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Die Reise ins O

Die Orsons
Zwischen Vengaboys, Deichkind und Hannes Wader verneigen sich Die Orsons mit "Orsons Island" vor den elektro-futuristischen Vordenken des vergangenen Jahrzehnts. Auf seinem fünften Album findet das schwäbische Quartett allerdings auch eine Katharsis im Drama.

"Wie findest du Rap?", fragen Die Orsons auf ihrer zweiten Single "Dear Mozart" vom mittlerweile fünften Album den Salzburger Komponisten posthum. "Ich find' ihn perfekt", fällt sogleich die fiktive Antwort aus, während man im Hintergrund die Synthie-Spitzen eines treibenden Autoscooter-Beats hört. Willkommen auf "Orsons Island", wo man zehn Minuten Tanzen eine "Mikrodosis Party" nennt.

Nachdem die vier ungleichen Charakterköpfe vor über zehn Jahren aus einer Schnapslaune heraus ihre kreativen Energien erstmals auf "Das Album" (2008) bündelten, hat sich das Projekt Die Orsons spätestens mit ihrem vierten Album "What's Goes?" (2015) und Hits wie "Ventilator" oder "Schwung in die Kiste" verselbstständigt. Der lose Zusammenschluss aus den Solokünstlern Tua, Kaas, Maeckes und Bartek bekam mit Platz zwei in den deutschen Albumcharts auch den finanziell-numerischen Beleg dafür, dass sie die Lücke zwischen Vengaboys, Deichkind und Hannes Wader nicht nur im HipHop entdeckt, sondern sie auch geschlossen haben. Trash, Kunst, Comedy - im überzuckerten Universum der schwäbischen Gruppe trifft die ausgelassene Naivität einer 90er-Eurodance-Party auf seriöses Songwriting und haufenweise Subtilhumor, der vor nischigen Szenediskussionen genauso wenig haltmacht wie vor Kommentaren zur politischen Großwetterlage. Eine Chaostruppe.

Wahnwitziger Pop-Konfetti-Wulst

Ironischerweise ist "Orsons Island" aber ein Konzeptalbum, unterteilt in vier Kapitel einer fiktiven Reise auf die titelgebende Insel. Diese Reise ist sehr emotional. Im Aufbau eines klassischen Dramas resultiert aus der bunten Partylaune vom Anfang schnell ein melancholischer Horrortrip mit toxischen Beziehungen ("Feuer & Öl") und der Angst vor den eigenen Dämonen ("Schneeweiß"), der sich nach einer Phase des Sich-fügens ("Sowas von egal") schließlich in lebensbejahender Liebe auflöst. Trash und Tragik, Kitsch und Komödie, bei den Orsons liegen zwischen diesen Zuständen oft nur wenige Takte. "Das mit uns beiden geht ja jetzt schon ein paar Tage länger / Ich weiß ich bin nicht Drake, aber du bist auch nicht unbedingt Rihanna", heißt es etwa in "Das Geschenk". Es ist ein großer wahnwitziger Pop-Konfetti-Wulst, in dem selbst eine Judith Holofernes als Backgroundsängerin fast unentdeckt bleibt.

Auf dem Fundament aus Ideen elektro-futristischer Vordenker wie James Blake, Jamie xx oder Flume befreit sich die Band auf "Orsons Island" erstmals seit ihrer Gründung von den Künstleregos der einzelnen Mitglieder und ergibt sich der kollektiven Dynamik ihres selbsterschaffenen Monsters Die Orsons. Der Gedanke der Aktzeptanz, der das Album abschließt, macht "Orsons Island" obendrein zu einem kathartischen Erlebnis - sowohl für die Band als auch für den Hörer. Schließlich steckt hinter jeder Reise immer auch eine Frage. "Orsons Island" zeigt allerdings, dass man nicht um die Welt fahren muss, um eine Antwort darauf zu bekommen. Die Antwort ist nämlich bei "Dir Dir Dir".