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Von wegen Erholung!

"Spider-Man: Far From Home"
In seinem ersten Solo-Auftritt nach "Avengers: Endgame" verschlägt es Peter Parker alias Spider-Man auf eine Klassenfahrt nach Europa. An Urlaub vom Superheldendasein ist jedoch nicht zu denken, wie "Spider-Man: Far From Home" beweist.

Ein Superheld hat es nicht leicht. Vor allem dann nicht, wenn er mitten in der Pubertät steckt. Wenn die erste große Liebe vor der Tür steht und wenn das Ich noch keineswegs gefestigt ist. "Spider-Man: Homecoming" (2017), das erste Solo-Abenteuer mit Tom Holland als Peter Parker alias Spider-Man, war mindestens zur Hälfte ein Film über das Erwachsenwerden, über die Unsicherheiten im Teenager-Alter und bildete damit eine charmante Abwechslung zum sonstigen Treiben der Weltenretter auf der großen Leinwand.

Der neue Teil schlägt in dieselbe Kerbe, stellt den durch die Lüfte schwingenden Jugendlichen aber vor noch größere Herausforderungen. Schließlich muss er seit dem Tod Tony Starks in "Avengers: Endgame" ohne seinen Mentor auskommen. Da Peter dieses Mal auf einer anstehenden Klassenfahrt durch Europa endlich seiner Schulkameradin MJ (Zendaya) seine Liebe gestehen will, ignoriert er den Anruf des S.H.I.E.L.D.-Leiters Nick Fury (Samuel L. Jackson), der die Unterstützung Spider-Mans aktuell gut gebrauchen könnte.

Viel Zeit zum Entspannen bleibt Peter auf dem Trip allerdings nicht, denn schon kurz nach seiner Ankunft in Venedig taucht dort ein Wasserungetüm auf, das in der Lagunenstadt für Chaos und Verwüstung sorgt. Das Eingreifen des aus einem Paralleluniversum kommenden Quentin Beck alias Mysterio (Jake Gyllenhaal) verhindert Schlimmeres. Doch er und Fury sind sich sicher, dass in Kürze ein Feuermonster Prag bedrohen werde. Wegen seiner MJ-Mission ziert sich Peter dennoch, den beiden unter die Arme zu greifen.

Sympathische Liebesgeschichte

Der Titelheld ist abenteuerlustig, streift gerne sein Kostüm über, hat seinen Platz aber noch nicht gefunden. Welche Rolle er einnehmen soll, wie viel Verantwortung ihm zufällt und was Tony Stark von ihm erwarten würde, sind Fragen, die ihn fortlaufend beschäftigen. "Spider-Man: Far From Home" spinnt den Coming-of-Age-Ansatz des Vorgängers weiter, ohne dabei zu ermüden oder in monotone Grübeleien abzudriften. Vielmehr verpassen Regisseur Jon Watts, der schon das erste Kapitel inszenierte, und seine Drehbuchautoren Peters Selbstfindung eine erfrischende Leichtigkeit. An jeder Ecke wartet ein Witz, und erstaunlich viele finden ihren Weg ins Ziel. Bloß sporadisch hat man das Gefühl, dass es der Film mit seinen Späßen ein wenig übertreibt.

Herrlich amüsant und ebenso rührend ist die verdruckste Annäherung zwischen dem von Tom Holland erneut pfiffig-sympathisch gespielten Spinnenmann und seinem heimlichen Schwarm. Auch wenn man ahnt, wie das Ganze ausgehen wird, packt der schüchterne Liebestanz einen immer wieder. Einfach deshalb, weil er absolut ehrlich rüberkommt. Romantik, Humor und Action verteilen sich gut auf die zweistündige Laufzeit. Und nicht nur die Protagonisten erhalten Gelegenheit, sich hervorzutun. Lustige Akzente setzen auch einige Nebenfiguren, etwa der Sicherheitschef Happy Hogan ("The Jungle Book"-Regisseur Jon Favreau) oder Peters bester Freund Ned (Jacob Batalon), der seinen Kumpel bereits auf dem Weg nach Europa kräftig überrascht.

Eine markante Plot-Wendung im Mittelteil ist zwar nicht sonderlich verblüffend, verleiht der Handlung aber trotzdem eine neue, spritzige Dynamik. Die Motivationen hinter dem Twist hätten sicherlich noch etwas mehr Aufmerksamkeit verdient gehabt. Erzählerische Kunststücke darf man von einem Popcorn-Spektakel wie diesem jedoch nicht erwarten. Jon Watts nimmt den Richtungswechsel immerhin zum Anlass, um dem Publikum einige kreativ gestaltete, verrückte und abgründige Bilder um die Ohren zu hauen.

Wer sich im Marvel-Universum auskennt, weiß, dass man auch beim Abspann sitzen bleiben sollte, da dort stets kleine Zugaben versteckt sind. Für "Spider-Man: Far From Home" gilt dies in besonderem Maße. Hier lauern zwei Paukenschläge, die die Vorfreude auf den Fortgang der Peter-Parker-Geschichte ordentlich anheizen.