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Das Trio wird zum Duo

Sleater-Kinney
Politisch, drastisch, düster: "The Center Won't Hold", das neue Album von Sleater-Kinney, ist ein schonungsloses Statement zum gesellschaftlichen Wandel in den USA.

Nach ihrer Gründung 1994 wurden Corin Tucker (Gesang, Gitarre), Carrie Brownstein (Gesang, Gitarre) und Janet Weiss (Schlagzeug) mit ihrer Band Sleater-Kinney ziemlich schnell als Impulsgeber der damaligen Frauen- und Riot-Grrrl-Bewegung identifiziert - neben Bikini Kill, Le Tigre und Team Dresch. Ihre Auftritte waren immer musikalische Faustschläge und zugleich feministische Statements. Nach einer Bandpause ab 2006 und der Reunion 2014 finden Sleater-Kinney sich in einer neuen Welt wieder - einer Welt, die von Neuem ihren Kampfgeist weckt, wie man auf "The Center Won't Hold" hört.

Annie Clark alias St. Vincent, seit Jahren ein Vorbild für viele Frauen im Musikbusiness, produzierte das inzwischen zehnte Album von Sleater-Kinney und verpasste der Band einen melancholischen, muskulösen und chaotischen neuen Sound. "Ich glaube, für Carrie und Corin war es befreiend, eine neue Klangpalette zu erkunden", erzählt Janet Weiss in der Presseinfo zur neuen Platte. Annie Clark habe "viel Erfahrung darin, ihren eigenen Sound aus Keyboards und Synthesizern zu erschaffen, also konnte sie unsere Lotsin dabei sein, auch diese neue Klangfläche mit Leben zu füllen und uns trotzdem noch wie Sleater-Kinney klingen zu lassen."

Einen herben Beigeschmack hat der musikalische Richtungswechsel allerdings schon jetzt: Janet Weiss verkündete Anfang Juli über einen Socal-Media-Beitrag ihren Ausstieg bei Sleater-Kinney. "Die Band schlägt eine neue Richtung ein, und für mich wird es Zeit, weiterzuziehen", erklärte sie darin. Das neue Album war zu dem Zeitpunkt bereits fertig.

Brachial, kämpferisch, mitreißend

Auch wenn der neue Weg nicht Weiss' Weg ist: Der Opener und Titelgeber der Platte, "The Center Won't Hold", macht durch seinen metallisch-hämmernden Rhythmus, bedrohliches Bass-Wummern und die typischen ekstatischen Gesangsstimmen schnell deutlich, dass mit Annie Clark und Sleater-Kinney musikalische Schwestern im Geiste zusammengefunden haben. Der punkige Sound der Band, schon immer ruppig, sperrig und zugleich melodiös, wird auf dem neuen Album konsequent weitergedacht. Alles wirkt fetter, dunkler und kleinteiliger, gleichzeitig gibt es aber immer auch den richtigen Hook, um die Hörer bei Laune zu halten.

Anstelle der kurzen, prägnanten Songs früherer Tage wurden facettenreiche Klangmonster geformt, die das nach den Präsidentschaftswahlen in den USA entstandene Chaos musikalisch wie textlich kommentieren. Schleppend-perkussive Songs wie "Ruins" tragen dröhnende Synthesizer mit sich herum, hoffnungsvolle Hymnen wie "The Dog The Body" setzen auf Einfühlsamkeit und poppige Unbeschwertheit.

Sleater-Kinney klingen jetzt anders, das neue Album ist aber durchaus nicht als Abkehr von der alten Szene, den alten Fans oder der Peer-Group zu werten. Die Gitarren wurden reduziert, Elektronik wurde integriert, Annie Clark setzt mit beißenden Störgeräuschen prägnante Markierungen, aber Sleater-Kinney verlieren nie ihren eigenen Charakter auf diesem brachialen, zeitgemäßen, kämpferischen und mitreißenden Album. Man darf gespannt sein, wie es mit der vorerst zum Duo geschrumpften Band weitergeht.