem erstaunlich ist die Reflektiertheit, mit der sie von ihren Lebensumständen berichten. Viele wissen genau, weshalb sie den falschen Weg einschlugen.

Gründe: Drogen, Gewalt und Leistungsdruck

Da wäre beispielsweise der musikalisch begabte Ruzhdi, der zwei Träume verfolgte: einen von einer Karriere als Musiker und einen davon, als Drogendealer Geld zu verdienen. So fand er sich mit 18 Jahren im Jugendknast wieder. Statt zweites Vorcasting beim "Supertalent" hieß es, die Tage bis zur Entlassung zu zählen. Er macht seinen Abschluss und nimmt sich vor, das im Gefängnis erwirtschaftete Geld nach der Haft sinnvoll einzusetzen. Dass er es letztlich in drei Tagen verprasst, zeigt, dass die Zukunft ebenfalls nicht einfach wird.

Aus einem komplett anderen Grund, geriet das Leben von Julia aus den Fugen. Obwohl sie mit 14 Jahren zu Hause auszog, stand sie stabil im Leben. Bis sie anfing, aus selbst gemachtem Leistungsdruck Amphetamine zu nehmen, um Müdigkeit vorzubeugen. Innerhalb weniger Monate steigerte sich ihr Konsum bis hin zu einem Intervall von zwei Stunden. Der letzte Ausweg ist die Entgiftung in der Kinder und Jugendpsychatrie.

Auch Mirko hatte Drogenprobleme und wurde wegen gefährlicher Körperverletzung verurteilt. Der 18-Jährige hatte nur eine Wahl, um dem Gefängnis zu entgehen: Ein Erziehungscamp, dessen Drill eher einem militärischen Bootcamp gleichkommt. Hier sollen die Jugendlichen Disziplin lernen und zwischen gemeinschaftlichem Zähneputzen und Machtspielchen, beispielsweise wer wie viel Nachtisch bekommt, gesellschaftstauglich getrimmt werden.

Was der Doku definitiv gelingt, ist ein Bewusstsein für die Bedeutung sozialer Arbeit zu schaffen. Die Bemühungen der Betreuer, Heilpädagogen, Erzieher und Coachs nötigen tiefsten Respekt ab. Auch der Bagatellisierung psychischer Krankheiten wird durch die beklemmend offenen Statements der Jugendlichen entgegengewirkt. Die emotionalisierenden Stilmittel, allen voran die dauerpräsente dramatische Musik, wären angesichts der interessanten Bekenntnisse der Teenager in dieser Form nicht nötig gewesen.