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Das Glück ist der reinste Horror

"Little Joe - Glück ist ein Geschäft"
Dass Blumen glücklich machen, ist eine Binsenweisheit. In Jessica Hausners meisterhaftem Science-Fiction-Thriller "Little Joe - Glück ist ein Geschäft" aber werden genmanipulierte Happy Flowers zur echten Bedrohung für die Menschen.

Wäre es nicht schön, wenn die Menschen ihre wahren Gefühle nicht mehr fühlen müssten? Wenn sie den ganzen Tag lang einfach nur glücklich wären und alles, was sie dafür tun müssten, wäre, eine Blume zu gießen? Ist das ein Glücksversprechen oder eine Horrorvorstellung? Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner ("Lourdes", "Amour Fou") lässt das in ihrem ersten englischsprachigen Film offen. Als kühle Science-Fiction-Horrormär verkleidet, ist "Little Joe - Glück ist ein Geschäft" ein Film über Unsicherheiten der Gegenwart.

In einer streng kadrierten, aufgeräumten futuristischen Welt züchtet die alleinerziehende Mutter Alice (Emily Beecham) gemeinsam mit ihrem Kollegen Chris (Ben Whishaw) genmanipulierte Pflanzen, deren Duft glücklich macht. Die Blumen verströmen das Hormon Oxycotin, dass auch bei der Mutter-Kind-Bindung eine entscheidende Rolle spielt. Diese "Happy Flower" soll Menschen glücklich machen und die Kassen des Labors klingeln lassen.

"Little Joe" tauft Alice die Pflanze, benannt nach ihrem Sohn, und nimmt ein Exemplar für ihn mit nach Hause. Doch das hätte sie mal lassen sollen: Denn der große Joe verändert sich, wie auch alle anderen Menschen und Tiere, die mit der bedrohlich rot leuchtenden Blume in Berührung kommen. Nicht nur Alice schwant, dass jedes Glück seinen Preis hat. Denn die Pflanzen scheinen nicht nur einen eigenen Willen zu haben, sondern den ihrer Wirte auch zu brechen. Aber soll man sich gegen das Glück wehren?

Die Kontrolle verloren

Unmerklich und unaufhaltsam bricht sich der Horror bei Jessica Hausner Bahn. Sie muss ihn nicht mal zeigen, braucht keine Monster, keine Bilder der Angst. Das Grauen, das sind die Unsicherheiten im Kopf, die verschobenen Wahrnehmungen, die Fragen, die aufkommen. "Little Joe" ist ein meisterlicher Film, der sich alle Freiheiten nimmt - in Form, Struktur und Bild - und die Gegenwart so klug in vielen Facetten reflektiert, dass man es zunächst gar nicht mitbekommt, aber hinterher voller Zweifel ist.

Die Kamera versucht, die Bedrohung zu fassen, obwohl sie unsichtbar ist. Sie zoomt sich in Bilder rein und lässt die Menschen daraus verschwinden. Sie fahndet, einem Ermittler gleich, nach Details und Indizien. Was wesentlich ist und was unwesentlich, muss man selbst entscheiden. "Man findet nur, wonach man sucht", weiß eine alte Labormitarbeiterin, deren Hund eines der ersten Opfer der Pflanzen geworden ist. Bei der Blutuntersuchung des Kadavers wurden keine Auffälligkeiten entdeckt, die Persönlichkeit des Tieres war trotzdem verändert.

Regisseurin Hausner fragt nach den Folgen des vermeintlichen Fortschritts, ohne ihn zu verteufeln, aber auch nach dem Wesen des Glücks, dem Menschen außer Rand und Band nachjagen - ohne es noch erkennen zu können. Wer mit "Little Joe" in Kontakt kommt, wird zu einer Figur in einem Theaterstück, in dem man sich selbst spielt und längst die Kontrolle verloren hat über sein eigenes Leben. Kommt Ihnen das bekannt vor?