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"Ein Zusammenkommen von Menschen, die die Welt verändern wollten"

50 Jahre Woodstock
Drei Tage lang sollte es um Frieden und Musik gehen, drei Tage mit den größten Bands der Zeit: Vor 50 Jahren, vom 15. bis 17. August 1969, fand das legendäre Woodstock-Festival statt. Der Fotograf und Zeitzeuge Elliott Landy blickt zurück.

Musik-Festivals sind Horte der Freiheit. Fern von ständiger Erreichbarkeit suchen manche Besucher Entschleunigung, andere Ekstase - die Hauptsache ist das Miteinander. Der gemeinsame Nenner bei der Entsagung von jedwedem kulturellen wie hygienischen Luxus ist die Musik. Aber nicht nur: Das Raus-aus-allem ist für viele genauso wichtig. Nicht selten beruft man sich noch heute bei den Abertausenden Veranstaltungen auf der ganzen Welt auf eine bestimmte Zusammenkunft, damals im August 1969: Woodstock, das Elysion der "Counter Culture", im deutschen Sprachgebrauch: der 68-er. Elliott Landy erlebte das mythenüberzogene Happening (15. bis 17. August 1969) als offizieller Festival-Fotograf aus nächster Nähe. Ein halbes Jahrhundert später blickt Landy, dessen Bilder aktuell in mehreren Ausstellungen in Deutschland zu sehen sind, zurück.

Bestimmte "Vibrationen" seien damals zu spüren gewesen, erinnert sich der heute 77-Jährige am Telefon, eine "kosmische Energie" sogar. Das mag nach abgeschmackten Hippie-Phrasen klingen, Landy wählt seine Worte aber mit Bedacht. Immer wieder bittet er im Gespräch um einen kurzen Moment Bedenkzeit, er wolle die richtigen Worte finden. "Es war ein Zusammenkommen von Menschen, die die Welt verändern wollten. Keine 'straight business'-Typen wie sonst überall."

Zu groß und zu klein gedacht

Den Einwand, zumindest für die damaligen Organisatoren (insbesondere für die zwei jungen New Yorker Investoren Joel Rosenman und John Roberts) sei die Woodstock Music & Art Fair durchaus "straight business" gewesen, wehrt Landy ab: "Als sie merkten, dass das Ganze den Bach runtergeht, hätten sie auch abhauen können. Aber sie fühlten sich den vielen Leuten gegenüber verantwortlich." Und Außerdem: "Geld ist nichts Schlechtes. Es ist auch gar nichts Falsches daran, Geld zu machen", erklärt er - mit der Einschränkung: "Es kommt nur darauf an, wie, und was du daraus machst."

Fast eine halbe Million Festivalbesucher sollen es damals gewesen sein, mit 200.000 war geplant worden. Das bekannteste Musikfestival aller Zeiten war auch eines der am schlechtesten geplanten. Die erwarteten satten Gewinne blieben (lange) aus. Ein kurzer Vergleich zu heute: Erst kürzlich wurde die Jubiläums-Veranstaltung "Woodstock 50" abgesagt, unter anderem, weil kein geeigneter Austragungsort gefunden werden konnte.

Damals begann alles damit, dass das Produzenten- und Promotion-Duo Artie Kornfeld und Michael Lang im Wohnort des Letzteren, in Woodstock, die Eröffnung seines Musikstudios feiern wollte. Hier, wo sich seinerzeit unter anderem Bob Dylan niederließ, um sich von einer Götzenverehrung rund um seine Person zu erholen, zwei Autostunden nördlich von New York City. Aus dem Eintagesfestival wurden erst zwei, dann "3 Days of Peace & Music", wie es in den vielen der sogar in Europa geschalteten Anzeigen hieß (tatsächlich endete das Event dann erst am Morgen des vierten Tages). In Woodstock selbst gab es für das Festival keinen geeigneten Platz. Nach diversen Umplanungen und mit einigen Schwierigkeiten fand man in Bethel, 70 Kilometer südwestlich des Musiker- und Künstlerstädtchens, eine Farm als Austragungsort sowie ein Motel als Kommandozentrale.

Der Blick für das Wesentliche

"Den Bach runter", wie es Elliott Landy umschreibt, ging es im doppelten Sinne. Zum einen regnete es immer wieder in Strömen. Zum anderen kamen Tausende Besucher bereits bis zu zwei Wochen vor Beginn des Festivals. Man ließ sich nieder, bevor Zäune oder Kartenhäuschen standen. Bis zum ersten angezählten Takt riss der Zustrom nicht ab, alle Wege zum Festivalgelände waren über Tage verstopft.

Beim Aufbau konzentrierte man sich primär auf die Bühne, die Künstler mussten teils per Helikopter eingeflogen werden. Und: Woodstock wurde notgedrungen zum Gratisfestival - zahllose Besucher waren bereits auf dem Gelände, als noch keine Tickethäuschen besetzt waren. Als sie davon Wind bekamen, ließen sich The Greatful Dead und The Who aus Angst, am Ende mit leeren Händen dazustehen, schleunigst noch vor ihren Auftritten auszahlen. Die hohen Kosten konnten erst durch den Erfolg der anschließenden Vermarktung gedeckt werden, etwa mit der dem Mythos zuträglichen Dokumentation "Woodstock" (1970).

Unser heutiger Blick auf dieses Jahrhundertereignis ist ganz wesentlich von diesem Film bestimmt, genauso wie von Elliott Landys Fotografien. Dass Woodstock seit jeher vorrangig als gesellschaftlicher und kultureller Meilenstein verstanden wird, ist auch ihm zu verdanken. Während die Organisatoren ständig unter Strom standen und viele Versäumnisse wie Unvorhergesehenes zu begradigen versuchten, schlurfte Landy durch die Massen, schaute sich Backstage um oder stellte sich neben die musizierenden Superstars auf die Bühne.

"Ich wollte damals einfach alles einfangen. Das fühlte sich natürlicher an, als nur den Musikern nachzulaufen." So entstanden die weltweit ikonischen Bilder von sich umarmenden und küssenden Pärchen und von berauschend tanzenden oder berauscht dreinschauenden jungen Männern und Frauen. The Gateful Dead, The Who, Joan Baez, Santana, Creedance Clearwater Revival, Janis Joplin, Jefferson Airplane, Joe Cocker, The Band, Crosby Stills Nash & Young und Jimi Hendrix machten Woodstock zu einem Festival mit großer Promi-Dichte. Zu etwas Besonderem wurde es aber erst durch die Menschen im Publikum.

Wie auch heute lebte Elliott Landy damals in Woodstock. "The best place to live", sagt er. "Aber Worte können das gar nicht vermitteln." Er erzählt auch, dass das Städtchen bereits 1902 von einer Künstlerkolonie bevölkert wurde, "mit dem Anspruch, einzig und allein von ihrer Kunst und vom Handwerk zu leben". Diese Utopie sei noch immer eine gelebte, die sogenannte Byrdcliffe Colony ist die älteste ihrer Art in den USA. Man scheue sich einfach nicht vor Visionen, hier zwischen der Weltstadt und Ausläufern der Appalachen. Genauso wenig wie vor einem bunten Treiben: "In den 30-ern eröffnete das Woodstock Playhouse, wo man so etwas wie Mardi Gras für die Avantgarde feierte, mit Clowns und anderen Verkleidungen." In den 1960-ern schließlich zog es reihenweise Musiker nach Woodstock, Peter Yarrow (Peter, Paul & Mary) etwa, oder den Festival-Eröffner von 1969, Richie Havens.

Weiter träumen trotz bösem Clown

Bob Dylan und The Band trieb es 1966 aufs Land - und den Mythos um diese "Musikerstadt" in unwahrscheinliche Sphären. Über deren Agenten Albert Grossman, der schon länger in Woodstock wohnte, kam Landy zu dem Auftrag, die legendäre Dylan-Begleitband zu fotografieren (verwendet für "Music From Big Pink", 1968), später auch den Superstar (unter anderem für die Rückseite der "Nashville Skyline"-LP, 1969). Das ließ Michael Lang aufhorchen - der übrigens auch beim gescheiterten "Woodstock 50"-Projekt die Finger im Spiel hatte. Man kannte sich über Landys Schwester. Für den Auftrag, das Festival mit dem Fotoapparat festzuhalten, sei damals keinen Vertrag nötig gewesen: "Michael fuhr mit dem Motorrad bei meinem Haus vor, erzählte, was er plante, und ich antwortete: 'Klar, mache ich'", rekapituliert er. "Da war kein Geld im Spiel, nicht einmal einen Handschlag brauchte es."

Der lockere Umgang gehörte eben dazu. Dieser Vibe von damals sei auch heute noch in Upstate New York wahrnehmbar. Manche buddhistisch angehauchten Nachbarn vermuten laut Landy sogar eine unterirdisch verlaufende Energielinie unter Woodstock. Das seien die gleichen, die damals 1969 glaubten, man würde das "Wassermannzeitalter" einläuten, in dem sich endlich alles zum Guten wenden wird. Man schwor sich gemeinsam beim Woodstock-Festival auf Ideale ein: "Es ging uns um Gleichberechtigung von Frauen und Minderheiten, um die Umwelt und um diesen beschissenen Krieg. Manche sprachen darüber, andere mussten es gar nicht. Man war sich einig", blickt Landy zurück.

Dass sich viele der damaligen Träumereien zerschlagen haben oder dass sie bis heute Träumereien geblieben sind, will der Fotograf gar nicht verneinen. Doch diese Träume aufzugeben, sei keine Option: "Das Leben wird nie gut sein, wenn es keine Hoffnung gibt." Nach einer abermaligen kurzen Pause fügt er hinzu: "Menschen wollen sich gut fühlen. Und das geht nur, wenn man gut ist und anderen hilft." Auch ein "Evil Clown" wie Donald Trump im Weißen Haus könne daran nichts ändern. Die Jugend, die hier für den Umweltschutz, dort für strengere Waffengesetze durch die Straßen zieht, stimmten ihn bei allen sonstigen Schreckensmeldungen dieser Tage besonders zuversichtlich. Genauso, dass es auch weiterhin Musik und Musikfestivals gebe - und immer geben werde.

Ausstellung: Elliott Landy's Woodstock Vision - The Spirit Of A Generation

Papenburg, Hauptkanal (eröffnet, bis 2. September)

Emmen, Rensenpark (NL, eröffnet, bis 2. September)

Karlsruhe, Schlosslichtspiele (eröffnet, bis 15. September)

Nürnberg, St. Egidienkirche (16. August bis 30. September)