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Liebe, wem Liebe gebührt

Die Höchste Eisenbahn
Spätestens mit ihrem dritten Album "Ich glaub dir alles" hat sich die Berliner Popband Die Höchste Eisenbahn einen Liebesbrief verdient.

Ein Liebesbrief soll Zuneigung ausdrücken. Mal verblümt, mal unverblümt offenbaren Liebende ihre Gefühle, ihre Sehnsüchte, ihren Schmerz über das Nicht-Zusammensein oder über die vermaledeite Wortarmut bei wortraubenden Aufeinandertreffen. Die Popband Die Höchste Eisenbahn hat auf bisher zwei Alben und einer EP schon einige solche Liebesbriefe zu Papier und Platte gebracht. Darin geht es nicht nur um die Eine oder den Einen da draußen, sondern auch um das Nichtgenügen, das Auswegfinden, das Reißausnehmen, um das Fordern und Nachgeben, das ewige Zusammen und das langsame Auseinander - also um alles, was irgendwie dazugehört in der Liebe. Spätestens für sein neues, drittes Album "Ich glaub dir alles" hat das Berliner Quartett einen eigenen Liebesbrief verdient.

Lieber Francesco Wilking, lieber Moritz Krämer, lieber Max Schröder, lieber Felix Weigt, seit 2011 bildet Ihr nun das Bandprojekt Die Höchste Eisenbahn. Wobei das mit dem "Projekt" langsam überholt sein sollte - zu vertraut und eingespielt wirkt Euer Zusammenspiel inzwischen. Aus einer Supergroup auf Zeit entwickelte sich eine eigenständige Gruppe des Gleichklangs. Deutlicher macht dies kein Album als das jetzige, auf dem Ihr, Francesco und Moritz, häufiger als zuvor gemeinsam eure Zeilen singt. Doch nicht nur als Songwriter-Duo Wilking/Krämer solltet Ihr mittlerweile wahrgenommen werden. "Ich glaub dir alles" ist eine Moses-Schneider-Produktion, und der ist bekannt dafür, nur Bands aufzunehmen, die als Einheit funktionieren. Zu einer solchen seid Ihr längst zusammengewachsen.

Ja/Nein/Vielleicht?

Wieder zieht Ihr Euch fremde Schuhe an und blickt auf fremde Lebensentwürfe. Diesmal aber untypischerweise, ohne den Figuren Namen zu geben. Eine Ausnahme: die gegangene "Louise", die allerdings nicht so richtig gehen mag. In "Enttäuscht" stellt Ihr entwaffnend fest, dass man es eh nie allen recht machen kann. "Alle sind verwirrt, sind wir hier wirklich ohne Grund?", heißt es da etwa. Zu Beginn des Albums steht eine Ode an den Neuanfang - ob dieser gewollt ist oder auch nicht: "Faule Versprechen stehen Schlange, im Kopf ist niemand still. Und ich, ich will dieses Leben, und ich will, dass es mich will" ("Aufregend und neu"). In "Job" trifft frohe Erwartung auf Enttäuschung, in "Zieh mich an" geht Ihr therapeutisch Euren Ängsten und Abhängigkeiten nach. Richtig? Oder alles falsch?

Danke dafür, dass Ihr auch dieses Mal wieder den Interpretationsspielraum weit öffnet. Dafür, dass trotz all dem gemütlichen und ungemütlichen Mobiliar darin nach wie vor ein Eckchen zum Tanzen frei bleibt - wie etwa bei den Wave-Schubsern "Kinder der Angst" und "37,5 Grad". Und dafür, dass diese Räume auf allen Seiten offen sind, von allen Seiten begehbar. Denn auch wenn Eure Texte sich einmal nicht auf Anhieb erschließen, folgt man gerne den Wegweisern hinein in die gute Stube. Kein Verkopfen, kein Verkünsteln, kein Verschachteln: Avantgardistische Notausgänge und Falltüren sind nicht installiert. Es brennt keine Nebelkerze, sondern ein einladend warmes Kaminfeuer namens Pop. Sich nicht daran die Finger zu verbrennen, ist eine Kunst.

Es wird wieder etwas Zeit brauchen, bis das alles bei Euren Zuhörern seinen Platz findet, wie schon beim Vorgänger "Wer bringt mich jetzt zu den Anderen" (2016). Bei "Ich glaub dir alles" verzichtet Ihr fast gänzlich auf das Plakative und setzt noch mehr auf Verspieltheit, klingt dabei allerdings moderner als bisher, also ein bisschen nach den 80-ern. Das hilft sicher, um bald noch mehr Liebesbekundungen zu erhalten. Die Frage nach der Möglichkeit eines Miteinandergehens benötigt keine dreifaltige Antwortmöglichkeit aus Ja/Nein/Vielleicht. Unumgänglich, unumstößlich kann die antwort bei Euch nur ein klares "Ja!" sein.