Like us

Liebe in Zeiten des Aufruhrs

"Niemandsland - The Aftermath"
Im Nachkriegsdeutschland entwickelt sich eine zarte Romanze zwischen einem Deutschen und einer Engländerin. Eine Liebe, die nicht sein darf?

Mit dem Zweiten Weltkrieg hat sich das Kino im Lauf der Jahrzehnte umfassend auseinandergesetzt. Die Zeit direkt nach Kriegsende aber wird häufig ausgespart. Derzeit beschäftigen sich allerdings gleich zwei Filme mit den Monaten und Jahren des Wiederaufbaus, in Deutschland, aber auch in anderen Teilen Europas. "Trautmann" erzählt, wie ein deutscher Fallschirmjäger nach Kriegsende in England zum Nationalhelden wurde, und "Niemandsland - The Aftermath" enstpinnt nun eine tragische Liebesgeschichte im Hamburg des Jahres 1946.

Die Hansestadt war damals Teil der britischen Besatzungszone. Zu Beginn des Films beschlagnahmt das Militär Häuser für seine hohen Offiziere. Die Maßnahme trifft auch den Architekten Stefan Lubert (Alexander Skarsgard), in dessen Haus der britische Colonel Lewis Morgan (Jason Clarke) mit seiner Frau Rachael (Keira Knightley) einquartiert werden. Lubert selbst und seine Tochter müssen auf den Dachboden ausweichen - immerhin aber bleibt ihnen das Flüchtlingslager erspart. Weil Colonel Morgan nur selten zu Hause ist, verbringt seine Frau viel Zeit mit Lubert. Zwischen der Britin und dem Deutschen entspinnt sich eine zarte Liebelei, die den beiden etwas gibt, das sie seit dem Tod ihres Sohnes und er seit dem Tod seiner Frau nicht mehr kannte: ein Gefühl von Glückseligkeit.

"Niemandsland - The Aftermath" ist klassisches Gefühlskino, bei dem der Ort der Handlung fast austauschbar ist. Das ist im Roman von Rhidian Brook, der dem Film von James Kent zugrunde liegt, noch anders. Brook räumt auch Nebenhandlungen gebührend Platz ein, sein Buch lebt von der Atmosphäre des zerstörten Hamburgs. All das fällt im Film fast völlig unter den Tisch. Die Probleme mit Widerständlern der ehemaligen Hitlerjugend oder die Entnazifizierung von Skarsgards Figur sind nur Nebenschauplätze, die fast bedeutungslos bleiben.

Ein Anständiger unter Anständigen

Irritierend ist das insbesondere für Alexander Skarsgards Figur. Der deutsche Architekt Lubert scheint grundanständig zu sein und hat sich auch in Kriegszeiten nicht schuldig gemacht. Aber er bleibt auch schwer greifbar, weil man kaum etwas über ihn oder seine Gefühlswelt erfährt. Dramatischer wäre die Geschichte sicherlich gewesen, wenn Luberts weiße Weste ein paar Flecken gehabt hätte. So ist er ein Anständiger unter Anständigen.

Unbefleckt sind auch Colonel Morgan und seine Frau Rachael. Beide sind einander entfremdet, weil er sich nach dem Tod des gemeinsamen Sohnes von ihr zurückgezogen hat. Sie wiederum vermisst echte Liebe, die sie in Lubert zu finden hofft. Aber auch diese Beziehung basiert weniger auf echten Gefühlen als vielmehr drauf, dass sich hier zwei Menschen gefunden haben, die eine Leere in ihrem Inneren füllen wollen.

Auch wenn "Niemandsland - The Aftermath" die Möglichkeiten, die das historische Setting bietet, kaum nutzt: Als Melodram funktioniert James Kents großartig ins Szene gesetzter Film durchaus. Als Zuschauer weiß man nie, welchem der beiden Männer - Lubert oder Morgan - man nun die Daumen drücken soll, denn einer muss verlieren, verdient hat das aber keiner. Auch Morgan ist ein anständiger Mann. Jemand, der den Besiegten mit Respekt begegnet und ihnen ihre Würde lässt.