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"Babylon Berlin"-Star Liv Lisa Fries im Interview
"Musste viele Szenen spielen, in denen ich nur von Männern umgeben war"

"Babylon Berlin"-Star Liv Lisa Fries im Interview
Liv Lisa Fries ist der Grund, warum "Babylon Berlin" nicht nur mit Opulenz und als spannendes Sittengemälde überzeugt. Zwölf neue Folgen der deutschen Mega-Serie starten am 24. Januar beim Pay-TV Anbieter Sky.

Liv Lisa Fries war für viele die größte Entdeckung, als die lange angekündigte deutsche Superserie "Babylon Berlin" am Ende doch weitgehend hielt, was man sich von ihr versprach. Sie funktionierte als opulentes Bilderwerk und als geschichtlich klug gedrechseltes Sittenbild der späten 20er-Jahre in der "sündigen", erstaunlich modernen Metropole Berlin. Was die Serie hier und da vermissen ließ - trotz eines Mega-Aufgebots großartiger Schauspieler -, war ein wenig Figurentiefe hier und da. Das mag der Tatsache geschuldet sein, dass die Roman-Vorlage der Serie eine "schnöde" Krimireihe ist. Nichtsdestotrotz verfing gerade die von Fries mit viel Ambivalenz gespielte Figur der Charlotte Ritter. Die aus ärmsten Verhältnissen stammende junge Frau hat ein Faible für Polizeiarbeit, geht nebenbei anschaffen und will sich dennoch in der gefährlichen, rauen Männerwelt hocharbeiten. Ab Freitag, 24. Januar, 20.15 Uhr, in Doppelfolgen bei Sky 1 oder jederzeit auf Abruf, geht es mit "Babylon Berlin" weiter. Im Herbst 2020 werden die zwölf Folgen der neuen Staffel nach dem Roman "Der stumme Tod" dann auch bei Co-Finanzier ARD laufen. Im Interview spricht Liv Lisa Fries über neue Ansätze in der alten Welt von "Babylon Berlin" und erklärt warum Szenen, in denen man raucht, so viel angenehmer sind als jene, in denen man isst.

teleschau: Was war Ihr größtes Problem mit der "Babylon Berlin"-Fortsetzung?

Liv Lisa Fries: Als Schauspielerin sehe ich natürlich erst mal meine Rolle - und da macht Charlotte Ritter schon einen gewaltigen Sprung. Vom kämpferisch-kecken Mädchen aus einfachsten Verhältnissen zur Kriminalassistentin. In der neuen Staffel ist Charlotte eben auch Funktionsträgerin, also Teil des Systems. Und sie wird als Frau von dieser Männergesellschaft runtergeputzt.

teleschau: Das heißt, wir sehen eine ganz andere Charlotte Ritter?

Liv Lisa Fries: Ja und nein. Das ist eben die Kunst - den Kern eines vertrauten, geliebten Seriencharakters zu bewahren und trotzdem eine Entwicklung zu erzählen. Die Wandlung der Figur Charlotte ist schon krass. Und wir kennen das ja auch im privaten Leben. Manche Leute entwickeln sich so, dass man denkt: "Och, vor drei Jahren war die aber netter." So was sollte in unserer Serie natürlich nicht passieren (lacht).

"Die strauchelnde Demokratie ist immer irgendwie präsent"

teleschau: Viele Kritiker und Fans haben Charlotte Ritter als emotionales Zentrum der Serie gelobt. Was macht dieses Mädchen, das in den Romanen Volker Kutschers auch ein bisschen als Streberin rüberkommt, in der Serie so sympathisch?

Liv Lisa Fries: Ich habe die Romane bewusst nicht gelesen, kann also nur über die Drehbuch-Charlotte sprechen. Sie macht viel durch, ist aber das klassische Stehaufmännchen - und das als Frau. Ich glaube, genau das beeindruckt und erzeugt Kraft. Ich finde, im Kern ist Charlotte jemand, der ihrer Umgebung Wärme spendet, weil sie auf die Menschen zugeht. Sie will irgendwo dazugehören, weil sie in ihrer Familie diesbezüglich nichts finden konnte. Dieser Wunsch macht einen großen Teil ihrer Kraft aus. Es geht um eine Identitätssuche.

teleschau: Wie hat sich "Babylon Berlin" zur dritten Staffel insgesamt verändert?

Liv Lisa Fries: Ich finde, wir erzählen in den neuen Folgen dichter und ernster. Es geht um die Weltwirtschaftskrise, die sich am Horizont anbahnt. Beziehungen zwischen den Figuren, wie zum Beispiel zwischen Gereon Rath und seiner Geliebten Helga, werden weitaus tiefer ausgeleuchtet. Ich würde sagen, wir erzählen diesmal stärker über die Figuren und nicht ganz so sehr über die wuchtige Optik, würde ich sagen.

teleschau: Gibt es einen Zeitsprung in der Erzählung?

Liv Lisa Fries: Nein, nicht wirklich. Die Erzählung setzt im Prinzip dort an, wo die zweite Staffel endete. Wir befinden uns immer noch im Jahr 1929, nur ein paar Monate später.

teleschau: Die Ereignisse in der Weimarer Republik jener Tage waren sehr dicht. Spürt man, dass der gesellschaftliche Tanz auf dem Vulkan, den die ersten Staffeln beschreiben, heißer geworden ist?

Liv Lisa Fries: Ja, das denke ich schon. Es wird ernster. Die Auseinandersetzungen auf der Straße, die schon im ersten Durchgang präsent waren, verschärfen sich. Auch wenn wir eine Kriminalgeschichte erzählen, das Gesellschafts-Barometer wird schon immer deutlich miterzählt. Das geht ja auch nicht anders. Es wäre so, als wenn man ein Gesellschaftsporträt von heute zeichnen wollte und die Klimakrise aussparen würde. Bei einer Erzählung aus dem Berlin des Jahres 1929 ist deshalb auch die strauchelnde Demokratie immer irgendwie präsent.

Weiblicher Blick auf den Babylon Berlin-Kosmos

teleschau: Die Tage der Weimarer Republik sind endlich. Wie viele Staffeln von "Babylon Berlin" kann man überhaupt noch drehen?

Liv Lisa Fries: Ich glaube, das weiß keiner so genau. Insgesamt gibt es auf allen Seiten viel Energie und den Wunsch, das noch länger weiterzumachen. Einige sagen schon, dass wir zusammen alt werden. Rein faktisch denkt man natürlich von Staffel zu Staffel. Und, was noch entscheidender ist: Man finanziert von Staffel zu Staffel!

teleschau: Die neuen Folgen erzählen den Roman "Der stumme Tod". Dabei geht es um Morde an einem Filmset - in der Serie wunderbar expressionistisch in Szene gesetzt. Welche Welten des Jahres 1929 werden noch erzählt?

Liv Lisa Fries: Die Film-im-Film-Nummer war für uns Schauspieler natürlich absolut faszinierend. Vor allem, weil der Film-im-Film eben so abgefahren aussieht und inszeniert wird. Da stehe ich dann in der Kulisse nicht nur als Kriminalassistentin Charlotte Ritter, sondern auch als staunende Liv. Da erfreute mich dann, was sich so mancher Kollege in singender und tanzender Weise drauf geschafft hatte. Darüber hinaus spielen in den neuen Folgen der Börsencrash von 1929 und auch Feminismus eine Rolle. Charlotte fährt auch einmal raus aus Berlin, und wir spüren kurz, dass es ein Leben jenseits der Stadt gibt. Aber natürlich kommt auch das Nachtleben Berlins wieder vor.

teleschau: Stichwort Feminismus. Charlotte Ritter bekommt als offizielle Mitarbeiterin der Mordkommission kräftigen Gegenwind zu spüren, der vor allem mit ihrem Geschlecht zu tun hat. Irgendwie scheint das Thema in den neuen Folgen präsenter ...

Liv Lisa Fries: Man nimmt sie jetzt ernster, weil sie Funktionsträgerin und eben nicht nur Tagelöhnerin bei der Polizei und Stenotypistin ist. Erst jetzt wird sie zur Provokation oder Bedrohung dieser männlichen Welt. Ich musste viele Szenen spielen, in denen ich nur von Männern umgeben war. Es ist ein komisches Gefühl, wenn man da die ganz Zeit so klein gemacht wird. Vor allem, weil ich die Männer hinter den Rollen ja auch privat kenne und weiß, dass die ganz anders sind. Aber man bekommt als Frau ein starkes unangenehmes Gefühl in solchen Szenen. Ich kann mir jetzt gut vorstellen, wie es sich damals anfühlte, wenn man als Frau aus der angedachten Rolle herausgetreten ist und die Männerwelt herausgefordert hat.

teleschau: 94 Prozent der Drehbuchaufträge für "Tatort" und "Polizeiruf" gingen im Jahr 2018 an männliche Autoren. Auch "Babylon Berlin" wird von drei männlichen Autoren und Regisseuren gemacht. Hat sich wirklich so viel verändert?

Liv Lisa Fries: Es hat sich viel verändert, aber es ist noch Luft nach oben. An der nächsten Staffel übrigens auch zwei Autorinnen beteiligt sein. Weil die drei Macher der ersten drei Staffeln das tatsächlich auch wichtig fanden, dass es in Zukunft auch einen weiblichen Blick auf den "Babylon Berlin"-Kosmos gibt.

Ein großes Fest des Rauchens

teleschau: Wofür brauchten Sie diesmal die meiste Vorbereitungszeit?

Liv Lisa Fries: Es war insgesamt weniger aufwendig als beim ersten Mal, weil wir unsere Rollen und das Setting bereits kannten. Am aufwendigsten sind immer die Tanzproben, würde ich sagen. Auch wenn es manchmal frustrierend ist, wie lange man da für etwas trainiert und am Ende sind weniger als zehn Sekunden im fertigen Film zu sehen (lacht). Dennoch ist alles kein Vergleich zu den ersten Staffeln, als einfach alles immens aufwendig war. Wenn ich allein an die endlosen Kostümproben denke - damals musste jedes Kleidungsstück auf uns angefertigt werden ...

teleschau: "Babylon Berlin" ist darüber hinaus auch ein großes Fest des Rauchens. Viele Figuren scheinen sich in fast jeder neuen Szene eine Zigarette anzustecken. Ist das nicht schrecklich anstrengend?

Liv Lisa Fries: Man kann am Filmset Kräuterzigaretten rauchen, das belastet den Organismus nicht so stark wie Nikotin. Ich habe zwar mal geraucht, tue es aber nicht mehr. Volker Bruch, der als Gereon Rath in der Serie enorm viel raucht, ist privat Nichtraucher. Bei all den Wiederholungen, die man für eine Szene benötigt, würden wohl selbst passionierte Raucher kreislaufmäßig die Segel streichen. Durch die Kräuterzigaretten ist das aber kein so großes Problem. Viel anstrengender sind Szenen, in denen gegessen wird.

teleschau: Wie meinen Sie das?

Liv Lisa Fries: Man kann Essen eben nicht komplett "faken". Nur ein Beispiel: Es gibt eine Szene in der neuen Staffel, da isst Udo Samel als Chef der Mordkommission ein Stück Torte. Ich glaube, am Ende musste er ein ganze Torte essen, weil er in jedem Take ein ganzes Stück verputzen sollte. Bei den ersten zwei oder drei Tortenstücken mag das ja noch ganz lustig sein. Aber danach wird es echt ekelhaft - wenn man solche Szenen drehen muss.

teleschau: Sprechen Sie aus eigener Erfahrung?

Liv Lisa Fries: Im Film "Prelude", der Ende letzten Jahres im Kino lief, hatte ich auch eine Szene, in der ich immer wieder essen musste. Daher weiß ich, wie schwierig das ist. Beim Rauchen ist es so, dass echte Raucher auch mal in der Szene echte Zigaretten rauchen. Nur steigen auch die irgendwann aus, wenn es viele Takes gibt. Dann steigen auch manche Raucher auf die Kräutervariante um - um nicht in einem krassen Nikotinflash zu enden.

"Meine amerikanische Stimme ist eher hoch und piepsig, sie hat nicht so viel mit mir zu tun"

teleschau: Was bekommen Sie bezüglich des Erfolges von "Babylon Berlin" im Ausland mit?

Liv Lisa Fries: Wir bekommen mit, dass die Leute begeistert sind. Ich war bei den Filmfestspielen in Venedig, wo ich für die Rolle der Charlotte Ritter einen Preis bekommen habe. Die Serie ist dort ein Phänomen, die Leute rasten darüber total aus. Aber auch anderswo lief es ausgezeichnet: Aus Frankreich, wo es ein bisschen dauerte, bis die Serie verkauft war, kam nun viel positives Feedback. Auch in England lief es wahnsinnig gut.

teleschau: Wie sieht es mit Amerika aus?

Liv Lisa Fries: Weil "Babylon Berlin" in den USA bei Netflix lief, war das Feedback auch immens. Die Amerikaner finden die Serie großartig, allerdings haben sie "Babylon Berlin" synchronisiert - was mich ein bisschen überraschte. Ich wurde auch nicht gefragt, ob ich das selbst machen will. Meine amerikanische Stimme ist eher hoch und piepsig, sie hat nicht so viel mit mir zu tun. Doch auch in Amerika kann man auf Originalton mit Untertiteln umschalten.

teleschau: Sorgte die Serie auch dafür, dass Sie als Schauspielerin im Ausland gefragt sind? Hat Hollywood schon angeklopft?

Liv Lisa Fries: Ich habe direkt nach den ersten beiden Staffeln einige Folgen einer amerikanischen Serie namens "Counterpart" mit J.K. Simmons gespielt. Ansonsten merkt man, dass es auch aus Europa mehr Anfragen gibt. Es heißt allerdings nicht, dass solche Angebote dann immer auch besser sind als die Projekte, die man in Deutschland drehen kann. Dafür ist "Babylon Berlin" sicher das beste Beispiel.