Like us

Die Frau, die aus dem Fenster stieg und verschwand

"Bernadette"
"Bernadette" ist eine manchmal etwas unausgegorene Mischung aus Komödie und Drama. Aber egal: Hauptdarstellerin Cate Blanchett ist das Kinoticket allemal wert.

Richard Linklater ist ein Regisseur der Extreme. Zwölf Jahre ließ sich der Amerikaner für seinen Film "Boyhood" Zeit, eine Langzeitstudie über einen texanischen Jungen, über die Jugend und über das Erwachsenwerden. Quasi in Echtzeit beobachtete er seine Hauptdarsteller beim Älterwerden. Sein nächstes Projekt, die Verfilmung des Stephen-Sondheim-Musicals "Merrily We Roll Along", will der Mann aus Houston gar über einen Zeitraum von 20 Jahren drehen. Dagegen ist ein Film wie "Bernadette" quasi ein schneller Wurf. Aber einer, der sich lohnt - auch wenn die Verfilmung von Maria Semples Bestseller "Wo steckst du, Bernadette?" in den USA an den Kinokassen floppte.

"Bernadette" beginnt und endet irgendwo in der Nähe des Südpols. In wunderschönen Bildern zeigt Linklater seine Hauptdarstellerin Cate Blanchett, wie sie in einem Kajak durch die eiskalten Wasser der Antarktis paddelt. Ausgerechnet hier, an diesem lebensfeindlichen Ort, scheint Bernadette, eine Frau um die 50, zu sich zu finden.

Zu Hause ist Bernadette in Seattle, wo sie mit ihrem Mann Elgin (Billy Crudup) und der 15-jährigen Tochter Bee (Emma Nelson) ein altes Kinderheim bewohnt. Elgin ist ein hohes Tier bei Microsoft und arbeitet dort an einem Gerät arbeitet, das es ermöglichen soll, die Gedanken eines Menschen auf einen Computerbildschirm zu übertragen. Natürlich funktioniert das nicht wirklich, aber dieses Scheitern ist eine schöne Analogie zu seiner Ehe: Was im Kopf seiner Frau so vorgeht, ist ihm ein Rätsel, das er wohl nur zu gerne mit einem elektronischen Hilfsmittel entschlüsseln würde.

Sie ist dann mal weg

Bernadette war einst gefeierte Architektin. Jetzt lebt sie mit Familie und Hund in einem Vorort und kann sich nicht damit abfinden, dass es vorbei ist mit der Karriere. Bernadette ist eine Zynikerin, die ihren Hass auf alles und jeden mit Begeisterung kultiviert: Sie hasst ihre Nachbarn, sie hasst die Eltern von Bees Mitschülern, und natürlich hasst sie sich auch selbst. Bernadette würde am liebsten völlig in den Eingeweiden ihres viel zu großen Hauses verschwinden.

Die Idee von Tochter Bee, gemeinsam auf Antarktis-Kreuzfahrt zu gehen, hält sich für entsprechend wahnsinnig. Aber sie lässt sich drauf ein, kauft Thermounterhosen und Outdoorjacken - und ist dann plötzlich weg. Bernadette springt aus dem Fenster, verlässt ihr verhasstes Leben, und will, ganz weit weg von allem, zu sich finden. Zurück bleiben ein Mann und eine Tochter, die erst langsam verstehen, was in ihrer Ehefrau und Mutter eigentlich vorgegangen ist in alle den letzten Jahren.

Wenn Regisseur Linklater auf seine Hauptfigur blickt, dann macht er das trotz ihrer Kratzbürstigkeit immer mit viel Liebe und Zuneigung. "Bernadette" ist einer dieser Filme, die ganz mit ihren Darstellern stehen und fallen, und Cate Blanchett füllt die nicht immer leichte Rolle, die sie hier zu spielen hat, fantastisch aus. Während sie das Drehbuch von einem Klischee zum nächsten treibt, bleibt Blanchett souverän, gibt ihrer Bernadette Ernst und Würde. Und das auch dann noch, wenn sich der Film nicht ganz sicher ist, was er sein will: Erzählt er engagiert von einer Frau mit offensichtlichen psychischen Problemen, oder ist er eine schräge Gesellschaftssatire, die sich selbst nicht ganz ernst nimmt?

"Bernadette" ist sicherlich nicht der beste Film von Richard Linklater - dass er hierzulande aber, anders als in den USA, nicht im Sommerloch in den Kinos verschwindet, ist dennoch erfreulich. Denn auch mit der riesigen Sonnenbrille auf der Nase, wie sie sie in diesem Film trägt, ist Cate Blanchett noch immer eine Schau.