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Da waren's nur noch drei

Pink Floyd
Das Boxset "The Later Years" gibt Einblicke in die Schaffensphase von Pink Floyd nach dem Weggang von Mastermind Roger Waters. Auch wenn das 350 Euro teure Teil viel Überflüssiges enthält: Es bietet die Gelegenheit, die ungeliebten späten Jahre der Band neu zu entdecken.

Schlechtere Voraussetzungen, um ein Album aufzunehmen, kann man sich kaum vorstellen. Anfang der 80er-Jahre hatte Bandgründer Roger Waters sich mit dem Rest von Pink Floyd überworfen; statt im Studio traf man sich vor Gericht. Irgendwann kamen David Gilmour, Nick Mason und Richard Wright dann aber doch zusammen, um ein neues Pink-Floyd-Album aufzunehmen. Das Ergebnis, "A Momentary Lapse Of Reason" (1987), war ein Welterfolg. Der Weg dorthin aber war ein steiniger. Nach dem Ausstieg von Waters, der vielen als kreativer Kopf hinter Meisterwerken wie "Dark Side of the Moon" (1973) und "The Wall" (1979) galt, hatten die übriggebliebenen Musiker Angst, als "geldgierige Nachahmer" dazustehen. So zumindest erinnerte sich Drummer Nick Mason in seiner Bandbiografie "Inside Out": "David und ich hatten das Gefühl, wir müssten es richtig hinbekommen, sonst würde man uns fertig machen." Tatsächlich galt "A Momentary Lapse of Reason" für viele Fans lange Jahre als vielleicht schlechtestes Pink-Floyd-Album überhaupt. In dem opulenten Boxset "The Later Years" findet sich die Platte nun in einer neu abgemischten Version. Eine gute Möglichkeit, das Album neu zu bewerten.

"The Later Years", der Name sagt es, lässt die späte Phase im Schaffen der britischen Band Revue passieren. Das vor drei Jahren erschienene Boxset "The Early Years" deckte die Jahre zwischen 1965 und 1972 ab, die großen Album danach wurden schon zuvor in Sondereditionen abgefeiert. Die Veröffentlichungen waren allesamt wahre Fundgruben für Fans, auch wenn vieles freilich schon lange als Bootleg kursierte. "The Later Years" dagegen ist eher dünn geraten. Hier findet sich nur wenig bislang Unveröffentlichtes, dafür viel neu Abgemischtes und Restauriertes. Wie eben "A Momentary Lapse Of Reason".

Als Gilmour und Co. das Album in London und Los Angeles einspielten, war Drummer Mason seit Jahren aus der Übung; viele Schlagzeugparts wurden deswegen von anderen Musikern übernommen. Für die neue Version spielte Mason diese Teile nun selbst ein. Und das klingt, zusammen mit dem neuen Mix, überraschend gut. So druckvoll und energiegeladen hat man das Album noch nie gehört. "A Momentary Lapse Of Reason" sei ein "sehr vorsichtiges Album, ohne Risiken", gab Mason später zu. Aber man hört Pink Floyd hier auch so entspannt wie selten. Als Waters die Band verlassen hatte, habe er sich "befreit" gefühlt, erzählte David Gilmour unlängst in einem langen BBC-Interview. Und diese Lässigkeit hört man - auch wenn die Platte, anders als die meisten anderen Floyd-Alben, sehr zeitgeistig klingt. Die vielen Computerspielereien lassen "A Momentary Lapse Of Reason" klar als Kind der 80-er erkennen. Schlecht ist das allerdings nicht.

Nach dem Erfolg des Albums gingen Pink Floyd auf Tour. Dokumentiert wurde die überaus erfolgreiche Konzertreise auf dem Doppelalbum "Delicate Sound Of Thunder" (1988) und in einem gleichnamigen Film. Auf "The Later Years" findet sich nun ein neu abgemischter Mitschnitt des Konzerts, inklusive acht Songs, die auf der ursprünglichen Veröffentlichung keinen Platz gefunden hatten. Ein wahrer Augenschmaus ist der Videomitschnitt der Show im Nassau Coliseum, für den das originale 35mm-Material neu bearbeitet und geschnitten wurde. 1989, ganz am Ende der umfangreichen Tournee, gaben Pink Floyd dann ihr legendäres Konzert in der Lagune von Venedig. Das Boxset beinhaltet den gesamten TV-Mitschnitt erstmals auf DVD und Blu-ray. Ebenfalls bislang unveröffentlicht ist die Aufzeichnung des fantastischen Knebwort-Konzerts aus dem Folgejahr.

Sieben Jahre nach "A Momentary Lapse Of Reason" brachten Pink Floyd ihr bislang letztes reguläres Studioalbum heraus: "The Division Bell" (1994), ein meditatives Meisterwerk, auf dem sich mit "High Hopes" einer der schönsten Songs findet, die die Band jemals veröffentlichte. "The Later Years" beinhaltet eine restaurierte Fassung von "Pulse", dem Konzertfilm zur "Divison Bell"-Tour, sowie nicht veröffentlichte Studioaufnahmen von 1994. Viel zu entdecken gibt es dabei leider nicht - die sechs Stücke sind, wie schon das 2014 auf "The Endless River" veröffentlichte Material, vor allem Fragmente. Gänzlich überflüssig sind die kleinen Filmchen, die während der beiden Touren auf der Bühnenleinwand gezeigt wurden und dem Boxset nun ebenso beiliegen wie Promovideos und diverse Surround-Mixe auf Blu-ray.

Mit einem Preis von rund 350 Euro ist "The Later Years" kein Schnäppchen. Dafür gibt's fünf CDs, elf DVDs und Blu-Rays, zwei 7"-Singles, viel Klimbim - und eine Erkenntnis: Es lohnt sich durchaus, in das späte Schaffen von Pink Floyd einzutauchen. Die alten Alben aus dem Schrank zu holen und noch einmal anzuhören, ganz ohne Vorurteile, tut's aber auch.

Begleitend zum Boxset ist bereits das Best-of "The Later Years: 1987-2019" erschienen.