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Kennenlernen mit Ashley

Halsey
Hallo, Ashley: Die Pop-Sängerin Halsey legt mit "Manic" ein herausragendes Album vor, das tiefe persönliche Einblicke bietet.

Halseys Musik war schon immer von persönlichen Themen geprägt, allerdings in dramatisierter Form. Für das Debüt "Badlands" (2015) übersetzte sie ihre Erfahrungen mit der Musikindustrie in eine Art dystopischen Western; "Hopeless Fountain Kingdom" (2017) verwob ihre gescheiterte Beziehung mit ihrem Produzenten mit Motiven aus Shakespeares "Romeo und Julia". Mit "Manic" soll es nun aber unverfälscht persönlich werden. Das versichert schon der Opener "Ashley" - das ist Halseys bürgerlicher Name, ihr Künstlername ist ein Anagram. Das Cover-Artwork zeigt ihr Gesicht, daneben blass die Codes "H3" und "A1", die wohl bedeuten: "Manic" ist zwar bereits das dritte Halsey-Album, aber das erste, das von Ashley kommt.

"Manic" verfolgt also ein weniger erzählerisches Konzept als die Vorgängeralben. Weil die Produktion zwischen den Songs oft fließende Übergange schafft, klingt das neue Werk trotzdem wie aus einem Guss - wie ein dreiviertelstündiger Mitschnitt eines Bewusstseinsstroms. Zwischendurch wird die Verbindung wackelig: Im Intro zu "Ashley" und im Outro von "Forever" legen sich Zerreffekte und digitales Geblubber auf die Stimme. Dann sind wir wieder eingeklinkt. Selbst Halseys großer Hit "Without Me" fügt sich nahtlos ein - weil er nicht nur ein Kandidat für jede Radiorotation ist, sondern auch einer ihrer besten Songs und ähnlich traurig wie der Rest des Albums. "Tell me, how's it feel sittin' up there?", fragt sie eine Person, die sie so geliebt und auf einen Thron gehoben hat, dass sie jetzt nicht mehr erreichbar ist. Einer der ergreifendsten Momente ist zweifelsohne "More": Die 25-jährige Halsey, die bereits drei Fehlgeburten erlitten hat, adressiert das Kind, das sie hoffentlich eines Tages wird kennenlernen dürfen.

"Tired of all these labels"

Alle Gäste, die Halseys Bewusstseinsstrom besuchen, haben ihre eigenen Gästezimmer: die "Interludes", die nicht etwa Zwischenspiele sind, sondern vollwertige Songs. Auf "Alanis' Interlude" singt sie mit Pop-Ikone Alanis Morissette: "Your pussy is a wonderland / I could be a better man". Der Song handelt von frühen Erfahrungen mit gleichgeschlechtlicher Sexualität. Mangelnde Akzeptanz ihrer Bisexualität hat Halsey oft frustriert. Auf Twitter schrieb sie einmal, man müsse wohl zwei Menschen gleichzeitig daten, um nicht entweder als homo- oder als heterosexuell gelesen zu werden. "Tired of all these labels" ist deshalb die letzte Zeile des Songs.

Auf einem anderen "Interlude" findet sich Suga, Teil der superpopulären südkoreanischen Boygroup BTS. Halsey bringt auf "Manic" nämlich viele Stile unter einen Hut. Der Titel "Forever" klingt mit seinen Glockenspiel-Melodien beinahe wie ein Schlaflied, "3am" nach breitbeinigem Rock - es gibt sogar ein Gitarrensolo. Wie das zusammenpasst? "Manic" ist das erste Album, das Halsey "in einer manischen Phase" geschrieben hat, wie sie zuletzt einer Journalistin vom "Rolling Stone" verriet. Bei der Sängerin wurde im Alter von 17 Jahren nach einem Selbstmordversuch eine bipolare Störung diagnostiziert. Das gibt der Unterscheidung zwischen Halsey und Ashley eine zusätzliche Ebene. Ashleys Bewusstseinsstrom schaltet eben manchmal in den sechsten Gang, nur um wenig später zu stottern und fast liegen zu bleiben. Halsey und ihr Produzententeam machen das Ganze rund und legen mit "Manic" ein herausragendes Album vor.