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Alter spielt (k)eine Rolle

The Who
Knurren statt beißen: Auf ihrem ersten Album seit 13 Jahren zeigen The Who, eine der bedeutendsten Bands der Rockgeschichte, wie man in Würde altert.

Als Roger Daltrey vollmundig verlauten ließ, dass "Who" die beste Platte von The Who seit dem 1973er-Meilenstein "Quadrophenia" werden würde, sorgte das für den einen oder anderen zweifelnden Blick. Die Skepsis löste sich jedoch bei vielen Fans auf, nachdem die ersten Songs veröffentlicht wurden. Außerdem reicht ein kurzer Blick in die Diskografie, um festzustellen, dass die unbestrittenen The-Who-Klassiker tatsächlich ausnahmslos vor "Quadrophenia" entstanden. Behält der inzwischen 75-jährige Frontmann nach seiner selbstbewussten Ankündigung tatsächlich Recht?

Zunächst einmal: Eine richtige The-Who-Platte ist dieses zwölfte Album streng genommen nicht. Keith Moon (Schlagzeug) weilt seit 1978 im Rockhimmel, John Entwistle (Bass) folgte ihm 2002. Seitdem werden die Geschicke der Band alleine von Daltrey und Pete Townshend (74) geleitet. Unterstützt werden sie seit geraumer Zeit von Townshends Bruder Simon an der Gitarre, Ringo-Starr-Sprössling Zak Starkey (Schlagzeug) sowie Meisterbassist Pino Palladino. Die drei sind auch auf "Who" zu hören und erledigen ihren Job erneut grundsolide.

Wobei Simon Townshend diesmal auch als Songwriter zu Ehren kommt, "Break The News" heißt sein Beitrag. Dieser Ausflug in akustische Folkpopwelten, in seiner Unbeschwertheit einem Song wie "'39" von Queen nicht ganz unähnlich, ist nicht wirklich das, was man von einer Band wie The Who erwartet. Immerhin galt die Gruppe einst als die wildeste und wütendste der gesamten Rockwelt. Aber dafür gibt es beispielsweise auch den Song "Ball And Chain" mit seiner Guantanamo-Thematik und grummeligen Gitarren. Oder "All The Music Must Fade", einen der stärksten Titel des Albums - nicht zuletzt aufgrund der textlichen Abrechnung mit all den Plagiatsjägern unter den Komponisten: "Yours is yours, and what's mine is mine / And what's mine is mine, and what's mine is yours / Who gives a fuck?"

Zwei Rock-Ikonen in ihren 70-ern

Es ist eine ambivalente Angelegenheit: Auf der einen Seite haben Townshend und Daltrey noch viel Rockmusik in ihren Adern, und zwar in ihrer ursprünglichen, mit Gesellschaftskritik und Angriffslust verbundenen Form. Nicht umsonst nennt sich eines der neuen Stücke "I Don't Wanna Get Wise". Auch die großen Rockoper-Gesten wurden konserviert. Auf der anderen Seite hat der revolutionäre Aufschrei sich längst andere Genres gesucht, um gehört zu werden. "I don't think I've ever felt so out on the margins / I'm too old to fight", lautet eine Zeile aus "Rockin' In Rage". Ja, das Stück rockt. Am Ende jedoch wird das Wörtchen "Rage" ("Wut"), von Pianoklängen begleitet, fast schon wehleidig vorgetragen.

Die Generation, die ihre destruktive Lust einst an Gitarren ausließ (bis heute legendär: Das The-Who-Motiv "This Guitar Has Seconds To Live"), wird das Instrument heute wahrscheinlich aus Angst vor eventuellen Rückenproblemen nur vorsichtig vom Boden aufheben. Daher dürfen auf "Who" auch das erwähnte ungewohnt milde Stück "Break The News" oder ein etwas verklärt dreinblickendes Lied wie "I'll Be Back" vorkommen. The Who sind vielleicht alt, beizeiten auch sentimental, aber keineswegs senil. So porträtiert dieses - übrigens mit einem wunderbaren Artwork von Peter Blake (The Beatles, Eric Clapton) aufwartende - Album zwei große Rockmusiker in ihren 70-ern auf ebenso ungeschönte wie ehrliche Weise. Ob es das beste seit "Quadrophenia" ist? Zu den besseren gehört es auf jeden Fall.