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Das schafft nur das Leben

Enno Bunger
Ein größeres Label könnte Enno Bunger ein größeres Publikum einbringen. Das Größte bei alldem ist aber sein neues Album "Was berührt, das bleibt".

Früher wurde der Deal mit einem Major-Label in Indiekreisen noch skeptisch beäugt. Man verkaufe damit seine Werte und letztlich sich selbst, lautete der häufige Vorwurf. Doch dieser heilige Zorn ist heute nur noch selten zu vernehmen - vielleicht, weil sowohl Mitarbeiterstämme als auch Vorschüsse der vermeintlich raffgierigen Musik-Managements zusammengeschrumpft sind. Aber wäre die alte Furcht weiterhin berechtigt, chartbewusste Reinredner könnten unbescholtene, reine Musikerseelen verderben? Untersuchungsobjekt: Enno Bunger. Der ostfriesische Singer/Songwriter veröffentlicht mit "Was berührt, das bleibt" sein viertes Album, und das erste als Labelkollege von Johannes Oerding und Tim Bendzko bei Columbia Records, einer Tochter von Sony Music.

Den musikalischen Ansatz haben die Mannen gemeinsam: Meist hört man Gefühliges mit Piano, Percussion und Akustikgitarre. Bungers (bisheriges?) Publikum wird hier allerdings protestieren, und tatsächlich: Der 32-Jährige hat sich bei seiner Anhängerschaft weder mit (über-)griffigen Pop-Schemata noch mit Konsens-Gesäusel einen Namen erspielt. Enno Bunger tourt seit gut zehn Jahren durch den deutschsprachigen Raum - mit eigenen Worten zum eigenen Befinden, mit sozialkritischer Kante und einem trockenen, nordischen Witz.

Liebe, Freundschaft, Angst und Tod

Bei seinem neuen Album konzentriert er sich auf Ersteres. An einer Maulsperre liegt das nicht, sondern vielmehr an dem, was dem Musiker in den vergangenen Monaten widerfuhr. Es gibt viel aufzuarbeiten: Liebe, Freundschaft, Angst und Tod. Und alles hängt so unwahrscheinlich eng zusammen. "Mit Dir in meinen Armen hab ich mein Leben im Griff", heißt es im Refrain von "One-Life-Stand". Bunger ist sich seiner Sache sicher: Sarah, seine Freundin - für immer. Mit seiner wortgewaltigsten Waffe, dem Sprechgesang, zielt er dabei nicht nur bei ihr aufs Herz. Volltreffer. Doch das ist nicht der einzige Liebesbeweis auf diesem Album.

Ganz viel Liebe bekommt auch sein Schlagzeuger und bester Freund der Welt Nils Dietrich ab. "Wenn ich von Freundschaft sprach, hab ich immer dich gemeint", singt Bunger in "Ponyhof", einer sechseinhalb Minuten langen, vertonten Hochzeitsrede vom Trauzeugen, die tatsächlich als solche diente. "Jetzt steht ihr hier vor uns mit Ringen an den Händen", richtet er sich am Ende an das junge Brautpaar. "Die Köpfe voller Liebe, träumt von Dingen, die nie enden." So ehrlich-gutherzig das klingt und verpackt ist, so niederschmetternd muss sich das Lied heute für alle Beteiligten anfühlen: Nils' Frau Lena starb nicht lange nach der Hochzeit an Leukämie. "Alles ist gut, hast du noch gerade fest geglaubt, bis dir das Leben in die Fresse haut", kommentiert Bunger im tief-depressiven Stück "Glaube an die Welt".

Album statt Therapie

Der Verlust einer Freundin, der trauernde beste Freund - das hinterließ tiefe Spuren auf dieser Platte. Und damit nicht genug. Noch ein paar Monate später erkrankt Bungers Freundin Sarah ebenfalls an Krebs. "Stark sein" erzählt aus dieser Zeit und von den vielen Stunden im Krankenhaus: "Jeder Pieks in deinen Arm ist ein Stich in mein Herz." Sarah ist mittlerweile geheilt, schwer mitgenommen haben diese Monate trotzdem. Eine Therapie, so der Künstler, wäre sicherlich angebracht gewesen. Die aufgestauten Gefühle flossen stattdessen in dieses umwerfende Album.

Und was ist nun mit dem Wechsel zum großen Label? Was die Fans von Enno Bunger freuen wird: Außer, dass sich ihr Lieblingstexter nun schon fünf (!) stimmungsgerechte und aufwendige Videos zum Album hat leisten können, hat sich wenig geändert. Befürchtungen, die Single Nummer eins streute (der Formatradio-Anwärter "Bucketlist"), waren unbegründet. Die Großindustriellen zwangen dem Wahlhamburger weder teure Songwriter noch fremde Produzenten auf. Alte Weggefährten wie Roland Meyer de Voltaire und Tobias Siebert beteiligten sich an der Platte genauso wie Kumpel Nils Dietrich und Freundin Sarah, hauptberuflich eine Hälfte des Geschwister-Pop-Duos Sarah & Julian. Der Wechsel zum Major-Label konnte Enno Bunger nichts anhaben. Das schafft nur das Leben.