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Organisiertes Chaos

Freddie Gibbs & Madlib
Auf ihrem zweiten Kollabo-Album "Bandana" demonstrieren Produzent Madlib und Rapper Freddie Gibbs ihre gemeinsame Liebe zum Detail zwischen Bollywood-Samples und Straßenpoesie und erschaffen so einen heißen Kandidaten für das beste Rap-Album des Jahres.

Produzent Madlib und Rapper Freddie Gibbs sind ein ungleiches Paar. Auf der einen Seite (Madlib) steht ein Plattensammler und Multiinstrumentalist, der seit zwei Jahrzehnten immer wieder neue Nischen im HipHop findet. Auf der anderen Seite (Gibbs) ein Ex-Drogendealer aus dem eher strukturschwachen US-Bundesstaat Indiana, der eine kriminelle Laufbahn bis zur Entdeckung seines Rap-Talents tatsächlich als Berufsoption ansah. Ein harter Bursche und ein sensibler Künstler. Doch als der selbsternannte Beat Konducta Madlib und der Babyface-Gangster Gibbs auf ihrem gemeinsamen Album "Piñata" 2014 aufeinandertrafen, entstand etwas, das es im HipHop nur noch alle paar Jahre gibt: ein Album-Klassiker, auf den sich so ziemlich alle einigen konnten, die Reimen auf Kick und Snare etwas abgewinnen können.

Fünf Jahre später findet dieses überraschende Dream Team wieder zusammen. Freddie Gibbs ist hüben wie drüben immer noch so etwas wie ein Geheimtipp unter Rap-Fans, und auch Madlib hat seinen Ruf als Insidertipp weitestgehend behalten, obwohl er 2019 ein paar Kollabos von Weltrang zu seiner Diskografie hinzufügen konnte - unter anderem mit Kanye West, Kendrick Lamar und Snoop Dogg. Gibbs wurde allenfalls in europäischen Medien thematisiert, als er im Juni 2016 in Frankreich wegen Vergewaltigungsvorwürfen verhaftet wurde. Obwohl es später zum Freispruch kam, verarbeitete Gibbs diese Erfahrungen auf dem darauffolgenden Album "You Only Live 2wice" (2017). Auf "Bandana" spielt dies nur noch eine untergeordnete Rolle (manche Texte sollen allerdings noch in Haft entstanden sein), wenn er etwa auf dem geschmeidigen Soul-Flip "Gat Damn" rappt: "Beat the verdict, but lost a milli', guess life ain't perfect".

Das beste Rap-Album des Jahres?

Auf kommerziellen Erfolg ist man hier ohnehin nicht aus, es geht um die Kunst. Ein Jahr soll es beispielsweise gedauert haben, die Nutzungsrechte für alle Samples einzuholen. Abgesehen von klassischen HipHop-Bezugsquellen wie Soul oder Funk wühlt sich Madlib für seine Sound-Collagen nämlich auch gerne durch persische New-Age-Platten und Bollywood-Soundtracks aus den 70-ern. Das musikalische Fundament von "Bandana" klingt, als hätte man ein Psych-Rock-Orchester in einen Drumcomputer gesperrt und alle vier Takte eine neue Taste gedrückt. Mal knistern Bläser-Sätze über Bass-Loops, mal driftet verspielter Hindi-Pop über lineare Drum-Arrangements - das hier ist organisiertes Chaos!

Zusammengehalten wird der Sound von Freddie Gibbs' herablassender Bariton-Performance, die kaltschnäuzigen Realismus über die Takte dichtet. Mit seinen hörbaren Rap-Einflüssen aus den 90-ern fächert der 37-Jährige hier die ganze Palette seines Könnens auf. Weder Tempi- noch Stimmungswechsel können Gibbs' variablem Flow etwas anhaben, und so jongliert er auch bedeutungsschwangere Themen wie Kolonialismus und Detox-Tee auf demselben Beat. An anderer Stelle hängt er die Hochs und Tiefs des Gang-Alltags anhand von Massagesesseln auf. Gedankenströme treffen auf Erfahrungsberichte, Sozialkritik auf Angebersprüche.

Es ist die Liebe zum Detail, die Gibbs und Madlib letztlich vereint. "Bandana" strotzt nur so vor Querverweisen und Denkanstößen. Das macht das zweite Kollabo-Album zu einem mehrdimensionalen Hörerlebnis, das als Gangsterstreifen vor dem inneren Auge ablaufen kann, aber auch als Bestandsaufnahme der (schwarzen) kulturellen Großlage in den USA durchgeht. Klar, dass auf so einem Neo-Blaxploitation-Trip nur Rap-Hochkaräter wie Killer Mike, Pusha T, Anderson .Paak, Yasiin Bey und Black Thought als Gäste infrage kommen. "Bandana" ist ein heißer Kandidat für das beste Rap-Album des Jahres. Alles andere wäre untertrieben.